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Chronik 1946        Crailsheim vor 70 Jahren
                                                   Siehe auch links im grünen Feld "Wahlen 1946"
                                                                               und  "Weihnachten 1946

Januar 1946



- Zu Jahresbeginn wurden alle zugelassenen Lehrer erneut aufgrund ihrer Fragebogenangaben überprüft. 3 Lehrer wurden wieder entlassen.

- Der Kreis hat jetzt 46 ordentliche Lehrer und 83 Hilfslehrer für 159 Schulklassen. Mehr als 20 Lehrer haben gegen ihre Entlassung Einspruch erhoben. Ihre Fälle werden in Stuttgart geprüft.

- Es wurde ein Antrag auf Zulassung einer Gewerbeschule gestellt und von der Militärregierung befürwortend nach Stuttgart geleitet. Bei Zulassung würden rund 250 Lehrlinge Unterricht in kaufmännischen und handwerklichen Fächern bekommen.

- Der Kreis hat bisher 4 832 deutsche Flüchtlinge aufgenommen, außerdem leben noch 136 Displaced Persons im Kreis.

- In Gerabronn stoppten 5 Personen in amerikanischer Uniform mit polnischen Abzeichen an der Mütze das Auto eines Arztes, raubten ihn aus und fuhren mit seinem Auto weg.

- Der Weekly Report der Militärregierung vom 10. Januar beschreibt in einem vertraulichen Anhang Vorfälle aus der Silvesternacht: Eine schwarze Hand mit 33 ausgestreckten Fingern und einem Hakenkreuz wurde an mehreren Häusern angebracht. Eine Inschrift lautete „Wehr-Wölfe packen zu“. Am Diebsturm hing eine Fahne mit schwarzer Hand und Hakenkreuz. Alles wurde noch in der Nacht wieder entfernt. Die Bevölkerung ist besorgt, dass sie dafür büßen muss.

- Ein Feuer am 11. Januar brach um 23:30 in einem Sägewerk in Crailsheim aus und verursachte einen Schaden von 8 500 RM. Beschädigt wurde die maschinelle Einrichtung dieser einzigen Sägemühle.

- Am 17. Januar heißt es im Military Report, dass die Bevölkerung sich wenig für die bevorstehenden Gemeinderatswahlen interessiert. Ihre Sorge gelte Nahrung, Bekleidung und Unterkunft. Vorfälle im Zusammenhang mit den Wahlen habe es keine gegeben.

- Es kursieren Gerüchte, dass die Reichsmark abgeschafft werden würde. Das veranlasst die Menschen an Sachwerten festzuhalten und sie nicht zum Kauf anzubieten.

- In einem Anhang „Confidential“ zum Weekly Report vom 24. Januar 1946 heißt es, dass die Bevölkerung fürchtet, dass sie zum Verhungern verurteilt sei, da für die Frühjahrsbestellung der Felder die Arbeitskräfte und Pferde fehlen. Auch verursachen die Flüchtlinge – meist Frauen und Kinder – einen zusätzlichen Nahrungsmittelbedarf. Die meisten Bauern sind noch in Kriegsgefangenschaft. Das Pflügen der Felder könne nur von erfahrenen Kräften besorgt werden.

- In einem „Weekly Intelligence Report“ vom 30. Januar 1946 heißt es zu den Gemeinderatswahlen am 27. Januar 1946, dass die hohe Wahlbeteiligung
zeige, dass die große Mehrheit der Bevölkerung zur Zusammenarbeit und zur Verantwortung für den Wiederaufbau bereit ist. Ergänzend wird aber berichtet, dass in der Bevölkerung die Ansicht vorhanden war, dass die erfassten Nichtwähler als Nazi-Sympathisanten gelten würden. Die Wahlbeteiligung war 81 Prozent in Crailsheim, im Kreis 68 Prozent.


Februar
Schwierigen Arbeitsbedingungen durch die Witterungslage.
Selbst die Fahrzeuge der Militärregierung sind stillgelegt, da die Straßensituation einen Einsatz nicht erlaubt: Eisregen.


März 1946

Für den Monat März 1946 liegt einer der wöchentlichen Berichte des Landrat Karl Daurer an den CIC, den Geheimdienst der US-Armee, für den Zeitraum 25. bis 31. März 1946 vor.
Diese Berichte umfassten jeweils 10 Punkte sowohl zu Lage als auch zum Stimmungsbild.

1. Wirtschaftslage
Die Wirtschaftslage im Kreis Crailsheim wurde durch die Entnazifizierung etwas gestört und hat in Teilen der Bevölkerung Bitterkeit hervorgerufen. Die Versorgung der Bevölkerung mit Schuhen und Arbeitskleidung ist derart schlecht, dass katastrophale Zustände bei landwirtschaftlichen Arbeiten und vor allem im Baugewerbe eingetreten sind. Eine Hilfe muss auf diesem Gebiet unter allen Umständen gefunden werden, nachdem die Stadt Crailsheim zu 80% zerstört ist und ca. 20 Prozent der Landgemeinden bis zu 90% beschädigt sind.

2. Ernährungslage
Die Ernährungslage im Kreis Crailsheim ist zufriedenstellend und kann als ausreichend bezeichnet werden, wenn auch der Mangel an einigen Nahrungsmitteln sehr spürbar ist.

3. Fürsorgeangelegenheiten
Die Anträge auf Fürsorgeunterstützung haben sich in letzter Zeit gehäuft. Es ist jedoch anzunehmen, dass diese und jene Kriegerwitwe, sowie mancher Kriegsversehrte durch die Frühjahrsbestellung der Felder, anlaufende Bauarbeiten, sowie Wiederaufnahe der Wirtschaft, Arbeit finden und somit der öffentlichen Fürsorge nicht mehr zur Last liegen.

4. Ostflüchtlinge
Z.Zt. sind etwa 3 000 Ostflüchtlinge im Kreis untergebracht. Die Aufnahme ging im großen Ganzen gut vonstatten. Die meisten Ostflüchtlinge nehmen die ihnen zugewiesenen Arbeitsplätze willig ein.

5. Jugendorganisation und Jugenderziehung
Die Jugend innerhalb des Kreises Crailsheim ist z.T. in einem Jugendausschuss zusammengefasst und betätigt sich außerdem bei dem bis jetzt gebildeten und von der Militärregierung genehmigten Sportverein. Der Turn- und Sportverein Crailsheim hat z.Zt. eine Mitgliedzahl von 439 Personen, welcher seine Tätigkeit ohne kirchliche oder politische Interessen ausübt. Im allgemeinen wird festgestellt, dass die Kirche ihre vor 1933 gehabten Jugendorganisationen (Pfadfinder und dergl.) noch nicht zusammengefasst und diese zur Arbeit noch nicht aufgerufen hat.

6. Politische Parteien
Im Kreis Crailsheim ist die SPD, CDU und die DVP in Tätigkeit getreten. Die bis jetzt geleistete Arbeit bzw. aufgenommene Tätigkeit erstreckte sich in erster Linie innerhalb der gebildeten Partei in Sachen der Organisation. Im allgemeinen wird festgestellt, dass sich ein großer Teil der ehemaligen Parteigenossen der NSDAP der CDU anschließen und dort auch Unterschlupf finden. Auf der anderen Seite kann festgestellt werden, dass ein großer Teil der Bevölkerung sich vorerst von den politischen Parteien fernhält.

7. Arbeitswesen
Die dem Arbeitsamt verfügbaren Kräfte sind eingesetzt. Das Arbeitsamt ist laufend dabei, Kriegsversehrte unterzubringen. Der große Mangel an Schuhen und Arbeitskleidung, wie in Frage 1 schon erwähnt, macht sich dahingehend erschreckend bemerkbar, dass mancher Arbeiter von der Arbeitsstelle infolge seiner lumpigen Arbeitskleidung fernbleiben muss.

8. Besondere Vorkommnisse
keine


9. Besondere Gerüchte und Parolen
Teile der in Württemberg liegenden 7. Armee sollen infolge der im Osten unruhigen Verhältnisse nach Bayern (gegen Bamberg, 3. Armee) verlegt werden.

10. Außenpolitik
Ein großer Teil der Bevölkerung verfolgt mit Spannung die Ereignisse im Weltsicherheitsrat.


 

April

- Es gibt für den Monat April einen „Monthly Political Activity Report“, der über die Aktivitäten politischen Parteien in Crailsheim berichtet. Kopien gingen an drei Stellen innerhalb der amerikanischen Militärregierung für Deutschland.

Im April konzentrierte sich die Berichterstattung auf die erstmals am 26. April öffentlich in Crailsheim aufgetretene Kommunistische Partei. Der Hauptredner kam aus Stuttgart „a Mr. Buchmann“. Von Buchmann wusste man, dass er im KZ war und jetzt in Stuttgart Direktor des Innenministeriums ist. Ihm wird bescheinigt, dass er ein „ gift of knowing how to persuade the masses in attendenace“ hat. Die Mitgliederwerbung wird jedoch als demokratisch bezeichnet.

- Außerdem liegen
die 4 wöchenlichen Berichte des Landrats an den Geheimdienst CIC
mit 10 Sachgebieten plus den dazugehörigen Stimmungsbildern (8., 15., 23. und 29. April 1946) vor. Hier werden die 10 Sachgebiete jeweils zusammenfassend wiedergegeben.)

