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Bestandsaufnahme – Verluste und Zerstörungen durch Kriegsereignisse

Das Kriegsende war für Crailsheim ein Ende mit Schrecken. Und trotzdem fühlten sich die Menschen zutiefst erleichtert, daß es nun keine Bombenangriffe und keine Kämpfe mehr gab. Für die Menschen begann aber jetzt eine Zeit anderer großer Sorgen und Bedrängnisse, die für viele Befreiungsgefühle noch nicht bewußt werden ließ. Es gab auch nicht wenige, für die eine Welt zusammenbrach, da sich ihre Vorstellungen von einem nationalsozialistischen Deutschland als eine Illusion erwies, als sie nach und nach mit Erschrecken und Scham von dem erfuhren, was unter dem NS-Regime geschehen war.

Doch erst einmal war das Denken auf recht Naheliegendes ausgerichtet. Das war vor allem, ob und wie die Männer und Söhne – oft auch Frauen und Töchter – den Krieg überstanden hatten. Waren sie noch gefallen, waren sie in Kriegsgefangenschaft – bei welchem der Sieger – und würden sie mit heilen Gliedern heimkommen? Und wie sollte man die Zeit ohne sie bewältigen?

Diese Sorge und Ungewißheit dauerte oft sehr lange. In alliierte Kriegsgefangenschaft waren 11,1 Millionen deutsche Soldaten geraten, davon 3,8 Millionen in amerikanische, 3,7 Millionen in britische, 3,15 Millionen in sowjetische, 245 000 in französische und 194 000 in jugoslawische. Die USA gaben rund 700.000 Kriegsgefangene an Frankreich und etwa 135.000 der Heeresgruppe Mitte an die Sowjetunion ab, Großbritannien
übergab 65.000 Kriegsgefangene an Frankreich, Belgien und die Niederlande. Die Sowjetunion übergab 25.000 deutsche Kriegsgefangene an die Tschecheslowakei und 70.000 an Polen. (1)

Bis zur Heimkehr dauerte es oft Jahre. Aus Rußland kamen offiziell die letzten Kriegsgefangenen – durch Verhandlungen Adenauers in Moskau – erst im Jahr 1955 zurück, sofern sie überlebt hatten. 1,1 Millionen Deutsche starben in der Sowjetunion in Gefangenschaft, in jugoslawischer etwa 80.000, aber auch in amerikanischer starben z.B. in den sogenannten Rheinwiesen-Lagern ungezählte der bei Kriegsende gefangenen deutschen Soldaten. (1)

Es gibt für 1945 und 1946 keine Zahlen über die Einwohner der Stadt Crailsheim, die in Kriegsgefangenschaft geraten bzw. wie viele in den unmittelbaren Nachkriegsjahren noch in Kriegsgefangenschaft waren. Es wird nur wenige Familien in Crailsheim gegeben haben, die nicht von Sorgen um Menschen in Gefangenschaft betroffen waren.

Die Einwohnerzählung vom 4. Dezember 1945 gibt die Größenordnung des Problems wieder: Kamen im Kreis Crailsheim 1939 auf 1.000 erwachsene Männer 995 Frauen, so waren es im Dezember 1945 1.000 Männer auf 1.485 Frauen. (2)

Die genauen Zahlen der Kriegsgefangenen für den Kreis Crailsheim stammen erst aus dem Jahr 1947. Für Württemberg-Baden gibt es eine Gesamtübersicht für Mitte 1947 über die Vermißten und die noch in Kriegsgefangenschaft und Zivilinternierung befindlichen Einwohner des Landes untergliedert nach Kreisen. Das waren mehr als zwei Jahre nach Kriegsende für den Kreis Crailsheim noch 1.848 Vermißte (3,1 Prozent der Bevölkerung) und 1.665 Kriegsgefangene (2,8 Prozent). (3)

Von den 10.977 Einwohnern Crailsheims 1939 (3) vor Kriegsbeginn (darunter wahrscheinlich rund 2.000 Personen, die sich u.a. durch die Reichsbahn, Robert Bosch und dem Fliegerhorst nur zeitweilig in Crailsheim aufhielten) waren am 21. April 1945 nur noch geschätzte 500 bis 700 in der Stadt. (4)

Es sollte noch viele Monate dauern, bis die Stadt wieder allen Crailsheimern ein Dach über dem Kopf bieten konnte. Das Statistische Landesamt meldete für den 29.10.46 – anderthalb Jahre nach Kriegsende – die Wohnbevölkerung wieder mit 8.653 Einwohnern.

