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Stadt- und Kreisverwaltung Crailsheim - administrativer Neuanfang

Der Spielraum für die deutsche Verwaltung in Stadt und Kreis Crailsheim war anfangs eng. Die Zwänge der Situation waren enorm: Zerstörungen der Infrastrukturen und Telefonverbindungen, der öffentlichen Gebäude und eines großen Teils des Wohnraum. Die Situation war auch durch die sonstigen Hinterlassenschaften und Folgen des verlorenen Krieges geprägt, durch die einquartierten Besatzungstruppen und durch die Auflagen der noch im Aufbau befindlichen, ortsunerfahrenen Militärregierung, die mit sehr viel bürokratischem Aufwand verbunden waren. Und doch bildeten sich langsam Freiräume für eigenes Handeln heraus, denn weder die Militärregierung noch irgendeine deutsche Verwaltung war anfangs oberhalb der Kreisebene organisiert. Diese Freiräume hingen von den jeweiligen Verantwortlichen der örtlichen Militärregierung und ihren deutschen Gesprächspartnern ab.

In Crailsheim beließen die Amerikaner den früheren Bürgermeister Friedrich Fröhlich im Amt. Der Posten des Landrats blieb unbesetzt.

Landrat Dr. Schäfer war von den Amerikanern bei der ersten Besetzung festgenommen und dann mitgeführt worden. Sein Stellvertreter, Dr. Zinser, amtierte zwischen den beiden Besetzungen und hatte die Stadt vor den einrückenden Amerikanern am 20. April verlassen. In den ersten Tagen nahmen Mitarbeiter des Landratsamts erste Maßnahmen wahr. So ist eine Rückrufaktion von Plünderungsgut per Plakat in Vertretung des Landrats von den Herren Spreng und Brodbeck mit Datum 7. Mai 1945 unterzeichnet. Dieses Übergangsstadium dauerte nur bis zur Einsetzung von Erbprinz zu Hohenlohe-Langenburg als Landrat am 17. Mai 1945.

Bürgermeister Fröhlich schildert die Tage seiner Amtsführung nach der Besetzung so (2):

„Der amerikanische Stadtkommandant Captain Pasley hat nach der Besetzung der Stadt von sich aus ein provisorisches Verwaltungsgremium mit Brauereibesitzer

Wilhelm Fach als kommissarischer Bürgermeister an der Spitze bestellt. Am 24. 4. ließ mir Captain Pasley durch einen seiner Offiziere in Begleitung der Dolmetscherin Frau Wohlmann nach Wäldershub mündlich übermitteln, daß er und die Crailsheimer meine Rückkehr wünschen, worauf ich noch am gleichen Tag mich auf dem Rathaus in Crailsheim einfand und aus der Hand des Herrn Fach das Amt des Bürgermeisters zurücknahm. Durch einen anschließend miteinander ausgeführten Rundgang durch die Stadt nahm ich Augenschein von den in den 6 Tagen meiner Abwesenheit eingetretenen weiteren Beschädigungen.


Langsam nur und zum Teil erst nach schriftlicher Aufforderung stellte sich das Personal der städtischen Ämter wieder ein. Noch länger dauerte es, bis das Landratsamt und die Kreisdienststellen wieder funktionsfähig waren. In der Zwischenzeit mußte ich alle im Interesse der Betreuung der einheimischen Bevölkerung und der ausländischen Arbeitskräfte nötigen Maßnahmen allein treffen.

Trotz mehrfachen Wechsels der Befehlshaber der Besatzungstruppen und des Leiters der später eingetroffenen örtlichen Militärregierung wickelte sich die Zusammenarbeit mit den Amerikanern in durchaus harmonischer Weise ab. Besondere Schwierigkeiten in steigendem Maße brachte nur die Zusammenziehung einer immer größeren Anzahl ausländischer Arbeitskräfte aus dem ganzen Kreis in der Stadt nicht nur bezüglich der Unterbringung und Verpflegung, sondern auch hinsichtlich des Eigentumsschutzes bis schließlich wirksamere Maßnahmen bei der Militärregierung erreicht werden konnten. Die Geschäftsabwicklung, die im Wesentlichen sich in den täglichen mündlichen Besprechungen vollzog, hat zwischen den Amerikanern und mir keine Unebenheit ergeben.“

Bürgermeister Fröhlich war deshalb sehr überrascht, daß ihm am 18. Mai mitgeteilt wurde, daß die Amtsgeschäfte in jüngere Hände übergehen sollten.

Der neue Bürgermeister und der erste neue Landrat

Am 17. Mai 1945 wurde sowohl ein neuer Landrat des Kreises Crailsheim als auch der Bürgermeister der Stadt Crailsheim vom damaligen Leiter der für Crailsheim zuständigen Militärregierung, Major Lewis, ernannt.

Landrat wurde Gottfried Erbprinz zu Hohenlohe-Langenburg

auf Vorschlag einer Gruppe evangelischer Bürger, darunter Pfarrer Schlauch aus Bächlingen und Druckereibesitzer Adolf Wankmüller aus Gerabronn, die mit ihm durch kirchliche Arbeit verbunden waren.

Bürgermeister in Crailsheim wurde der bisherige Stadtinspektor
Wilhelm Gebhardt
auf Vorschlag von Karl Daurer, einem Crailsheimer Schlosser und KPD-Mitglied vor 1933.