1. Wirtschaftslage
Es wird in allen Berichten auf den Mangel an Schuhen und Bekleidung für die arbeitende Bevölkerung hingewiesen. Am 15. wird der Mangel an Baumaterial für den Wiederaufbau von Gebäuden in der Landwirtschaft bemängelt. Am 19. April: Es ist keine Besserung eingetreten. Hier lägen Produktivitätsreserven.

2. Ernährungslage
Die Ernährungslage in diesem landwirtschaftlich ausgerichtetensei ausreichend. Jedoch: Wer keine Beziehungen habe, sei schlechtdran. Die Sonderzuteilung von 4 Eiern zu Ostern habe sehr positiv gewirkt.

3. Fürsorgeangelegenheiten
Die Fürsorgesätze können ausgezahlt werden. „Die Fürsorgesätze sind jedoch so bemessen, dass sich jeder einen kleinen Nebenverdienst suchen muss.“ In der Gemeinde Bartenstein wurde für alte und kranke Ostflüchtlinge von der Charitas ein Fürsorgeheim eingerichtet. Ostflüchtlinge werden in der Landwirtschaft eingesetzt. Sie fallen dann nicht unter die Fürsorge.

4. Ostflüchtlinge
In der Berichtszeit sind Ostflüchtlinge nicht in größerer Zahl eingetroffen. Die Eingetroffenen „sind willig und arbeitsam und kommen der ihnen zugewiesenen Arbeit nach“

5. Jugendorganisation und Jugenderziehung
Hervorgehoben wird die sportliche Betreuung. Am 15. April heißt es:
Im allgemeinen wird festgestellt, dass der gebildete Kreisjugendausschuss den gebildeten Sportvereinen hemmend entgegensteht und als solcher auch dagegen arbeitet. Der Kreisjugendausschuss beschäftigt sich mit der Abhaltung von Kursen für z.B. 31-jährige Männer. Es erweckt den Anschein, dass bei diesen Kursen nicht die Jugendarbeit an erster Stelle steht, sondern Erwachsene für die politische Seite der im Kreisjugendausschuss Tätigen gewonnen werden.

Es wäre angebracht, wenn die gesamte Jugendarbeit von den gebildeten und von der Militärregierung genehmigten Sportvereinen übernommen würde.

6. Politische Parteien
Von einer politischen Aktivität könne Anfang April nicht gesprochen werden. Die Rede von Theodor Heuß auf der Veranstaltung der Demokratischen Volkspartei am 7.4. fand Anklang, da sie keine Sticheleien gegen andere Parteien enthielt.
Die am 28.4.1946 erfolgte Kreistagswahl hat reges politisches Leben hervorgerufen. Einen regen Propagandazug hat die CDU durchgeführt. Am 26.4. hat die kommunistische Partei – Redner Herr Direktor Buchmann – eine öffentliche Versammlung durchgeführt, die gut besucht und eine gute Kritik erhielt. Die am Tag darauf stattgefundene CDU-Versammlung habe dagegen eine schlechte Besucherzahl gehabt. Die Wahl ist ruhig ohne besondere Vorkommnisse verlaufen.

7. Arbeitswesen
Die Arbeitsleistung der eingesetzten Arbeitskräfte kann durch die Zuteilung von Arbeitskleidung erhöht werden. Der Mangel an landwirtschaftlichen Arbeitskräften kann z. zT. durch das Eintreffen von Ostflüchtlingen etwas gelindert werden.

8. Besondere Vorkommnisse
8.4.: Keine – es gab jedoch eine Reihe von Einbruchsdiebstählen.
15.4.: Ein 12jähriges Mädchen wurde beim Fischfang von einem amerikanischen Soldaten angeschossen, eine Frau wurde bei der Jagd von einem US-Soldat angeschossen.
29.4.: Auf verschiedenen Wahlzetteln der CDU wurden von Wahlberechtigten Hakenkreuze eingetragen.

9. Besondere Gerüchte und Parolen
keine

10. Stimmungsbild zur Außenpolitik
15. 4.: Dadurch, dass sich ehemalige deutsche Offiziere melden mussten, wurden wieder Kriegsparolen kolportiert.


Rundschreiben des Landrats vom 30. April 1946
Am 30. April 1946 erließ Landrat Daurer ein 5 Punkte-Rundschreiben, dessen Kenntnisnahme in allen ihm unterstellten Ämtern durch Unterschrift bestätigt werden musste.
1. Alle Befehle der Militärregierung seien unbedingt innerhalb von 48 Stunden zu erledigen.
2. Alle Auflagen der Militärregierung sind allen anderen Arbeiten vorzuziehen. Sachbearbeiter und Amtsleiter werden bei Nichteinhaltung für die Folgen haftbar gemacht.
3. Nochmals: Es dürfen keine Kräfte eingestellt werden, deren Fragebogen nicht zuvor von der Militärregierung geprüft wurden.
4. Verschiedentlich wurden die Telefoneinrichtungen ungebührlich belastet. Da die Telefongebühren am 1. April 1946 verdoppelt wurden, muss sich jeder Einzelne überlegen, ob das Gespräch notwendig ist. Und: Ferngespräche in der Frühe anmelden!
5. Bei unbedingt notwendigem Einsatz von Kurieren muss das frühzeitig der Fahrbereitschaft gemeldet werden, um Zusammenfassungen zu ermöglichen.

Mai 1946

Für Mai 1946 liegen hier drei wöchentliche Berichte des Landrates an das CIC (Counter Intelligence Corps) der US-Armee vor: 6., 13., und 20. Mai. Für die meisten Sachgebiete wird die Situation als unverändert angegeben und auf vorhergehende Berichte verwiesen.

Eingegangen wird auf den
Jugendbereich:
6. Mai: die Sporttätigkeit der Jugend hat in der letzten Zeit auch in den Gemeinden des Kreises angefangen, so dass man heute schon sagen kann, dass sich die Jugend in den nächsten Sommermonaten rege am Sport beteiligen wird.

13. Mai: Die Fußballjugend im Kreis Crailsheim spielt in der nächsten Zeit zugunsten der Ostflüchtlinge im Kreis Crailsheim.

Eine Spielschar des Kreisjugendausschusses spielt z.Zt in Gemeinden des Kreises das Lustspiel „Der zerbrochene Krug“.

20. Mai: Im allgemeinen kann festgestellt werden, dass das Jugendschutzgesetz von verschiedenen Jugendlichen nicht beachtet wird, da die elterliche Erziehung mangelhaft ist.

Am 13.Mai heißt es unter
Besondere Vorkommnisse:
„In den letzten Tagen sind einige (Crailsheimer) politische Gefangene aus dem Internierungslager entlassen worden, obwohl der örtliche Entnazifizierungsausschuss als auch der Hauptsicherheits-Prüfungsausschuss eine Entlassung abgelehnt hat. Der örtliche Entnazifizierungsausschuss und insbesondere die politisch verfolgten Antifaschisten sehen in dieser Angelegenheit eine Undankbarkeit von der Besatzungsmacht und die von ihnen geleistete Arbeit vollkommen untergraben, so dass auf diesem Weg einer Säuberung aller Nazis auf Grund vorgekommener Fälle nicht zu erwarten ist.“

Besondere Gerüchte und Parolen:
20. Mai:
- „Aus dem oberschlesischen Gebiet stammende Ostflüchtlinge sollen angeblich wieder in ihre Heimat zurückgeführt werden, da dort der Mangel an Arbeitskräften für die Industrie sowie zum Anbau der Felder sehr groß wäre.“

- „Im Rundfunk soll angeblich durchgekommen sein, dass Adolf Hitler in den letzten Tagen in Argentinien festgenommen worden wäre.“


Juni

Neuer Kreisrat
Am 26. Mai hatte die Wahl zum Kreisrat stattgefunden. Er ersetzte den von Landrat Daurer am 6.12. 1945 ausgewählten 6köpfigen Kreisrat. Aus der Stadt Crailsheim wurden in den neuen Kreisrat gewählt: Von der CDU Friedrich Fach, Julie Pöhler und Josef Scheurer sen., vom linken „Demokratischen Block“ Friedrich Bertsche und Ernst Schäffer.
Landrat Daurer berief den Kreisrat jedoch im Juni gar nicht ein. Er setzte die erste Sitzung erst auf den 19. Juli fest, da er hoffte als Landrat vom Kreistag am 9.7. bestätigt worden zu sein..

Turn- und Sportverein
Am 5. Juni wird der Plan für Juni 1946 an das Landratsamt und die Militärregierung eingereicht. Daraus gehen die schon jetzt aktiven Abteilungen hervor:
- Turnen Knaben von 6-14 J., Turnen Mädchen von 6-14 J.
- Turnerinnen A, Turnerinnen B (Leichtatlethik)
- Turner einschl. Jugend ab 15. J. Turner Alte Herren
- Fußballmannschaften Jugend, Fußballmannschaft Aktive
- Faustballmannschaften (Teilnehmer erwünscht)
- Handball (noch Teilnehmer notwendig)
- Korbball (Frauen)
- Kegeln
Öffentliche Fußballspiele finden jeden Sonntag statt.

Zustimmungserfordernis für Besetzung öffentlicher Ämter herabgesetzt
Auf Anfrage der Militärregierung für Württemberg-Baden in Stuttgart teilt die Crailsheimer Militärregierung dorthin am 7. Juni mit, dass sie nur noch die Zustimmung für die Besetzung des Gemeinderats, des Bürgermeisters, der Mitglieder des Kreistags, für den Landrat und für den Polizeichef des Kreises für notwendig hält. Alle anderen Besetzungen sollten an die zuständigen deutschen Stellen übergehen.

