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Alltag 1945 in Crailsheim

Es gab 1945 einen zeitigen Frühling und einen wunderschönen Sommer. Das Wetter blieb weitgehend in den Herbst hinein stabil. Dort, wo Gärten und Landwirtschaft normal betrieben wurden, war die Ernte reichlich. Normal hieß dabei, daß ausgesät und gepflanzt werden konnte und genügend Helfer vorhanden waren. Im ganzen Kreis waren die ausländischen Hilfskräfte weitgehend ausgefallen und die Männer noch nicht aus der Kriegsgefangenschaft zurück. Wie auch in den vergangenen Jahren, nur noch ausgeprägter, waren es die Frauen, die große Lasten zu tragen hatten.

Eine der äußeren Rahmenbedingungen war die Sperrzeit, während der man sich nicht auf der Straße aufhalten durfte. Ende April lag sie zwischen 19:00 und 6:00 Uhr, im Mai von 21:00 bis 6:00 Uhr. Dann wurde die Sperrzeit Mitte Juni - vor allem angesichts der Notwendigkeiten der Landwirtschaft - von 21:30 bis 5:00 Uhr ausgedehnt. Im Sommer bestand die Sperrzeit für den Rest des Jahres von 22:30 bis 5:00 Uhr.

Es wurde viel in der Jagst auch an sonst unüblichen Stellen gebadet, nicht nur im Jagstbad. An der Kalkmühle – so die Erinnerung des Autors – ging das besonders gut. Hier gab es auch den alten Muschelkalk-Steinbruch, der sich mit Wasser gefüllt hatte und in den vom oberen Rand mit einem Köpfer hineinzuspringen als Mutprobe galt. (Der Steinbruch wurde erst Mitte der 50er Jahre aufgefüllt, als das neue Gebäude des Albert Schweitzer Gymnasiums gebaut wurde, so berichtete Heinz Illich.)

Für Jungs war das Finden und Nutzen von Überbleibseln des Krieges abenteuerlich und oft nicht ungefährlich. Gut verwenden ließen sich die von den amerikanischen Flugzeugen abgeworfenen Zusatztanks. Man konnte sie relativ einfach in kleine Boote umbauen und Seeschlachten und Rennen austragen. Natürlich war das alles verboten und hätte abgeliefert werden müssen. Aber eine Weile machte es viel Spaß.

Im Sommer 1945 baute Frau Nagler ihr Kinderkarussel und ihre Schiffsschaukel auf einer kleinen Fläche westlich vom damaligen Eisweiher in der Ellwangerstraße wieder auf. Das war nicht nur für die kleinen Kinder ein Vergnügen, es wurde auch zu einem Treffpunkt für die größeren Jungs und Mädchen, um zu tratschen und zu lachen.

Sorglos war die Zeit nicht, auch nicht für junge Menschen. Dazu gab es in den Familien zu viel zu tun, um den Alltag zu organisieren und den Neubeginn zu schaffen.

Geprägt war das Jahr 1945 nach der Besetzung vor allem durch die Notwendigkeiten des Zurechtfindens und des Anpassens an die neue Situation. Im ab Juni erscheinenden Amtsblatt, das auch Anzeigen aufnehmen durfte, zeugen davon die zahlreichen Hinweise von Geschäftsleuten und Handwerkern, die bekanntgeben, wo sie jetzt wieder zu finden sind. Auch Personalanzeigen gab es zahlreiche. Gesucht wurden Arbeitskräfte vor allem von den Bauunternehmungen und Handwerksbetrieben sowie in der Landwirtschaft. Nach Stellen suchten durch Krieg und Nachkrieg aus ihrem Beruf Geworfene.

Die Anzeigen im Amtsblatt spiegeln die damalige Zeit gut wider. Die meisten waren Tauschanzeigen. Es wurde das angeboten, was man noch hatte und das man für etwas hingeben wollte, was man noch dringender brauchte. Etwa, wenn die Kinder größer geworden waren oder weil die Dinge aus „Friedenszeiten“ oder die Sachen vom gefallenen Mann jetzt überflüssig waren und man Wichtigeres brauchte. Ab November 1945 erschienen keine Tauschanzeigen mehr. Der Landrat hatte nicht nur den Schwarzhandel, sondern auch den Tauschhandel verboten.