Die Verluste an Menschen

Eine offizielle Namensliste aller im II. Weltkrieg umgekommenen und gefallenen Crailsheimer gibt es nicht. Selbst ihre genaue Zahl ist nicht bekannt.
Es gibt mehrere Teillisten:

- Eine Liste von 376 Gefallenen aus Crailsheim und Ingersheim (ohne Altenmünster). Aufgeführt in der Ortsbeilage des Evang. Gemeindeblatts Juni bis September 1950. (5)

- Eine Liste von 79 Gefallenen und 6 durch Bombenangriff Umgekommenen aus

Altenmünster, die Walter Heinkelein zusammengestellt hat (unveröffentlicht).

- Eine Liste von 108 gefallenen ehemaligen Schülern der Oberschule für Jungen Crailsheim, die aber auch auswärtige Schüler umfaßt und sich mit den anderen Listen überschneidet (im Archiv des Albert Schweitzer Gymnasiums).

- Die Zahl der Crailsheimer, die bei Bombenangriffen auf Crailsheim umgekommen sind, gibt Hans Gräser in seinem Buch mit 93 an, die in den Kämpfen um die Stadt getöteten Zivilisten mit 44. (6)

Die letzte Zahl wäre wohl sehr viel höher gewesen, hätten nicht die Crailsheimer zwischen erster und zweiter Besetzung die Stadt verlassen, um in den umliegenden Gemeinden das Kriegsende abzuwarten. Schwer vorstellbar ist, welche Verluste unter der Zivilbevölkerung in Crailsheim eingetreten wären, wenn die Amerikaner vor der ersten Besetzung – als die Crailsheimer noch in der Stadt waren – die Stadt so beschossen hätten wie vor der zweiten Besetzung. Auch da waren die Panzersperren geschlossen und Soldaten auf dem Rückzug noch am Rande der Stadt. Der bereits eingesetzte Artilleriebeschuß wurde jedoch wieder eingestellt (7).

In keiner dieser Listen und Zahlenangaben ist die Zahl der Vermißten erfaßt.
Im Frühjahr 1950 fand eine sehr eingehende Erfassung der Vermißten durch das Deutsche Rote Kreuz statt. Für Crailsheim wurden damals noch 182 Vermißte der ehemaligen Wehrmacht (darunter eine weibliche Person) gezählt sowie zwei männliche und sechs weibliche Zivilpersonen (8). Viele dieser Schicksale konnten auch in den Jahren danach nicht geklärt werden und führten nur zu Todeserklärungen.

Aus diesen Listen (ohne der Schülerliste) addiert sich die Zahl der Crailsheimer, die im Zweiten Weltkrieg den Tod gefunden haben, auf 785 Personen. Eine offizielle Erfassung, wenn sie durchgeführt würde, mag davon geringfügig abweichen. Die Größenordnung der Verluste ist realistisch. Die Zahl der indirekt durch den Krieg Umgekommenen ist nicht erfaßbar.

Die Liste der Crailsheimer, die in der Zeit des Zweiten Weltkrieges ihr Leben lassen mußten, wäre nicht vollständig, wenn man sie nicht durch die 47 deportierten jüdischen Crailsheimer, die in KZ- und Ghetto-Lagern umgebracht und umgekommen sind, ergänzt. (9)

Die Crailsheimer gedenken ihrer Kriegstoten jährlich auf dem Ehrenfriedhof am Volkstrauertag im November. (10)

Die Verluste an Gebäuden

Die amerikanische Militärregierung und das Landratsamt sprachen in ihren Berichten damals von einer 80prozentigen Zerstörung der Stadt. Diese Angabe findet sich auch an anderen Stellen. Es ist aber für das Verständnis der entstandenen Probleme bildhafter, den Zerstörungsgrad von Crailsheim zu differenzieren.

Untergliedert man die Zahlen nach Innenstadt (innerhalb der alten Stadtmauern), restlichem Stadtgebiet ohne Vororte und Vororte, ergibt sich dieses Bild (11) bezogen nur auf die vollständig und schwer beschädigten Hauptgebäude:

Innenstadt (innerhalb der alten Stadtmauern) = 95 Prozent zerstört.
Von 315 Gebäuden wurden 241 vollständig zerstört, 58 schwer beschädigt.

 

Der Rest der Stadt Crailsheim (ohne Vororte) = 32 Prozent zerstört.
Von 842 Hauptgebäuden wurden 149 vollständig und 120 schwer beschädigt.

Vororte Ingersheim und Altenmünster = 14 Prozent zerstört.
Von 365 Hauptgebäuden wurden 33 vollständig und 17 schwer beschädigt.

Für die Stadt Crailsheim (ohne Vororte) ergibt sich auf dieser Basis eine Zerstörung von rund 50 Prozent. Bezieht man auch die leicht und mittelschwer beschädigten Gebäude mit ein, so waren in Crailsheim bei Ende der Kampfhandlungen nur 12,6 Prozent der Gebäude unbeschädigt.