Antrag auf Zulassung einer Zeitung für den Kreis Crailsheim
Der Antrag von A. Richter wird am 17. Juni abgelehnt. Als Grund wird die Knappheit an Zeitungspapier angegeben – und dass die jetzige Lizenzliste als vollständig angesehen wird.

Kreisjugendausschuss: Monatsbericht von Frau Pöhler vom 18. 6. 1946
Die wichtigsten Punkte aus dem 4seitigen Bericht der Geschäftsführerin:
- Es liegen noch keine Anträge auf Gründung von Jugendorganisationen (z.B. von Parteien, Kirchen oder Pfadfindern) vor.
- Die Veranstaltungen des Monats Juni beschränken sich auf die Vorstellungen des „Zerbrochenen Kruges“ von Kleist „mit dem wir die für die Jugendarbeit notwendigen Geldmittel erwarben. … es werden ungefähr 9 000 – 9 500 RM als Reingewinnübrig bleiben. Wir bereiten möglichst bald eine neue Aufführung vor, da auf diese Weise die nötigen Mittel am sichersten aufgebracht werden können ohne Stadt oder Kreisverband zu belasten.“
- Die im Winter durchgeführten Jugend- und Volksbildungskurse wurden unterbrochen und werden im November wieder aufgenommen.
- Anlässlich des Wechsels in der Leitung der Militärregierung wurde mir jede Förderung der Jugendarbeit zugesagt.
- Im Augenblick beschäftigt sich der Kreisjugendausschuss mit der Vorbereitung von Kriegsversehrten-Umschulungskursen. Ausführliche Berichte liegen dem Kultministerium und anderen Dienststellen vor. Dafür werden weitere Hilfskräfte gebraucht. Neben dem bereits genehmigten Gewerbelehrer Hohl wird um Zulassung von dem früheren Gewerbelehrer Mattern und von Richard Stähle für die Verwaltungslehre gebeten. Die Zeit drängt, der Beginn sollte am 1.7. erfolgen.
- Gebeten wird um die Überlassung des ehem. HJ-Heims in Elpershofen für die Jugendarbeit. Die notwendigen Reparaturen würden als Jugendprojekt vorgenommen.
- Die Amerikaner wünschen eine Jugendgruppe für politische Umschulung. Das Projekt müsste mit den Parteien diskutiert werden.
- Ein Jugendsonntag – und die Sammlung dafür – sollte für September im Zusammenhang mit dem Volksfest geplant werden, da vorher die Jahnhalle immer belegt sei.

Politischer Monatsbericht der Militärregierung Crailsheim für Monat Juni 1946
Aufgelistet werden u.a. alle Versammlungen (KPD 2, SPD 0, CDU 2). Die größte Besucherzahl hatte die KPD mit 400 Personen, die CDU brachte es nur auf 100.
Die Mitgliederzahlen werden so angegeben: SPD plus 5 =31, KPD 15, CDU 12.
Am „reichsten“ war die KPD mit 150 RM auf dem Konto, die SPD hatte 60 RM und die CDU war blank.


Weekly Report der Militärregierung
Es liegt nur der für die Zeit vom 19. bis 22. Juni 1946 vor.
Dienst taten ein Offizier und 3 andere militärische Ränge, sowie zeitweise zwei Zivilamerikaner der Special Branch Section für Ausbildungszwecke. Es gab 16 deutsche Angestellte.
Situationsbericht:
- Im Kreis halten sich 900 bis 1000 ehemalige deutsche Soldaten ohne offizielle Entlassungspapiere auf. Untersuchungen laufen, ob darunter entwichene Kriegsverbrecher sind. Ein aus französischer Kriegsgefangenschaft entflohener Deutscher, Erhard R., ist im Gefängnis und erwartet Abtransport nach Frankreich.
- Die Bauern beklagen sich über Ernteschäden durch Wild.
- Der Landrat soll eine Sitzung des Kreisjugendausschusses einberufen, um einen neuen Geschäftsführer zu ernennen, da Frau Julie Pöhler durch ihre anderen politischen Ämter – darunter Vorsitzende der CDU – nicht in der Lage sei, genügend Zeit der Jugendarbeit zu widmen – und die Jugendarbeit unpolitisch sein müsse.

Wöchentliche Berichte des Landrats Karl Daurer an den US-Armee-Geheimdienst CIC
Es liegen vier Berichte zu den 10 Sachgebieten vor: 3.,17., 24., 29. Sie werden hier zusammengefasst:

1. Wirtschaft
Die Zuteilung bewirtschafteter Erzeugnisse hängt von den Zuteilungen des Landeswirtschaftsamtes ab, die sich nach der erfolgten Fabrikation richten – und generell ungenügend sind. Großer Mangelartikel sind Fahrräder – nur Bereifungen können ab und zu verteilt werden. Tatsächlich willige Arbeitskräfte können ihrer Arbeit nicht nachgehen, da die notwendige Kleidung nicht vorhanden ist.

2. Ernährung
Es war möglich, eine Zuteilung von Seefische vorznehmen. Kleine Mengen Frischgemüse konnten verteilt werden.
Generelle Versorgungsschwierigkeiten sind nicht aufgetreten. Jedoch musste die Brotzuteilung gekürzt werden.

3. Fürsorge
5% der Bevölkerung müssen durch Fürsorgemittel unterstützt werden. Hilfsbedürftige Familien aus dem Osten, darunter alleinstehende Frauen mit Kindern und noch viele Väter in Kriegsgefangenschaft prägen das Bild. Die Zahl nimmt noch zu.
Die Unterbringung Schwerkriegbeschädigter in Stellungen ist sehr schwierig. Es sollen Umschulungskurse vorbereitet werden.

4. Ostflüchtlinge
Die ankommenden Transporte konnten untergebracht werden

5. Jugendorganisation und Jugenderziehung
Das Jugendamt musste sich mehrmals mit flüchtigen Jugendlichen aus dem Fürsorgeheim Tempelhof befassen.
17. 6.: Bei dem Kreisjugendausschuss hat es den Eindruck, dass die Geschäftsführerin sich in erster Linie der CDU, deren Vorsitzende sie ist, zuwendet, und die Arbeit des Kreisjugendausschusses im gesamten Kreis, also auf allen Landgemeinden vernachlässigt bzw. sich ihrer überhaupt nicht annimmt.
24. 6.: Die Tätigkeit der Jugend, insbesondere der sportlichen Jugend lebt im ganzen Kreis bis hinaus auf die kleinsten Gemeinden auf. Die Organisation kann als gut bezeichnet werden. Die Geschäftsführerin des Kreisjugendausschusses beteiligt sich hauptsächlich in der Durchführung des Lustspiels „Der zerbrochen Krug“.
29. 6.: Die Turn- und Sportvereine sind in den letzten Tagen dazu übergegangen, auch die Kleinsten der Jugend zu erfassen, um diese turnerisch zu erziehen.

6. Politische Parteien
Keine besondere Tätigkeit.
29.6.: Die im Kreis Crailsheim zugelassenen Parteien - CDU, DVP, SPD, KPD - haben für die bevorstehende Wahl mehrere Wahlversammlungen abgehalten (Gemeint sein kann nur die auf 9. Juli angesetzte Landratswahl durch den Kreistag). Die Versammlungen (bei denen sich Bewerber vorstellten) als solche können als schlecht besucht beurteilt werden.

7. Arbeit
Es trafen weitere Ostflüchtlinge ein. Die Unterbringung war möglich, die Landwirtschaft ist aufnahmebereit, will aber nicht Tariflöhne bezahlen. Gesuchte kaufmännische Angestellte können gefunden werden.

8. Besondere Vorkommnisse
keine

9. Gerüchte und Parolen
- Hermann Göring und Rudolf Hess sollen von ehemaligen SS-Angehörigen in amerikanischer Uniform aus dem Gefängnis in Nürnberg entführt worden sein.
- Adolf Hitler soll sich in Spanien aufhalten.
- Hermann Göring soll in Nürnberg gesagt haben, dass er nicht verstehen könne, dass die deutsche Bevölkerung Hunger leiden müsse. Kurt vor Ausgang des Krieges wäre noch ein Nahrungsmittelvorrat für 5 Jahre vorhanden gewesen.


10. Stimmungsbild zur Außenpolitik
17.6.: Ein Teil der Bevölkerung will wissen, dass sich im Raum Nürnberg größere Panzerkräfte befinden und ebenfalls solche sich in der russisch/amerikanischen Grenzzone aufhalten.
Außerdem wird gesprochen, dass in den Junkers-Flugzeugwerken in Dessau mehr Flugzeuge für die russische Besatzungsmacht produziert werden, als wie dies in den vergangenen Kriegsjahren f.d. deutsche Luftwaffe erfolgt ist.