Die Tonart der Bekanntmachungen im Amtsblatt war recht bürokratisch. In kaum einer Ausgabe fehlt die Androhung von „härtesten“ Strafen. Typisch für die damalige Tonart ist die folgende Bekanntmachung des Landrats, nachdem die Bestrafung von Sperrstunden-Überschreitungen im Spätherbst 1945 deutschen Gerichten übertragen worden war, da sich die Zahl der Fälle im Laufe des Jahres auf einem niedrigen Niveau eingependelt hatte und von der Militärregierung kein ernstes Sicherheitsproblem in den gelegentlichen Übertretungen mehr gesehen wurde:

 

                                                 Bekanntmachung

 

                    Es wird hiermit angeordnet, daß vom 20. November an,

alle Personen im Kreis Crailsheim, die die Sperrstunde

überschreiten, wie sie von der Militärregierung gegenwärtig festgesetzt ist (von 22:30 bis 5:00 Uhr), vor ein deutsches Gericht gestellt werden und, falls sie für schuldig befunden werden, mit einer Geldstrafe bis zu RM 10.000,- oder mit Haft bis zu einem Jahr oder mit beiden bestraft werden können.

 

Crailsheim, den 19. November 1945.      

Der Landrat


Typisch für die oft große Hilflosigkeit der Bürokratie gegenüber den Problemen und für ihre Tonart ist z.B. die Einführung von Fahrradausweisen in Crailsheim. Das war gut gemeint, kam aber zu spät, da die meisten Diebstähle von auf dem Flugplatz untergebrachten Displaced Persons begangen worden waren. Zum Zeitpunkt der Anordnung war das Lager gerade aufgelöst worden.

 

Ein anderer vom Bürgermeisteramt ausgegebener Ausweis war die numerierte Freibank-Karte. Jede Crailsheimer Familie konnte sie beantragen, die Zahl der Familienmitglieder wurde vermerkt und jede Benutzung durch einen Stempel festgehalten. Hierauf gab es im Schlachthof Fleisch von notgeschlachteten Tieren in Mengen, die das Mehrfache der abgegebenen Fleischmarken entsprachen. Allen damaligen Crailsheimern ist sicher unvergessen, wie das durch den „Ausscheller“ des Bürgermeisteramts, der mit Fahrrad und große Glocke durch Crailsheim zog, mit lauter Stimme bekanntgegeben wurde: „Heute ab 14 Uhr kommt auf der Freibank Kuhfleisch zum Verkauf“. Alle anderen so den Crailsheimer bekanntgegebenen Mitteilungen mußten vorher von der Militärregierung genehmigt werden.

Ein ganz wichtiger Ausweis war der „Pass“. Ihn erhielten diejenigen, die auch nach der Sperrstunde noch aus dienstlichen Gründen auf der Straße sein durften. Im Sommer 1945 kontrollierten das die Amerikaner noch sehr genau. Rudolf Leipersberger berichtet ein eigenes Erlebnis. Er und Kurt Belzner standen nach einer Spielerbesprechung der Fußball-Jugendmannschaft des TSV Crailsheim in der Gastwirtschaft „Stern“ noch auf der Straße und unterhielten sich, als ein Jeep mit amerikanischer Militärpolizei bei ihnen hielt. Die Amerikaner wollten den „Pass“ sehen. Die Jungs – damals 16 Jahre alt - hatten gar nicht bemerkt, daß die Sperrstunde schon angebrochen war. Sie wurden kurzerhand in den Jeep verfrachtet und ins Gefängnis gebracht. Eingewiesen wurden sie in eine 3-Mann-Zelle mit Strohpritschen und Notklo. Dort saß schon ein Leidensgenosse, der auch wegen Überschreitung der Sperrstunde geschnappt worden war: Alterskamerad Broschardt, Sohn des Betriebsleiters der Sportschuhfabrik Möbus.