Da sich in der Innenstadt die überwiegende Zahl der öffentlichen Gebäude, der Geschäfte und auch der Handwerksbetriebe und Dienstleister befand, geht aus den oben genannten 95 Prozent der Zerstörung der hohe Grad der Lähmung des Lebens der ganzen Stadt Crailsheim in den ersten Jahren der Nachkriegszeit hervor.

Die Zerstörungen der Infrastrukturen und Versorgungseinrichtungen

Total zerstörte Straßen und Plätze: Adam-Weiß-Straße, Hardt-, Kronprinz-, Wiesen-, Schul-, Karl-, Schloßstraße, die Straße „In der Kürz“, Schmale Straße, Kurze Straße, Seifen-, Küfer-, Maurer-, Ratsgasse, sowie Karls-, Schloß- und Marktplatz. Außerdem der Hochwasserdamm zwischen Gaswerk und Marienstraße.

Teilweise Zerstörungen erlitten der Alte Postweg, die Bahnhof-, Bergwerk-, Brunnen-, Fabrik-, Friedrich-, Friedens-, Fronberg-, Gaildorfer-, Garten-, Goldbacher-, Graben-, Kalkäcker-, Lange-, Ludwig-, Marien-, Sandgruben-, Schießberg-, Schloß-, Schiller-, Spital- und Wilhelmstraße, ferner der Jagstgartenweg (Angaben Martin Baier).

Die Versorgungsleitungen (Gas, Wasser, Strom) sowie die Entwässerungsanlagen dieser Straßen waren völlig oder zu großen Teilen zerstört.

Das Gaswerk war zerbombt, die Pumpstation des Wasserwerks ausgefallen, das Wasserleitungsnetz an vielen Stellen durch Rohrbrüche unterbrochen, die Stromversorgung
durch die Zerstörung zahlreicher Freileitungen ausgefallen.

Der für die Ost-West- und Nord-Süd-Verbindung wichtige Bahnhof mit Gebäuden und seinem wichtigen Bahnbetriebswerk, der Güterbahnhof mit seinen Lagerhallen und Gleisanlagen sowie das Gebäude der Bahnpost wurden völlig zerstört.

Die Eisenbahnüberführungen über die Gaildorferstraße und die Hallerstraße waren ebenso wie die Jagstbrücke in der Stadt von deutschen Sprengkommandos am
20. April 1945 gesprengt worden.

An öffentlichen Gebäuden waren das Rathaus mit seinen Ämtern, die Polizeiwache, der Bauhof, das Landratsamt, das Amtsgericht, das Gesundheitsamt, die Oberschule und die Schule in der Grabenstraße zerstört.

Die Zerstörungen der Industrieanlagen und Handwerksbetriebe

Von allen Crailsheimer Industriebetrieben waren die Fabrikationsanlagen ganz oder so schwer beschädigt, daß eine Arbeitsaufnahme unmittelbar nach der Kampfeinstellung nicht möglich war:

- Robert Bosch GmbH,
- Kleiderfabrik Karl Hohenstein,
- Kleiderfabrik Fritz Habelt,
- Sportschuhfabrik Fritz Möbus,
- Marmeladenfabrik H. Bourzutschky Söhne,
- Säge- und Holzbauwerk Speer & Gescheidel
- Möbelfabrik König
- Engelbrauerei
- Herrenmühle
- Druckerei Richter (Zeitungsverlag)
- Bezirksmolkerei Crailsheim

Sämtliche Handwerksbetriebe und Geschäfte der Innenstadt waren zerstört. Insgesamt waren in Crailsheim 193 Gewerbebetriebe total zerstört.

Anmerkungen zum Kapitel „Bestandsaufnahme ...“:

(1) Zentner/Bedürftig, S.210-213
(2) Mitteilungen des Württ. und Bad. Statistischen Landesamts, Stuttgart, 1.7.1946, S.13
(3) Statistische Monatshefte Württemberg-Baden, Februar 1948, S.37
(4) Konrad Rahn gibt in seiner Arbeit die Zahl 540 als kurz nach der zweiten Besetzung ermittelt an. Friedel, S.99, nennt 700. Karl Daurer, Crailsheimer Landrat von Juli 1945 bis August 1946, schätzt in einem Brief vom 22.9.47 an die „Neue Zeitung“ im Zusammenhang mit der Patenschaft Worthington-Crailsheim (Privatbesitz Ziegler) die in Crailsheim verbliebenen Einwohner auf kaum noch 5 Prozent.
(5) Gräser, S.675
(6) Gräser, S.644

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