 

November 1946
Es liegen die Wochenberichte des Landrates an den CIC vom 9., 16., 23., und 30. November 1946 vor. Die Zusammenfassung der 10 Sachgebiete mit Stimmungsbild:
1. Wirtschaft
Die Brennstoffzuteilung wurde zur Panne. Eine im Sommer örtlich ausgegebene Kohlenkarte brachte nichts. Es gab keine Kohlen. Die Holzzuteilung wurde schlecht organisiert. Das Holz muss teilweise erst noch geschlagen werden.
Die geringen Kontingente an Schuhen und Spinnstoffwaren gingen nur an die Ostflüchtlinge.
Die Stromeinschränkungen treffen die Betriebe schwer. Glühbirnen gibt es nicht.
2. Ernährung
Die auf Karten vorgesehenen Lebensmittel konnten ausgegeben werden. Ausnahme: Es gibt eine Eierkarte. Eier kommen aber schon länger nicht mehr zur Zuteilung – obwohl es soviel Hühne gibt wie vor dem Krieg. Und: Wohin geht das Schweineschmalz, das auch nicht zugeteilt wird?
Es gab wieder 250 gr. Salzheringe für Normalverbraucher.
3. Fürsorge
Die Kassenlage wird durch die gestiegenen Zahl der Ostflüchtlinge prekärer.
4. Ostflüchtlinge
Die Wohnungsnot wird vor dem Einbrechen des Winters nicht mehr gelindert werden. Die für solche Programme zugesagten Baumaterialien kommen nicht.
Dem Kreis wurden zwei Transporte aus der Tschechei – 50 und 147 – zugewiesen.
Es wurden zwei Transporte von Flüchtlingen zusammengestellt und weitergeleitet:
13 Personen in die Britische Zone und 45 Personen in die Russische Zone. Sie kamen nach ein paar Tagen zurück, da ihre Aufnahme dort abgelehnt wurde.
5. Jugend
Der Sportbetrieb außerhalb der Ortschaften ist zum Erliegen gekommen.
Das Jugendheim wird voll angenommen. Es werden dort auch Bastelarbeiten für geplante Weihnachtsfeiern angefertigt
6. Politische Parteien
Es finden Mitgliederversammlungen zur Vorbereitung auf die Landtagswahlen am 24. November in Nordwürttemberg und Nordbaden (US-Zone) statt.
7. Arbeit
keine Veränderung. Es könnten mehr Arbeitssuchende vermittelt werden, wenn es entsprechende Arbeitskleidung gäbe. Kaufmännische Berufe sind kaum zu vermitteln.
8. Besondere Vorkommnisse
Die Kriminalität nimmt laufend zu, das reicht von Felddiebstählen über Einbrüche bis zu Sittlichkeitsverbrechen.
9. Besondere Gerüchte und Parolen
Es wird ein Bericht der „New Herald Tribune“ vom 12.10.1946 weitergegeben, nachdem es – wenn keine gesamtdeutsche Währungsreform zustände käme – es eine solche für die drei Westzonen geben würde. Das Geld sei in den USA schon gedruckt. Bankkonten würden eingefroren, jeder bekäme nur 100 RM ausgezahlt, alle privaten und industriellen Vermögen würden mit 5% besteuert. Der Kurs zum Dollar wäre dann 5 RM.
Das hat erhebliche Beunruhigung der Bevölkerung hervorgerufen. Es werden Schritte zur Unterbringung des Bargeldes beobachtet.
10. Stimmungsbild zur Außenpolitik

Eine Rede des britischen Premiers W. Churchill erweckte Hoffnung („das falsche Schwein geschlachtet“), dass nun die Zerstörungen in Deutschland als genügende Strafe angesehen würde.


Die Ergebnisse der Landtagswahlen am 24. November
Die Sitzverteilung: CDU 39, DVP 19, SPD 32, KPD 10 Sitze.
Der wiedergewählte Ministerpräsident Dr. Reinhold Maier bildete aber wieder eine Regierung aus allen vier Parteien.

Die Stimmenverteilung im Kreis Crailsheim:

CDU 10 968 DVP 3 194
SPD 2 884 KPD 595

 

Dezember 1946
Es liegen nur drei wöchenliche Berichte des Landrates an den CIC der Militärregierung vor: 6.;13. und 20. Dezember 1946. Die 10 Sachgebiete mit Stimmungsbild werden hier zusammengefasst.

1. Wirtschaft
Durch die angeordneten Stromsperren entstehen große Lücken in der Produktion und in den Leistungen der Handwerker. Es ist keine Besserung in der Belieferung bewirtschafteter Waren zu verzeichnen. Bei der in der zweiten Dezember-Hälfte eingetretenen Wetterverschlechterung macht sich der Mangel an Schuhwerk und Bekleidung wieder stark bemerkbar. Es wird zum Ansteigen der Krankheitsfällen kommen, da auch das Heizmaterial unzureichend vorhanden ist.
Der Mangel an Glühbirnen führt dazu, dass die Bauern wieder Petroleumlampen verwenden. Das steht den feuerpolizeilichen Richtlinien entgegen.

2. Ernährung
Die auf Lebensmittelmarken zustehenden (aber zu geringen) Nahrungsmittel konnten ausgegeben werden. Die Hoffnung auf Sonderzuteilungen zu Weihnachten zerschlugen sich – nur für Kinder gab es etwas Schokolade.
Die Landbevölkerung schimpft über die dauernden Kommissionen und Überprüfungen der Ablieferungsverpflichtungen. Wenn Sie alle Kartoffeln abliefern müssen, hätten Sie keine Saatkartoffeln mehr für das Frühjahr. Die angeordnete Herabsetzung des Viehbestandes wird als unverantwortlich bezeichnet, weil dadurch die Knappheit an Milch, Fett und Fleisch nach einer kurzen Übergangszeit um ein Vielfaches vergrößert wird.
(Anmerkung: In der Literatur über die Nachkriegszeit in Deutschland wird der Winter 1946/47 als „Hungerwinter“ bezeichnet, dem viele Menschen erlagen.)

3. Fürsorge
Anfang Dezember 1946 sah die Statistik der Fürsorge-Empfänger im Kreis Crailsheim so aus:
Ausgewiesene 1 982 Personen
Luftkriegs-Evakuierte 506
Angehörige v. ortsansässigen
Kriegsgefangenen und Gefallenen 564
Allgemeine Fürsorge 211
Insgesamt 3 263 davon 137 Personen in Heimen

4. Ostflüchtlinge
Es kamen Anfang Dezember nochmals 60 Ostflüchtlinge. Es wird davon ausgegangen, dass es der letzte Transport im Winter war, denn der Transport in Güterwagen wird jetzt unmöglich.
Die Versorgung der Ostflüchtlinge aus offiziellen Zuteilungen an Gebrauchsgütern – vor allem auch Öfen - bleibt katastrophal gering.

5. Jugend
Die Eltern beklagen sich über den geringen Schulunterricht. Täglich nur 2 Stunden. Dadurch entstünde ein nicht mehr einholbarer Rückstand in der Schulbildung.
Es fanden keine größeren Jugendveranstaltungen statt. In den Vereinen wird für Weihnachten gebastelt. Die Jugendabende im Jugendheim des Kreisjugendringes finden viel Anklang.

6. Politische Parteien
Es gab keine größeren Veranstaltungen. Die nach den Landtagswahlen vom 24.11. gebildete Regierung findet überwiegend Zustimmung in der Bevölkerung.

7. Arbeit

Die saisonale Umschichtung aus der Landwirtschaft in das nur begrenzt arbeitende Baugewerbe findet statt. Ansonsten werden diese Kräfte zum Holzeinschlag eingesetzt. Am Gesamtbild gibt es keine Veränderungen. Dazu müsste die Wirtschaft erst einmal anziehen.

8. Besondere Vorkommnisse
in Crailsheim keine.

9. Besondere Gerüchte und Parolen
In Stuttgart gäbe es auf dem Schwarzen Markt Hundefleisch in Dosen für 30 RM.

10. Stimmungsbild zur Außenpolitik
Die New Yorker Vorbesprechungen der Außenminister in der Deutschlandfrage werden mit großem Interesse verfolgt. Allgemein wird gehofft, dass die Friedensbedingungen nicht von Hass diktiert werden und dem deutschen Volk eine Lebensmöglichkeit belassen bleibt.

Juli

Öffentliche Sitzung des Kreistages
Der am 28. April mit CDU-Mehrheit gewählte Kreistag wurde von Landrat Daurer erst zu seiner ersten Sitzung am Dienstag, den 9. Juli 1946 einberufen. Einziger Tagungsordnungspunkt: Wahl des Landrats.
Die Sitzung war öffentlich und fand in der Jahnhalle statt.
Da der Landrat sich selbst zur Wahl stellte, übernahm der Stellvertreter im Vorsitz des Kreistages, Dr. Morasch (CDU), die Leitung der Sitzung.

Am Sonnabend, den 6. Juli war dem Landrat mitgeteilt worden, dass nach Ablehnung eines Kandidaten drei Kandidaten Wahl zugelassen (temporary approved) seien:
Neben Karl Daurer, Dr. Ernst Schaude und Dr. Wilhelm Schneider.

Am Montag, ein Tag vor der Wahl, wurde auch noch Dr. Schaude abgelehnt, der in Nürtingen von der Militärregierung überprüft auf dem Landratsamt arbeitete und auch mehrere Monate kommissarischer Landrat war.

Es war ganz eindeutig, dass die Crailsheimer Militärregierung den amtierenden Landrat, mit dem man täglichen Kontakt hatte und der aus ihrer Sicht sehr effektiv arbeitete, weiter im Amt sehen wollte.

Der weiterhin zugelassene Dr. Wilhelm Schneider trat zur Wahl nicht an.

Karl Daurer hatte eingangs gefordert, vor den Crailsheimern ein Rechenschaftsbericht über seine Tätigkeit geben zu können und dann wolle er seine Wahlrede halten. Beides wurde ihm gestattet.