Das geschah am 13. August 1945, einem Montag. Am Dienstag war ein „normaler“ Gefängnistag. Mittags gab es Sauerkraut mit Erbsen, ein „Saufraß“, wie Rudolf Leipersberger erzählt („jede Erbse mußte extra geknackt werden“). Abends zwischen 19:00 Uhr und 19:30 Uhr war der halbstündige „Freigang“ im Hof. Erst am Mittwoch gab es eine Vernehmung durch Amerikaner bei der Frau Pöhler dolmetschte, die hier – aus heute unbekannten Gründen – auch „einsaß“.

Dieser 15. August ist deshalb in so genauer Erinnerung, weil es der Geburtstag der Mutter war, die es auch schaffte, einen Kuchen ins Gefängnis zu bringen. Mittags hatte es schon Verpflegung von der Metzgerei Belzner gegeben. (Die Knackwurst ist ebenfalls noch in Erinnerung.) In der Zwischenzeit liefen auch schon die Bemühungen des TSV, die Spieler wieder freizubekommen. Für den kommenden Sonntag war ein Spiel der Jugendmannschaft angesetzt. Am Donnerstag erfolgte dann noch eine Vernehmung auf der Militärregierung, damals in der Wilhelmstraße im Canz-Gebäude. Das ging ganz schnell, es gab nur die Verwarnung, nicht mehr ohne „Pass“ nach der Sperrstunde unterwegs zu sein.


Einzelmeldungen aus dem Alltagsgeschehen 1945

28. Juni                  Verhalten der deutschen Bevölkerung. Die Militärregierung Crailsheim meldet in ihrem Wochenbericht, daß die Crailsheimer Bevölkerung der Militärregierung gegenüber nicht feindlich gesinnt erscheint. „Law and Order“ unter der Zivilbevölkerung sei sehr gut.

 

 

7. Juli                                  Notgeld-Einzug. Die vom Kreisverband am 5. Mai 1945 ausgegebenen Gutscheine über RM 50.-, RM 20,-, RM 10,- und RM 1,- sollen bei der Kreissparkasse wieder umgetauscht werden.

16. August                          Weitere Häuser für US-Truppen. Es werden weitere 40 Häuser für nach Crailsheim verlegte Truppen beschlagnahmt. In Altenmünster sind bereits 60 Häuser besetzt, in Ingersheim 25. Die Bitte der Bewohner, wenigstens im Keller bleiben und die Küche benützen zu dürfen, wird abgelehnt. Das verstoße gegen die allgemeine Besatzungspolitik.

30. August                          „Unterdrückung des Schwarzen Marktes“. Landrat Daurer gibt bekannt: 1. Jede Ansammlung von mehr als 4 Zivilpersonen an Plätzen, wo Waren vertauscht oder verkauft werden, ist verboten, sofern es sich nicht um zugelassene Märkte oder Verkaufsstellen handelt. 2. Wer dieser Vorschrift zuwiderhandelt, wird mit Geldstrafe bis zu 150 RM oder mit Haft bestraft, falls nicht nach anderen gesetzlichen Bestimmungen eine höhere Haft verwirkt ist.“

1. September       Allgemeine Meldepflicht. Die Militärregierung hat jetzt für das ganze Besatzungsgebiet angeordnet, daß sämtliche Männer im Alter von 14 bis 65 Jahren und alle Frauen im Alter von 16 bis 45 Jahren sich auf dem Arbeitsamt mit Bescheinigungen über ihre Beschäftigung melden müssen. Sonst gibt es für sie keine Lebensmittelkarten mehr.

5. September       Druckerlaubnis. Die Druckerei Richter in der Bahnhofstraße – es ist die einzige, die noch in Crailsheim funktionsfähig ist - erhält die Erlaubnis, Todesanzeigen und auch Werbezettel zu drucken. Sie müssen vorher der Militärregierung vorgelegt werden.

22. September     „Stuttgarter Zeitung“ im Abo erhältlich. Die M. Rückert’s Druckerei in Gerabronn, die das Crailsheimer Amtsblatt druckt, bietet die „Stuttgarter Zeitung“ in einem mit dem Amtsblatt gekoppelten Bezug an. Die Zeitung wird als erste württembergische Zeitung angekündigt, die von Deutschen für Deutsche geschrieben wird.

