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Schwerpunkte der ersten Maßnahmen nach Kriegsende


Der Gemeinderat beschließt in seiner ersten Sitzung am 1. Juni 1945:


Die nächsten Hauptaufgaben zum Wiederaufbau der Stadt Crailsheim sind die handwerklichen Betriebe, die beinahe alle durch Kriegseinwirkung restlos zerstört sind, wieder auf die Füße zu bringen, sie beim Aufbau ihrer vorläufigen Werkstätten zu unterstützen, bei der Beschaffung von Maschinen und Material behilflich zu sein. Erst wenn die handwerklichen Betriebe wieder arbeiten können, kann an den allgemeinen Aufbau der Stadt Crailsheim gedacht werden. Die Maschinen für die handwerklichen Betriebe können großenteils aus den Beständen des Fliegerhorstes gedeckt werden, das fehlende Rohmaterial muß von den einzelnen Handwerkern aus alten Kundenkreisen bezogen werden. Auch dabei wird der Bürgermeister und der Gemeinderat behilflich sein.

Dem Aufbau der Stadt selbst muß eine vollständige Neuplanung

der Stadt vorausgehen. Dabei ist darauf Bedacht zu nehmen,

daß die Hauptzüge durch die Stadt, Wilhelmstraße, Karlstraße

und Lange Straße im wesentlichen bestehen bleiben. Der Vor-
sitzende und der I. Beigeordnete werden in den nächsten Tagen mit der Stadt Heilbronn, die in demselben Maße zerstört ist, Beziehungen bezüglich des Wiederaufbaues anknüpfen.
Captain Kaena hat dem Vorsitzenden versprochen, Fahrzeuge zur Beischaffung von Material zur Verfügung zu stellen.

In der zweiten Sitzung des Gemeinderates am 17. Juli 1945 berichtete der Stadtbaumeister Kiderlen, daß die Stadt bereits wieder 34 Arbeiter und einen Aufseher sowie

3 Techniker beschäftigt. Außerdem standen zwei Pferdegespanne zur Verfügung. Als vordringlichste Aufgaben werden genannt:

            Instandsetzung der Transformatorenstation Ost

Instandsetzung der Pumpstation im Jagsttal

            Einrichtung des Landratsamtes in der Gewerbeschule

            Herrichtung des Herrenstegs

            Reparatur des Farrenstalls in Ingersheim

            Errichtung von Feldscheuern für totalgeschädigte Crailsheimer Landwirte

            Beseitigung von Wasserrohrbrüchen

Behelfsheimbauten in Ingersheim und auf dem Gelände der Fa. Robert Bosch.

In dieser Sitzung werden auch die vorläufigen Richtlinien für den Wiederaufbau festgelegt, die in den „Amtliche Mitteilungen“ vom 1. August 1945 veröffentlicht werden. Nicht veröffentlicht wird: „Sämtliche Bauvorhaben werden zunächst provisorisch durchgeführt und müssen, wenn sie der späteren Neugestaltung der Stadt im Wege stehen, wieder abgeändert werden.“ Außerdem ist der so deklarierte Grundsatz für den Wiederaufbau nicht in der Veröffentlichung enthalten:

„Das Bauen wird nicht gehemmt von seiten der Stadt, sondern gelenkt!“

Diese erste Richtlinie für den Wiederaufbau gab für die Eigentümer der teilweise zerstörten Wohn- und Gewerbegebäude - mit Datum 18.7.1945 - noch recht viel Spielraum für Eigeninitiative ohne große bürokratische Formalitäten.

Das änderte sich schnell. In der g l e i c h e n Ausgabe der „Amtliche Mitteilungen“ erschien eine Bekanntmachung des Bürgermeisters mit nur wenigen Tagen Zwischenraum, an der der Gemeinderat nicht mitgewirkt hatte. „Beschlagnahme der Baureste zerstörter Gebäude“ mit Datum 27.7.1945 (siehe ebenfalls nächstes Blatt). Jetzt war die Verwendung eigener Materialien – z.B. zum Tausch für andere Materialien – verboten bzw. schwieriger und von amtlicher Genehmigung abhängig, wobei sich diese Anordnung u.a. auch noch auf ein Gesetz berief, das von der NS-Regierung am Tag des Kriegsbeginns - 1. September 1939 - erlassen worden war. Das bremste die private Initiative der Crailsheimer ganz entscheidend.