Dr. Schenkel, Pfarrer in Unterdeufstetten, SPD, schlug dann vor, Karl Daurer zu wählen. Die Mehrheit des Kreistags lehnte das ab und stimmte für eine Wahlverschiebung auf den 9. August und auf eine Neuausschreibung des Postens.

In einer Stellungnahme wies Frau Julie Pöhler, die Vorsitzende der CDU, darauf hin, dass die Verschiebung allein durch die Militärregierung zu verantworten sei und man die Wahlmöglichkeit haben müsse, als Landrat wieder einen Verwaltungsfachmann zu wählen.

Ihre Rede hatte persönliche Folgen für sie (siehe unten). Dazu trug auch bei, dass sie sich nach der Sitzung in Stuttgart über die Militärregierung Crailsheim und ihre Handhabung der Kandidatenzulassung beschwerte.

Karl Daurer blieb erst einmal weiterhin im Amt.
(Die Redemanuskripte und das Sitzungsprotokoll liegen hier vor. Sie müssen auch im Kreisarchiv in Schwäbisch Hall vorhanden sein.)


Wöchentlicher Bericht des Landrats Daurer an den Geheimdienst der US-Armee CIC
Es liegen die Berichte vom 6, 14., 20., 27. Juli und 3. August vor.
(Adressat ist nicht der Vorsitzende der Militärregierung Crailsheim, der wurde immer durch mehrere Konferenzen pro Wochen vom Landrat persönlich informiert.)

Die einzelnen CIC-Meldungen zu den 10 Sachgebieten mit den angeforderten Stimmungsbildern werden hier zusammengefasst.

1. Wirtschaft
Es wird wie in den Vormonaten auf die schlechte Versorgungslage bei Arbeitskleidung und Schuhen hingewiesen. Ergänzt wird das durch den Hinweis auf die schlechte Versorgungslage bei Hausgeräten und Fahrrädern. Möbel stehen durch die Holzbewirtschaftung noch nicht zur Verfügung. Bei elektrischen Geräten, wie Kochplatten, Bügeleisen etc. bestehen Lieferfristen von 6 Monaten.

2. Ernährungslage
Die auf Lebensmittelkarten angegebenen Mengen können ausgeliefert werden. Frischgemüse aus den kreisansässigen Gartenbaubetrieben kam zum offenen Verkauf. In Crailsheim konnte man eine kleine Menge frische Seefische auf den Sonderabschnitt 7 kaufen. Daurer betonte, dass für die im Bauhandwerk Beschäftigten eine Erhöhung der Brotrationen notwendig wäre, da sie mittags meist nicht nach Hause können. Besondere Versorgungsschwierigkeiten seien im Juli nicht aufgetreten.

3. Fürsorge
Die Rückführung der Evakuierten und die vorgesehene Aufnahme von Zahlungen an Kriegshinterbliebene wird die Belastungen des Kreises verringern.
Ende des Monats wurden 3 017 Personen im Kreis durch die öffentliche Fürsorge betreut.
Evakuierte 700 Personen, Ostflüchtlinge 1 461, Ortsansässige 683, Allg. Fürsorge 173 (Anstaltsinsassen und Sozialrentner.)

4. Ostflüchtlinge
Bis Mitte Juli wurden im Kreis 7 500 Ostflüchtlinge aufgenommen. Davon entfallen auf Männer 30 %, 40% auf Frauen und 30% auf Kinder. Die Arbeitsfähigen wurden zu 80 Prozent in der Landwirtschaft und zu 20 Prozent im Baugewerbe eingesetzt. In der weiten Hälfte kamen nochmals 506 Ostflüchtlinge. Die Zusammensetzung und der Arbeitseinsatz änderte sich nicht.

5. Jugend
Monatsanfang: Jugendarbeit und Jugenderziehung innerhalb der Verbände und Organisationen läuft ohne Störung und mit gutem Erfolg weiter. Die Sportvereine erfassen auch die kleinen Gemeinden.
27.7. „Die Geschäftsführerin des Kreisjugendausschusses wurde auf Anordnung der Mil.Reg. von ihrer Tätigkeit entbunden, da sie zugleich Parteivorstand der CDU ist.
3. 8. Der Kreisjugendausschuss hat als vorläufigen Geschäftsführer den von der Mil.Reg genehmigten Gewerbelehrer Hohl eingesetzt.

6. Politische Parteien
14.7.: Die auf 9.7. festgesetzte Landratswahl ist nicht zustande gekommen, da selbst die Kreistagsmitglieder CDU (Mehrheit) ihren eigenen Kandidaten abgelehnt haben und den bisherigen Landrat Daurer vom Demokratischen Block anscheinend nicht wählen wollten. Eine Verschiebung der Wahl wurde angeordnet.

7. Arbeit
Der Arbeitskräftebedarf für die anlaufende Heuernte konnte gedeckt werden. Die eingesetzten Arbeitskräfte teilen sich so auf: 30 % in der Landwirtschaft, 25 % in der Bauwirtschaft, 15 % im Handel und Handwerk, 15 % im öffentlichen Dienst.


8. Besondere Vorkommnisse
keine

9. Gerüchte und Parolen
In England soll Deutsche Markenbutter verkauft werden.
In Bayern sollen russische Flugblätter abgeworfen worden sein:
„Was ist Euch lieber: 7 Tage Krieg oder 25 Jahre Ami-Besatzung?“
Proteste gegen Tabakpreise: Eine Zigarette 16 Rpfg. und eine Zigarre 2 RM. Das sei undemokratisch.
Außerdem würden die bei der Militärregierung Beschäftigten besser bezahlt als bei deutschen Firmen.

10. Außenpolitik
Die Bevölkerung verfolgt mit Spannung die Sitzungen der Außenminister in Paris.
Freude über das wirtschaftliche Zusammengehen der amerikanischen und britischen Zone.

19. Juli
Kreistagssitzung
Am 19. Juli fand die erste Sitzung des am 28. April gewählten jetzt 7köpfigen Kreisrates unter Leitung von Landrat Daurer statt. Die Kreisrätin Pöhler nahm teil.
Es kommt in keinem kreispolitischen Punkt zu einem Beschluss. Es sollen weitere Klärungen vorgenommen werden. Beschlossen wird, mit dem Landesverband landwirtschaftlicher Genossenschaften einen siebenjährigen Mietvertrag über die frühere Wanderarbeitsstätte in Schrozberg zu schließen, nachdem es dem Genossenschaftspräsidenten Eugen Grimminger gelungen war, den mtl. Mietpreis von 550 RM auf 450 RM herunterzuhandeln. (In Schrozberg wird am 1. März 1947 die erste Genossenschaftsschule Deutschlands eröffnet.)

21. Juli
Grosse Werbe-Veranstaltung des Turn- und Sportverein Crailsheim
am Sonntag
Es existiert ein doppelseitiges gedrucktes Programm:
8:30 -12:00 Uhr:
Turnerische und leichtathletische Wettkämpfe für Männer, Frauen, Jugend und Altersklassen

auf den beiden Sportplätzen an der Schönebürgstraße.
2:30 Uhr
- Vorführungen aller Abteilungen und
- Korbball der Turnerinnen
- Faustball der Männer
und im Mittelpunkt: Turnen am Barren, Pferd und Reck.
Gäste sind die deutschen Meisterturner:
Göggel (Stuttgart), Strobel (Hüttlingen) und Friedrich (München)

Es liegt ein
Weekly Activity Report
vom 21. 7. für den Zeitraum 14. bis 20. Juli vor.
- Die Militärregierung besteht nur noch aus 2 Offizieren und 2 anderen Dienstgraden.
- Hervorgehoben wird, dass weitere Angestellte mit Englischkenntnissen gesucht werden. Die Verantwortung für alle internen Verwaltungsaufgaben liegt bereits jetzt bei einem Deutschen.
- Für den 17. Juli wird über einen Hagel-Sturm berichtet, der im südlichen Teil des Kreises -Bergbronn, Waldtann, Matzenbach, Unterdeufstetten – schwere Schäden bei der Ernte zwischen 40 und 50 Prozent verursacht hat.
- Für den 24. Juli wird eine Sitzung des Militärgerichts angekündigt. Berichtet wird über weitere Amtsenthebungen von namentlich genannten leitenden Mitarbeitern im Finanzamt und beim Kreisbauamt.
- Ausführlich wird über „Softball“ -Training (eine Schlagball-Version) durch Angehörige der MG in Crailsheim und Gerabronn berichtet.

26. Juli
Abberufung von Frau Pöhler
Landrat Daurer teilt Frau Pöhler mit, dass ihm die Militärregierung Crailsheim zur Auflage gemacht hat, sie als Geschäftsführerin des Kreisjugendausschusses mit sofortiger Wirkung abzuberufen, da sie als Vorsitzende der CDU in dieser überparteilichen Position nicht tätig sein dürfe.

August


Landratswahl am 9. August 1946
Am 8. August wird Julie Pöhler, die Vorsitzende der CDU und Mitglied von Kreistag und Kreisrat, von einem amerikanischen Militärgericht auf Grund einer anonymen Anzeige wegen (angeblicher) Mitgliedschaft im NS-Lehrerbund zu 2 Monaten Haft und 500 RM verurteilt.

Sie muss die Haft am nächsten Morgen sofort antreten (anscheinend sehen die Amerikaner Fluchtgefahr) und kann an der Landratswahl nicht teilnehmen. (Sie bleibt bis 17. September in Haft - und kann erst danach im Spruchkammer-Verfahren nachweisen, dass sie keiner NS-Organisation angehörte.)