28. September     Württembergische Landesbühne bietet Vorstellungen in Crailsheim an. Ihr Intendant Haass-Berkow hatte eine Lizenz erhalten und fragt nach den örtlichen Voraussetzungen. Sie bestehen theoretisch in der Jahnhalle, die aber noch von den Amerikanern benutzt wird.. Die Militärregierung erhebt keine Einwendungen. (Wann die erste Vorstellung dann wirklich erfolgte, ist aus dem Amtsblatt 1945 nicht ersichtlich. Wahrscheinlich 1946.)

12. Oktober                        Aufruf zum Spenden von Betten und Bettwäsche. Landrat und Bürgermeister weisen auf den bevorstehenden Winter und seine Härten hin, die die rund 3.000 Notleidenden im Kreis Crailsheim besonders treffen werden. Der Aufruf wird am 7. November nochmals erneuert. Es gehen viele Spenden ein, doch reichen sie längst nicht für alle Notfälle.

9. November                      Nochmals Beschlagnahme von Häusern. In Altenmünster müssen 100 Mann und 2 Offiziere untergebracht werden.

9. November                      Verbot des Tragens deutscher Militäruniformen. Ab 1. Dezember dürfen diese Bekleidungsstücke nicht mehr in ihren ursprünglichen Farben getragen werden. Sie müssen neutral eingefärbt werden (nicht feldgrau, nazibraun oder marineblau). Strafe wird angedroht. Besonders hervorgehoben wird, daß das auch für Kopfbedeckungen gilt. (Als besonders unerwünscht gelten die schneidig aufgesetzten Feld-Offiziersmützen und die des Afrikakorps und der Gebirgsjäger.)

21. November     Das Frankonia Filmtheater darf wieder Filme zeigen. Am
5. Januar 1946 erscheint die erste Anzeige im Amtsblatt: Es wird ein sogenannter amerikanischer Großfilm mit deutschen Untertiteln angekündigt: „Die fünf Helden“. Im Beiprogramm „Welt im Film“ und ein Kulturfilm.

22. November     Gerüchte. Ein Bericht der Militärregierung kritisiert, daß Gerüchteerzählen anscheinend der beliebteste Zeitvertreib in Crailsheim ist.

28. November     Resultate des Bomben-Entschärfungskommandos. Im September war von der Militärregierung ein solches Kommando für die Entschärfung von Bomben und Artilleriegeschossen etc. eingerichtet worden. Es bestand aus vier ehemaligen deutschen Pionieren. Sie hatten innerhalb von zwei Monaten 350 Granaten, 25 Bomben, 20 Panzerfäuste, 30 Handgranaten und diverse Munition im Kreis Crailsheim entschärft.

3. Dezember                       Kreisjugendausschuß gegründet. Die Militärregierung gibt die Genehmigung. Ihre Auflage ist, daß ihr jeden Montag ein Bericht über die Tätigkeiten der vergangenen Woche vorgelegt wird. Vorsitzender ist Landrat Daurer, Vorstandsmitglieder sind Schulrat Bay, Dekan Matthes, Stadtpfarrer Ohrnberger, Med.Rat Magenau, Studienrat Baitinger und Frau Pöhler. Die Leitung übernimmt Frau Pöhler.

28. Dezember      Erneuter Aufruf zur Abgabe von Waffen. Aufgrund von anonymen Anzeigen und Hinweisen von Ausländern fordert die Militärregierung letztmalig auf, Waffen, Degen und Dolche etc. abzuliefern. Die Abgabe soll nicht strafrechtlich verfolgt werden. Jedoch strengste Strafandrohungen für Nichtbefolgung.

1. Januar 1946     1. Öffentliche Tanzveranstaltung in der Jahnhalle. Der Turn- und Sportverein Crailsheim lädt ein zum „Geselligkeits- und Werbe-Abend mit Konzert, Gesangsvorträgen und Tanz.“ Eintritt 50 Reichspfennig.



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