In der Sitzung des Gemeinderats (bzw. des ab dann so genannten Beirats) vom 26.9.1945 gibt Stadtbaumeister Kiderlen eine Übersicht über die durchgeführten Arbeiten in den Monaten Juli bis September. Zu den in der Gemeinderatssitzung vom 17.7.1945 von ihm als notwendig aufgeführten Arbeiten (siehe oben) kamen vor allem die Reparatur schwerer Dolenschäden in zahlreichen Straßen hinzu. Ein Gelände westlich des Alten Postwegs stand unter Wasser. Außerdem wurden die noch verfügbaren Schulräume instandgesetzt sowie eine Reihe von Gebäuden auf Anweisung der Militärregierung, des Landrats oder des Bürgermeisters. Viel Arbeit mußte auf Befehl der Militärregierung in die Instandsetzung von Gebäuden auf dem Fliegerhorst zur Unterbringung der Displaced Persons gesteckt werden. Zeitaufwendig waren auch die Arbeiten an den Entwässerungs- und Bewässerungsanlagen sowie an den Elektroinstallations-Anlagen.

In den nächsten Wochen sollte vor allem ein Feuerwehrgeräteraum auf dem Anwesen Burkert in dessen Werkstatträumen geschaffen werden. Wichtig erschien dem Stadtbaumeister das Aufbetonieren eines Betonkranzes samt Dach auf dem Rathaus- und Diebsturm, „Die beiden Türme gelten als Wahrzeichen der Stadt Crailsheim und sollten erhalten werden. Die Türme selbst sind durch Risse in der Mauer stark gefährdet, so daß unbedingt eingeschritten werden muß“. Die Arbeiten wurden an die Fa. Härer, Schwäbisch Hall, vergeben.

Die Stadtverwaltung irritierte die Crailsheimer Grundstücksbesitzer und Bauwilligen weiterhin mehrfach durch sich widersprechende Bekanntmachungen in den „Amtliche Mitteilungen“. Nach der Freigabe von Instandsetzungen am 18. Juli 1945 und der Beschlagnahme der Baureste zerstörter Gebäude am 27.Juli 1945 (siehe Abbildungen) gab es diese offiziellen Anweisungen:
21.8.1945: Hinweis auf den Beginn der Neuplanung durch das Landesplanungsamt. Wer nicht mehr in der Innenstadt von Crailsheim bauen will, soll das melden. Diese Grundstückbesitzer erhalten auf Wunsch Bauplätze am Stadtrand. Pläne für verschiedene Typen Eigenheime, ausgearbeitet von der Landesverwaltung Inneres, Technisches Referat, liegen vor.

1.9.1945: Zurückstellung der Bearbeitung eingereichter Baugesuche bis zur Neuaufstellung eines Stadtbauplanes. „Von der Einreichung neuer Baupläne ist abzusehen.“

15.9.1945: „Es besteht Veranlassung darauf hinzuweisen, daß eine Bausperre nicht besteht. Das Bauen soll vielmehr, auch auf Wunsch der amerikanischen Militärregierung, gefördert werden, wenn Rücksicht auf die künftige Stadtplanung genommen wird.“ Wer wissen will, was mit oder ohne Genehmigung durchgeführt werden kann, soll sich beim Stadtbauamt erkundigen.

26.9.1945: Der Landrat gibt bekannt und bezieht sich dabei auf eine Anweisung der Landesverwaltung Württemberg (Inneres) vom 6.9.1945, daß alle im Besitz von Baustoffhändlern und Privatpersonen im Bereich der Stadt und des Landkreises Crailsheim befindlichen Baustoffe jeglicher Art (einschließlich Tapeten, Nägel, Fenster, Türbeschläge und Schlösser) beschlagnahmt sind. Für Crailsheim mußten die Bestände an das Stadtbauamt gemeldet werden. „Freigabe erfolgt unter Vorweisung eines genehmigten Baugesuchs in der erforderlichen Höhe.“ Nur wurden da private Baugesuche nicht mehr genehmigt.

In der Beiratssitzung vom 26.9.1945 schlägt der Stadtbaumeister vor, die Voraussetzungen zu erkunden und auszuhandeln, die Ziegelei in Reubach zu pachten und zur Herstellung von Dachziegeln zu betreiben. Das wird so beschlossen. Es soll auch die Produktion von Dachziegeln aus Zement betrieben werden.

Aus der ersten Enttrümmerungszeit ist noch festzuhalten: Konditormeister und Heimatforscher Wilhelm Frank – aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt – übernahm von sich aus die Verantwortung für die Bewahrung der geretteten geschichtsträchtigen Gegenstände aus den Trümmern. Er rief im November 1945 die Crailsheimer auf, erhaltene Wappenschilder und alte Geschäftszeichen an Gebäuden sowie Bilder aus der Zeit vor der Zerstörung für das von ihm neuaufzubauende Heimatmuseum zur Verfügung zu stellen.

 

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© Armin Ziegler