Bei der Neuausschreibung nach der Verschiebung der Wahl am 9. Juli hatten sich 28 Kandidaten beworben, vier wurden ausgewählt und konnten sich in der Sitzung des Kreistages am 9.8. in Kurzreferaten vorstellen.

Karl Daurer verzichtete auf eine Wiederholung seiner Rede. Dr. Schenkel plädierte nachdrücklich für die Wiederwahl von Karl Daurer. Die Wahl ergab dann: 18 Stimmen für Götz-Kraft von Oelffen und 7 Stimmen für Landrat Daurer.

Aus der Bewerbung von Götz-Kraft von Oelffen:
1913 in Schlesien evangelisch geboren. Vater war Landwirt. Nach dem Abitur Entscheidung für die Landwirtschaft. Freiwillige Meldung zur Wehrmacht, Offizier, Kriegsteilnahme, Mitglied des Widerstands, 1943 Haft, Verurteilung zum Tod 1944, Einweisung ins Konzentrationslager Nordhausen. Dort Befreiung durch die Amerikaner.
Augenblickliche berufliche Tätigkeit: Leiter einer landwirtschaftlichen Abteilung im Innenministerium in Stuttgart. Mitglied der CDU.
Sieht vier Hauptaufgaben:
1. Wohnraumschaffung, 2. Arbeitsplätze, 3.Hilfe für Heimkehrer aus Kriegsgefangenschaft und 4. Unterbringung von Flüchtlingen. Vor allem: Wer seine Aufgaben nicht erfüllen kann muss Platz machen für die, die es können.

Da erst die Freigabe des Innenministeriums für die neue Position noch erfolgen muss, bleibt Karl Daurer noch bis 31. August Landrat. Götz-Kraft von Oellfen übernahm am 1. September 1946.

Die Wut über seine Abwahl drückte Karl Daurer in seinen Berichten als Noch-Landrat an die CIC so aus:

„10. 8.: Eine Genugtuung über das Ergebnis der Landratswahl kann nur in den Kreisen festgestellt werden, welche in den vergangenen Jahren Mitglied der NSDAP waren... Die Bevölkerung versteht nicht, dass der gewählte Landrat

1. Nicht Württemberger ist.
2. Aus dem Adelsstand sein muss.
3. Ein Militarist war.

„Teile der Bevölkerung betrachten heute bereits die CDU als weit gefährlichere Partei als die ehemalig gewesene NSDAP“

Beim größten Teil der Bevölkerung konnte nach dem Urteil über Frau Pöhler, Vorstand der CDU, eine allgemeine Befriedigung über die gerechte Strafe festgestellt werden, da sie in den vergangenen Monaten jede politische links stehende Person Dreck ans Bein geschmiert hat.

17.8.: Die Bevölkerung des Kreises Crailsheim ist mit dem Ergebnis der Landratswahl, das auf einen strengen Parteibefehl zurückzuführen ist, nicht einverstanden.

24.8.: Die Bevölkerung ist heute noch der Ansicht, dass ein Landratswechsel nicht stattfinden sollte, wenn der bis jetzt im Amt stehende Landrat nicht durch einen Fachmann ersetzt werden kann.

31.8: U.a. konnte in Gerabronn bei einem gewissen Herrn Wankmüller, welcher inzwischen wegen Fragebogenfälschung durch das Militärgericht verurteilt wurde, die Äußerung gehört werden, dass, nachdem ein Landrat der CDU eingesetzt wird, die politisch Belasteten wieder ins Fahrwasser gekommen sind (sinngemäß).“

- Die von Karl Daurer erhoffte Annullierung der Landratswahl oder die Ablösung von Götz-Kraft von Oelffen wegen einer Fragebogen-Fälschung erfolgten nicht.
Die Crailsheimer Militärregierung gab den Fall samt Fragebogen an die vorgesetzte Stelle in Stuttgart ab:
„Oelffen’s story of being sentenced to death for working against the Nazi is not favourably considered. Other information was supposedly published in some German Army register. This however is not available at present. The commanding office at Crailsheim is busy going through his papers trying to find the particulars as published officially. This office cannot give a recommendation at present.”

Anmerkung
Karl Daurer wurde vom Arbeitsminister Kohl (KPD) am 1.11.1946 in Schwäbisch Hall ernannt und dann 1948 auf eigenen Wunsch nach Crailsheim versetzt. Er blieb der Crailsheimer Politik von 1947 – 1957 als Stadtrat, Kreistagsmitglied und Verwaltungsrat der Kreissparkasse erhalten.
(Siehe auch „Sozialistische Arbeitsgemeinschaft“)

September

Am 3. September teilte die US-Militärregierng in Stuttgart in einem Schreiben an
Dr. Reinhold Maier, Ministerpräsident des Landes Württemberg-Baden mit, dass Goetz Kraft von Oelffen als Landrat für den Kreis Crailsheim bestätigt wurde. Daraufhin erteilte auch der bisherige Dienstherr, das Innenministerium, die Freigabe.

Am Montag, den 9. September 1946 nahm von Oellfen seine Arbeit in Crailsheim auf.

Eine der erste Amthandlungen war, den Antrag des „Verein für Rasenspiele (V.f.R.) Altenmünster“ vom 6. 9. auf Erteilung einer Lizenz an die Crailsheimer Militärregierung weiterzuleiten. Die Leitung sollte bei Fritz Kreisel liegen, der einen tadelfreien Fragebogen vorlegen konnte. Als Sportarten wollte man Leichtathletik und Fußball betreiben

Die Genehmigung wurde erteilt und die Übungsstunden waren jeweils 19:00 Uhr am Dienstag für Leichtathletik und Mittwoch für Fußball auf dem Sportplatz des ehemaligen Fliegerhorsts.

Es gelang auch, einen Transportzug zusammenzustellen, der 414 Luftkriegs-Evakuierte in die britische Zone zurück brachte.

Am 1. September wurde das Büro des neuen Geschäftsführers des Kreisjugendausschusses, Karl Astor, Jahrgang 1904, im Nebenraum des „Schwarzen Bock“ in der Bahnhofstraße 4 eröffnet. Ein Programm wurde erst noch entwickelt.

In der eigenen Erinnerung ist, dass tagsüber bzw. wenn kein Programm angesetzt war, eine wettbewerbsgerechte Tischtennisplatte aufgestellt wurde und frei benutzt werden konnte. Herr Astor saß meist an seinem Schreibtisch auf der Empore der Hofseite des Nebenraumes. Er verwaltete dort auch Spiele und Bücher.

Am 22. September begann das Fußball-Spieljahr 1946/47. Daran nehmen auch 13 Jugendmannschaften aus Vereinen des Kreises Crailsheim teil.

Im ganzen Monat September bemühte sich Oberleutnant Mitchell um die von ihm im Kreis eingerichteten Schlagball-Jugendgruppen (Softball, eine Form des amerikanischen Baseball).
Es wurde auch am 16./17. September ein Turnier zwischen Langenburg, Blaufelden, Gerabronn, Bartenstein und Crailsheim ausgetragen, das Langenburg gewann. Es wurde im Bericht darüber erwähnt, dass sich zahlreiche Zuschauer einfanden.
Anders ausgedrückt: Die Militärregierung blieb ohne nachhaltigem Erfolg, uns Softball und amerikanischen Football nahe zu bringen.


