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Die militärische Situation am 20. April 1945 in Deutschland

Am 18. April hatte der sogenannte Ruhrkessel, in dem die Amerikaner 21 deutsche Divisionen - die Heeresgruppe B - eingeschlossen hatten, kapituliert. Der Befehlshaber, Generalfeldmarschall Model, erschoss sich. Am gleichen Tag wurde Magdeburg eingenommen, am 19. Leipzig. Am 20. April - dem damals so genannten Führergeburtstag - fiel die "Stadt der Reichsparteitage"- Nürnberg. Die Amerikaner und Engländer hatten an mehreren Stellen die Elbe erreicht. Vor Bremen und Hamburg fanden Kämpfe statt. Noch wurden Frankfurt/Oder und das westliche Ufer der Oder bei Stettin gehalten. Die sowjetischen Truppen standen etwa 30 Kilometer vor Berlin, nachdem sie am 16. April die Offensive gegen Berlin mit 2,5 Millionen Mann und 6.000 Panzern begonnen hatten. 

In Südwestdeutschland wurde Darmstadt bereits am 25.3. besetzt, Frankfurt, Wiesbaden und Mannheim am 29.3., Würzburg am 11.4., Bamberg am 13.4., Forchheim am 14.4., Erlangen am 16.4, Fürth am 17.4. und Ansbach am 18.4. Im engeren Umfeld von Crailsheim besetzten die Amerikaner Bad Mergentheim am 7.4., Rothenburg am 12.4., Schwäbisch Hall am 17.4. abends und Ansbach am 20.4. Am 20.4. standen Amerikaner und Franzosen vor Göppingen, Tübingen und Stuttgart.

Am 20. April wurde beschlossen und auch gleich ausgeführt, das Oberkommando der Wehrmacht (OKW) in ein Nord- und Südkommando zu teilen, da man die Teilung Deutschlands bzw. das Zusammentreffen der westlichen Alliierten und der Sowjets absehen konnte, was auch am 25.4. eintrat.

Warum wurde in einer solchen aussichtslosen Situation weitergekämpft?
Die Forderung der Kriegsgegner nach bedingungsloser Kapitulation und der geplanten - Hitler und dem OKW bekannten - Aufteilung Deutschlands in Besatzungszonen sowie der in den USA weitgehend öffentlich geführten Diskussion über das Schicksal Deutschlands (u.a. der Morgenthau-Plan) mögen erklären, warum Chancen zu einer früheren Beendigung des Krieges nicht wahrgenommen wurden. Am 20. April 1945 aber basierte die Sicht Hitlers - und die von Teilen der Militärführung - auf einer großen Illusion.


 Am 12. April 1945 war der amerikanische Präsident Roosevelt verstorben. Da er als der Mann galt, der Amerika in den Krieg bringen wollte, hoffte man darauf, dass sein Nachfolger möglicherweise nicht mehr auf der bedingungslosen Kapitulation bestehen und schließlich die Westalliierten auch die Gefahr erkennen würden, die eine Sowjetunion in Mitteleuropa darstellen würde.


 Seit spätestens dem 18. März 1945 - es ist wahrscheinlich, dass es schon im Januar in deutsche Hände gefallen ist - war im OKW das Geheimdokument "Eclipse" bekannt, das die Aufteilung Deutschlands in Besatzungszonen und die Behandlung der Deutschen nach der bedingungslosen Kapitulation beschrieb. Für die Wehrmachtsführung ging es ohnehin darum, härtesten Widerstand gegen das Vordringen der Sowjets zu leisten. Möglicherweise spielte dabei der Gedanke mit, dass das auch zu einer Revision der geplanten Grenzen der Besatzungszonen führen könnte. Im mittleren Teil Deutschlands wurde vor allem den Amerikanern ein nur hinhaltender Widerstand geleistet. Wichtig war im hier beschriebenen Zeitraum - um den 20. April -, möglichst viele deutsche Soldaten in den Bereich der Westalliierten zu überführen, da man sich ja der Illusion hingab, in einem überschaubaren Zeitraum mit ihnen gegen die Sowjetunion kämpfen zu können. (Das gelang auch. In sowjetischen Händen waren bei Kriegsende etwa 3,5 Millionen deutsche Kriegsgefangene, in den Händen der Westalliierten mehr als 11 Millionen Kriegsgefangene.)


 Die Illusion des Zusammengehens mit den Westalliierten erklärt auch den weitaus stärkeren Widerstand gegen das Vordringen der Amerikaner und Franzosen in dem der Donau vorgelagerten Raum. Hier wollte man in der sogenannten Alpenfestung die nötige Zeit für den erhofften Umdenkprozess bei den Amerikanern und Engländern gewinnen. (Von ihrem Einsatz in Ungarn und um Wien, das am 13.4. fiel, bewegten sich in den Alpenraum auch die noch vorhandenen Elite-Divisionen der SS der 6. SS-Panzerarmee unter Sepp Dietrich.)

Nur: die Alpenfestung war nicht vorhanden. Es gab zwar die Alpen - aber keine Befestigungen und keine Vorräte für eine Belagerung durch die Alliierten. Die illusionäre Hoffnung jedoch, dass es eine Alpenfestung und mit ihr Zeitgewinn gäbe, hatte sicherlich ihre kriegsverlängernde Wirkung. Das ist mit ein Grund, warum es noch zu den Kämpfen bis in den Raum Crailsheim kam, die den Vormarsch der Amerikaner und Franzosen abbremsen sollten. Diese Illusion kostete vielen Menschen das Leben – nicht nur in Crailsheim.

 

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© Armin Ziegler