Oktober 1946

Auch der neue Landrat muss wöchentliche Berichte mit Stimmungsbildern für den CIC, den Geheimdienst der US-Armee schreiben. Sie liegen mit Datum 5., 12.,19.,26. Oktober und 2.November für Oktober 1946 vor. Die 10 Punkte werden hier zusammengefasst.
1. Wirtschaft
Nach zeitigem Eintritt schlechter Witterung macht sich das Fehlen von Arbeitsschuhen und Bekleidung stark bemerkbar. Die Versorgung mit Öfen und Herden ist nicht möglich. Das trifft die Ostflüchtlinge besonders hart.
2. Ernährung
Die schlechte Obsternte macht sich stark bemerkbar. Obst konnte bisher manche Scheibe Brot ersetzen. Die vorgesehene Zuckerartion konnte nicht voll ausgegeben werden. Die Lager sind leer. Es konnten wieder Salzheringe ausgegeben werden.
Die Schwarzverkäufe von Ferkeln und Läuferschweinen sind hoch – und können kaum kontrolliert werden. „Es kann mit Recht behauptet werden, dass die Bauern z.Zt. die größten und gewinnsüchtigsten Geschäftemacher des Schwarzen Marktes sind.“
Die Kartoffeleinkellerung ist noch nicht beendet. Vorgesehen sind zwei Zentner pro Normalverbraucher.
3. Fürsorge
Es ist zu Monatsanfang schon absehbar, dass die Zahl der Fürsorge-Empfänger im Laufe des Winters deutlich ansteigen wird. Durch den Zugang von weiteren 240 Ostflüchtlingen werden sich die Zahlungen weiter erhöhen.
Ehemalige Soldaten ohne gültigen Entlassungsschein mussten sich im Kriegsgefangenenlager Heilbronn melden – und kehren nicht zurück. Es fallen also Ernährer wieder aus.
4. Ostflüchtlinge
Bayern drückt sich um die Aufnahme, so dass die Flüchtlinge in Württemberg landen. Am 16. Oktober kamen nochmals 189 Flüchtlinge. Die Unterbringung erfolgt zu katastrophalen Bedingungen. So wurde eine Familie mit 5 noch nicht erwachsenen Kindern in einem Raum untergebracht. Der Kreis musste bisher 8 895 Ostflüchtlinge aufnehmen.
5. Jugend
Das Jugendheim ist in der ganzen Woche abends belegt. Andererseits: Das Verkehrsministerium hat den Transport zu Sportveranstaltungen an Sonntagen verboten, wodurch Pflichtspiele des Jahres 1946/47 unmöglich gemacht werden. Auf Protest wurden sie später im Monat wieder zugelassen – aber nur innerhalb des Kreises. Für von Oberleutnant Mitchell veranstaltete Sportereignisse mit amerikanischen Sportarten gibt es keine Transportbeschränkungen.
6. Politische Parteien
Die Parteien bereiten sich nur in Mitgliederversammlungen auf die bevorstehende Landtagswahl vor.
7. Arbeit
Die Beschäftigung verschiebt sich von der Landwirtschaft hin zum Baugewerbe.
In den Angestelltenberufen überwiegt die Zahl der Arbeitssuchendne weiterhin die Zahl der offenen Arbeitsstellen.
8. Besondere Vorkommnisse
Am 8. Oktober, 14:30, war ein Rücktransport von Polen im Bahnhof eingelaufen und die Polen begannen zu plündern und Bahnpolizisten zu verprügeln. Als Crailsheimer Polizei die Bahnpolizei verstärkte waren bereits eine Wagenplane, ein Ofen und mehrere Kisten Expressgut entwendet. Wegen der weiteren drohenden Haltung der Polen wurde die Militärregierung gebeten, die Constabulary des Kreises einzusetzen. Auch der Chef der Militärregierung Crailsheim erschien und entschied, dass die Polen die Sachen wieder herausgeben müssten. Die taten das nicht. Um eine Eskalation zu vermeiden, ließ der Bahnvorstand den Zug abfahren.
9. Gerüchte und Parolen
Briefe deutsche Verwandter aus den USA berichten über den Verkauf von Deutscher Markenbutter und von Zucker dort. Das erscheint als Propaganda gegen die Militärregierung. Es sollte eine offizielle Richtigstellung der Militärregierung geben.

Es wird über die Urteile im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess und die Hinrichtung durch den Strang – „wie bei den Nazis“ - sehr kritisch diskutiert. Der Selbstmord Görings löste Schadenfreude aus.
10. Stimmungsbild zur Außenpolitik
Die Meinung überwiegt, dass ein Krieg der Westmächte gegen die Sowjetunion unvermeidbar wird.

Das wöchentliche Programm des Kreisjugendausschusses in Crailsheim im Oktober
jeweils abends um 19 Uhr:
Montag: Spielschar
Dienstag: Gymnastik Frauen
Mittwoch: Musik und Singen
Donnerstag: Spiele
Freitag: Eigenes Programm der Sportjugend
Samstag: Lesen




 

September

Am 3. September teilte die US-Militärregierng in Stuttgart in einem Schreiben an
Dr. Reinhold Maier, Ministerpräsident des Landes Württemberg-Baden mit, dass Goetz Kraft von Oelffen als Landrat für den Kreis Crailsheim bestätigt wurde. Daraufhin erteilte auch der bisherige Dienstherr, das Innenministerium, die Freigabe.

Am Montag, den 9. September 1946 nahm von Oellfen seine Arbeit in Crailsheim auf.

Eine der erste Amthandlungen war, den Antrag des „Verein für Rasenspiele (V.f.R.) Altenmünster“ vom 6. 9. auf Erteilung einer Lizenz an die Crailsheimer Militärregierung weiterzuleiten. Die Leitung sollte bei Fritz Kreisel liegen, der einen tadelfreien Fragebogen vorlegen konnte. Als Sportarten wollte man Leichtathletik und Fußball betreiben

Die Genehmigung wurde erteilt und die Übungsstunden waren jeweils 19:00 Uhr am Dienstag für Leichtathletik und Mittwoch für Fußball auf dem Sportplatz des ehemaligen Fliegerhorsts.

Es gelang auch, einen Transportzug zusammenzustellen, der 414 Luftkriegs-Evakuierte in die britische Zone zurück brachte.

Am 1. September wurde das Büro des neuen Geschäftsführers des Kreisjugendausschusses, Karl Astor, Jahrgang 1904, im Nebenraum des „Schwarzen Bock“ in der Bahnhofstraße 4 eröffnet. Ein Programm wurde erst noch entwickelt.

In der eigenen Erinnerung ist, dass tagsüber bzw. wenn kein Programm angesetzt war, eine wettbewerbsgerechte Tischtennisplatte aufgestellt wurde und frei benutzt werden konnte. Herr Astor saß meist an seinem Schreibtisch auf der Empore der Hofseite des Nebenraumes. Er verwaltete dort auch Spiele und Bücher.

Am 22. September begann das Fußball-Spieljahr 1946/47. Daran nehmen auch 13 Jugendmannschaften aus Vereinen des Kreises Crailsheim teil.

Im ganzen Monat September bemühte sich Oberleutnant Mitchell um die von ihm im Kreis eingerichteten Schlagball-Jugendgruppen (Softball, eine Form des amerikanischen Baseball).
Es wurde auch am 16./17. September ein Turnier zwischen Langenburg, Blaufelden, Gerabronn, Bartenstein und Crailsheim ausgetragen, das Langenburg gewann. Es wurde im Bericht darüber erwähnt, dass sich zahlreiche Zuschauer einfanden.
Anders ausgedrückt: Die Militärregierung blieb ohne nachhaltigem Erfolg, uns Softball und amerikanischen Football nahe zu bringen.


Oktober 1946
Auch der neue Landrat muss wöchentliche Berichte mit Stimmungsbildern für den CIC, den Geheimdienst der US-Armee schreiben. Sie liegen mit Datum 5., 12.,19.,26. Oktober und 2.November für Oktober 1946 vor. Die 10 Punkte werden hier zusammengefasst.
1. Wirtschaft
Nach zeitigem Eintritt schlechter Witterung macht sich das Fehlen von Arbeitsschuhen und Bekleidung stark bemerkbar. Die Versorgung mit Öfen und Herden ist nicht möglich. Das trifft die Ostflüchtlinge besonders hart.
2. Ernährung
Die schlechte Obsternte macht sich stark bemerkbar. Obst konnte bisher manche Scheibe Brot ersetzen. Die vorgesehene Zuckerartion konnte nicht voll ausgegeben werden. Die Lager sind leer. Es konnten wieder Salzheringe ausgegeben werden.
Die Schwarzverkäufe von Ferkeln und Läuferschweinen sind hoch – und können kaum kontrolliert werden. „Es kann mit Recht behauptet werden, dass die Bauern z.Zt. die größten und gewinnsüchtigsten Geschäftemacher des Schwarzen Marktes sind.“
Die Kartoffeleinkellerung ist noch nicht beendet. Vorgesehen sind zwei Zentner pro Normalverbraucher.
3. Fürsorge
Es ist zu Monatsanfang schon absehbar, dass die Zahl der Fürsorge-Empfänger im Laufe des Winters deutlich ansteigen wird. Durch den Zugang von weiteren 240 Ostflüchtlingen werden sich die Zahlungen weiter erhöhen.
Ehemalige Soldaten ohne gültigen Entlassungsschein mussten sich im Kriegsgefangenenlager Heilbronn melden – und kehren nicht zurück. Es fallen also Ernährer wieder aus.
4. Ostflüchtlinge
Bayern drückt sich um die Aufnahme, so dass die Flüchtlinge in Württemberg landen. Am 16. Oktober kamen nochmals 189 Flüchtlinge. Die Unterbringung erfolgt zu katastrophalen Bedingungen. So wurde eine Familie mit 5 noch nicht erwachsenen Kindern in einem Raum untergebracht. Der Kreis musste bisher 8 895 Ostflüchtlinge aufnehmen.
5. Jugend
Das Jugendheim ist in der ganzen Woche abends belegt. Andererseits: Das Verkehrsministerium hat den Transport zu Sportveranstaltungen an Sonntagen verboten, wodurch Pflichtspiele des Jahres 1946/47 unmöglich gemacht werden. Auf Protest wurden sie später im Monat wieder zugelassen – aber nur innerhalb des Kreises. Für von Oberleutnant Mitchell veranstaltete Sportereignisse mit amerikanischen Sportarten gibt es keine Transportbeschränkungen.
6. Politische Parteien
Die Parteien bereiten sich nur in Mitgliederversammlungen auf die bevorstehende Landtagswahl vor.
7. Arbeit
Die Beschäftigung verschiebt sich von der Landwirtschaft hin zum Baugewerbe.
In den Angestelltenberufen überwiegt die Zahl der Arbeitssuchendne weiterhin die Zahl der offenen Arbeitsstellen.
8. Besondere Vorkommnisse
Am 8. Oktober, 14:30, war ein Rücktransport von Polen im Bahnhof eingelaufen und die Polen begannen zu plündern und Bahnpolizisten zu verprügeln. Als Crailsheimer Polizei die Bahnpolizei verstärkte waren bereits eine Wagenplane, ein Ofen und mehrere Kisten Expressgut entwendet. Wegen der weiteren drohenden Haltung der Polen wurde die Militärregierung gebeten, die Constabulary des Kreises einzusetzen. Auch der Chef der Militärregierung Crailsheim erschien und entschied, dass die Polen die Sachen wieder herausgeben müssten. Die taten das nicht. Um eine Eskalation zu vermeiden, ließ der Bahnvorstand den Zug abfahren.
9. Gerüchte und Parolen
Briefe deutsche Verwandter aus den USA berichten über den Verkauf von Deutscher Markenbutter und von Zucker dort. Das erscheint als Propaganda gegen die Militärregierung. Es sollte eine offizielle Richtigstellung der Militärregierung geben.

Es wird über die Urteile im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess und die Hinrichtung durch den Strang – „wie bei den Nazis“ - sehr kritisch diskutiert. Der Selbstmord Görings löste Schadenfreude aus.
10. Stimmungsbild zur Außenpolitik
Die Meinung überwiegt, dass ein Krieg der Westmächte gegen die Sowjetunion unvermeidbar wird.

Das wöchentliche Programm des Kreisjugendausschusses in Crailsheim im Oktober
jeweils abends um 19 Uhr:
Montag: Spielschar
Dienstag: Gymnastik Frauen
Mittwoch: Musik und Singen
Donnerstag: Spiele
Freitag: Eigenes Programm der Sportjugend
Samstag: Lesen


November 1946
Es liegen die Wochenberichte des Landrates an den CIC vom 9., 16., 23., und 30. November 1946 vor. Die Zusammenfassung der 10 Sachgebiete mit Stimmungsbild:
1. Wirtschaft
Die Brennstoffzuteilung wurde zur Panne. Eine im Sommer örtlich ausgegebene Kohlenkarte brachte nichts. Es gab keine Kohlen. Die Holzzuteilung wurde schlecht organisiert. Das Holz muss teilweise erst noch geschlagen werden.
Die geringen Kontingente an Schuhen und Spinnstoffwaren gingen nur an die Ostflüchtlinge.
Die Stromeinschränkungen treffen die Betriebe schwer. Glühbirnen gibt es nicht.
2. Ernährung
Die auf Karten vorgesehenen Lebensmittel konnten ausgegeben werden. Ausnahme: Es gibt eine Eierkarte. Eier kommen aber schon länger nicht mehr zur Zuteilung – obwohl es soviel Hühne gibt wie vor dem Krieg. Und: Wohin geht das Schweineschmalz, das auch nicht zugeteilt wird?
Es gab wieder 250 gr. Salzheringe für Normalverbraucher.
3. Fürsorge
Die Kassenlage wird durch die gestiegenen Zahl der Ostflüchtlinge prekärer.
4. Ostflüchtlinge
Die Wohnungsnot wird vor dem Einbrechen des Winters nicht mehr gelindert werden. Die für solche Programme zugesagten Baumaterialien kommen nicht.
Dem Kreis wurden zwei Transporte aus der Tschechei – 50 und 147 – zugewiesen.
Es wurden zwei Transporte von Flüchtlingen zusammengestellt und weitergeleitet:
13 Personen in die Britische Zone und 45 Personen in die Russische Zone. Sie kamen nach ein paar Tagen zurück, da ihre Aufnahme dort abgelehnt wurde.
5. Jugend
Der Sportbetrieb außerhalb der Ortschaften ist zum Erliegen gekommen.
Das Jugendheim wird voll angenommen. Es werden dort auch Bastelarbeiten für geplante Weihnachtsfeiern angefertigt
6. Politische Parteien
Es finden Mitgliederversammlungen zur Vorbereitung auf die Landtagswahlen am 24. November in Nordwürttemberg und Nordbaden (US-Zone) statt.
7. Arbeit
keine Veränderung. Es könnten mehr Arbeitssuchende vermittelt werden, wenn es entsprechende Arbeitskleidung gäbe. Kaufmännische Berufe sind kaum zu vermitteln.
8. Besondere Vorkommnisse
Die Kriminalität nimmt laufend zu, das reicht von Felddiebstählen über Einbrüche bis zu Sittlichkeitsverbrechen.
9. Besondere Gerüchte und Parolen
Es wird ein Bericht der „New Herald Tribune“ vom 12.10.1946 weitergegeben, nachdem es – wenn keine gesamtdeutsche Währungsreform zustände käme – es eine solche für die drei Westzonen geben würde. Das Geld sei in den USA schon gedruckt. Bankkonten würden eingefroren, jeder bekäme nur 100 RM ausgezahlt, alle privaten und industriellen Vermögen würden mit 5% besteuert. Der Kurs zum Dollar wäre dann 5 RM.
Das hat erhebliche Beunruhigung der Bevölkerung hervorgerufen. Es werden Schritte zur Unterbringung des Bargeldes beobachtet.
10. Stimmungsbild zur Außenpolitik

Eine Rede des britischen Premiers W. Churchill erweckte Hoffnung („das falsche Schwein geschlachtet“), dass nun die Zerstörungen in Deutschland als genügende Strafe angesehen würde.


Die Ergebnisse der Landtagswahlen am 24. November
Die Sitzverteilung: CDU 39, DVP 19, SPD 32, KPD 10 Sitze.
Der wiedergewählte Ministerpräsident Dr. Reinhold Maier bildete aber wieder eine Regierung aus allen vier Parteien.

Die Stimmenverteilung im Kreis Crailsheim:

CDU 10 968 DVP 3 194
SPD 2 884 KPD 595

 


Dezember

Es liegen nur drei wöchenliche Berichte des Landrates an den CIC der Militärregierung vor: 6.;13. und 20. Dezember 1946. Die 10 Sachgebiete mit Stimmungsbild werden hier zusammengefasst.

1. Wirtschaft
Durch die angeordneten Stromsperren entstehen große Lücken in der Produktion und in den Leistungen der Handwerker. Es ist keine Besserung in der Belieferung bewirtschafteter Waren zu verzeichnen. Bei der in der zweiten Dezember-Hälfte eingetretenen Wetterverschlechterung macht sich der Mangel an Schuhwerk und Bekleidung wieder stark bemerkbar. Es wird zum Ansteigen der Krankheitsfällen kommen, da auch das Heizmaterial unzureichend vorhanden ist.
Der Mangel an Glühbirnen führt dazu, dass die Bauern wieder Petroleumlampen verwenden. Das steht den feuerpolizeilichen Richtlinien entgegen.

2. Ernährung
Die auf Lebensmittelmarken zustehenden (aber zu geringen) Nahrungsmittel konnten ausgegeben werden. Die Hoffnung auf Sonderzuteilungen zu Weihnachten zerschlugen sich – nur für Kinder gab es etwas Schokolade.
Die Landbevölkerung schimpft über die dauernden Kommissionen und Überprüfungen der Ablieferungsverpflichtungen. Wenn Sie alle Kartoffeln abliefern müssen, hätten Sie keine Saatkartoffeln mehr für das Frühjahr. Die angeordnete Herabsetzung des Viehbestandes wird als unverantwortlich bezeichnet, weil dadurch die Knappheit an Milch, Fett und Fleisch nach einer kurzen Übergangszeit um ein Vielfaches vergrößert wird.
(Anmerkung: In der Literatur über die Nachkriegszeit in Deutschland wird der Winter 1946/47 als „Hungerwinter“ bezeichnet, dem viele Menschen erlagen.)

3. Fürsorge
Anfang Dezember 1946 sah die Statistik der Fürsorge-Empfänger im Kreis Crailsheim so aus:
Ausgewiesene 1 982 Personen
Luftkriegs-Evakuierte 506
Angehörige v. ortsansässigen
Kriegsgefangenen und Gefallenen 564
Allgemeine Fürsorge 211
Insgesamt 3 263 davon 137 Personen in Heimen

4. Ostflüchtlinge
Es kamen Anfang Dezember nochmals 60 Ostflüchtlinge. Es wird davon ausgegangen, dass es der letzte Transport im Winter war, denn der Transport in Güterwagen wird jetzt unmöglich.
Die Versorgung der Ostflüchtlinge aus offiziellen Zuteilungen an Gebrauchsgütern – vor allem auch Öfen - bleibt katastrophal gering.

5. Jugend
Die Eltern beklagen sich über den geringen Schulunterricht. Täglich nur 2 Stunden. Dadurch entstünde ein nicht mehr einholbarer Rückstand in der Schulbildung.
Es fanden keine größeren Jugendveranstaltungen statt. In den Vereinen wird für Weihnachten gebastelt. Die Jugendabende im Jugendheim des Kreisjugendringes finden viel Anklang.

6. Politische Parteien
Es gab keine größeren Veranstaltungen. Die nach den Landtagswahlen vom 24.11. gebildete Regierung findet überwiegend Zustimmung in der Bevölkerung.

7. Arbeit

Die saisonale Umschichtung aus der Landwirtschaft in das nur begrenzt arbeitende Baugewerbe findet statt. Ansonsten werden diese Kräfte zum Holzeinschlag eingesetzt. Am Gesamtbild gibt es keine Veränderungen. Dazu müsste die Wirtschaft erst einmal anziehen.

8. Besondere Vorkommnisse
in Crailsheim keine.

9. Besondere Gerüchte und Parolen
In Stuttgart gäbe es auf dem Schwarzen Markt Hundefleisch in Dosen für 30 RM.

10. Stimmungsbild zur Außenpolitik
Die New Yorker Vorbesprechungen der Außenminister in der Deutschlandfrage werden mit großem Interesse verfolgt. Allgemein wird gehofft, dass die Friedensbedingungen nicht von Hass diktiert werden und dem deutschen Volk eine Lebensmöglichkeit belassen bleibt.

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© Armin Ziegler