Bürgermeister Gebhardt wurde beauftragt, einen Gemeinderat zu bilden, der ausdrücklich wieder die Beschlußrechte wie vor 1933 bekam. Karl Daurer wurde zum I. Beigeordneten bzw. zum stellvertretenden Bürgermeister ernannt.

Der neue Gemeinderat

Erster Beigeordneter

Daurer, Karl, Schlossermeister, Hammersbachweg 28

Stadträte

Abelein, Georg. Kaufmann, Crailsheim

Breitner, Karl, Postschaffner, Ellwangerstraße 29

Denneler, Julius, Oberlokomotivführer, Alter Postweg 13
Dexler, Ludwig, Gaswerksheizer, Bahnhofstraße 36 a

Haußmann, Karl, beeidigter Versteigerer, Friedenstraße 39

H e b e i ß, Karl. Mechanikermeister, Lindenweg 8
Hornung, Friedrich, Bauer, Crailsheim-Altenmünster
Schäffer, Ernst. Glasermeister. Kirchplatz 2

Scheurer, Franz. Gipserpeister, Kronprinzstraße 4
Uhde, Friedrich, Lagerhausarbeiter, Crailsheim-Ingersheim‘‘

Der Gemeinderat wird die Funktionen auf den gleichen Rechtsgrundsätzen wie vor 1933 ausüben, d. h. der Ge­meinderat ist wieder Beschlussorgan.

Crailsheim, den 18. Juni 1945.       

gezGebhardt.
Der Bürgermeister.

                             Der 1. Beigeordnete: gez. Daurer.

Dieser Gemeinderat tagte 1945 nur viermal etwa im Abstand von sechs Wochen. Die erste Sitzung fand am 1. Juni statt, die letzte am 2. November 1945.

Aus den Protokollen der ersten beiden Sitzungen, am 1.6. und 17.7. geht noch eindeutig das Beschlußrecht der Gemeinderäte hervor, in der Sitzung vom 26. September werden die Gemeinderäte nur noch Beiräte genannt.

In der Sitzung vom 2. November war ihnen das Beschlußrecht durch ein Schreiben des Landrats entzogen worden. Sein Argument: Man müsse erst die neue Gemeindeordnung abwarten.

In der Praxis bedeutete es, dass der Handlungsspielraum durch den Landrat vorgegeben wurde, der vorher von ihm mit der Militärregierung abgesprochen war.

Wichtige Punkte der ersten Gemeinderatssitzung am 1. Juni 1945 waren der Vorrang des Aufbaus der zerstörten Handwerksbetriebe und die Notwendigkeit einer grundsätzlichen Neuplanung der Innenstadt. Außerdem wurde ein Bauausschuß mit den Herren Daurer, Schaeffer und Scheurer bestellt. Der Zuzug von Wohnungssuchenden und Gewerbetreibenden wird gesperrt.


Zum Punkt 7 heißt es: „Im Zuge der politischen Umwälzung wurden aus dem städtischen Dienst entlassen ...“ Aufgelistet werden der städtische Elektromeister, der Hausverwalter, der städtische Bauaufseher und der Rev. Oberleutnant der Schutzpolizei Hielscher. Sie werden durch Personen der Wahl von Bürgermeister Gebhardt ersetzt.
Auf Vorschlag des Bürgermeisters erhält der Gemeinderat Haußmann, bisher Versteigerer, eine Anstellung im Wohnungsamt.

In der zweiten Gemeinderatssitzung am 17. Juli 1945 wird Karl Haußmann für den inzwischen zum Landrat ernannten Karl Daurer zum 1. Beigeordneten berufen.

In dieser Sitzung fallen vor allem drei wichtige Beschlüsse: Die vorläufigen Richtlinien für den Wiederaufbau werden festgelegt, die Unterbringung und Neueröffnung von Gewerbebetrieben wird geregelt und die Wohnraumlenkung beschlossen. Diese Probleme werden sehr pragmatisch angegangen.

Die vorläufigen Richtlinien für den Wiederaufbau besagen:

„Ohne Genehmigung können vorläufig alle Arbeiten des Dachdecker-, Gipser-, Schlosser-, Glaser-, Maler- und Tapezierhandwerks durchgeführt werden. Ebenso können geringe Maurerarbeiten zur Instandsetzung von Außen- und Innenmauern ausgeführt werden.

Wenn etwas mehr beschädigte Häuser instandgesetzt oder fehlende Dächer aufgebaut werden, ist eine einfache schriftliche Meldung an das Stadtbauamt zu richten.

Wo Änderungen gegenüber dem bisherigen Zustand gemacht werden sollen, ist dem Stadtbauamt eine Skizze oder ein Plan vorzulegen. Für die vorgenannten Arbeiten ist das Material selbst zu beschaffen. Der Aufbau stark oder total zerstörter Gebäude kommt vorläufig nicht in Frage.

Sämtliche Bauvorhaben werden provisorisch durchgeführt und müssen, wenn sie der späteren Neugestaltung der Stadt im Wege stehen, wieder abgeändert werden.“

In dieser Sitzung wird die Zulassung von Gewerbebetrieben auch noch recht einfach geregelt. Wer bereits einen Betrieb geführt hatte, durfte weitermachen. Neue brauchten die Zustimmung des Gemeinderates. Vom Stadtbaumeister Kiderlen wird eine Vorrangliste notwendiger Arbeiten vorgelegt. Außerdem wird festgelegt, daß Männer, die keine Arbeit nachweisen können, auch keine Lebensmittelkarten erhalten. Die schon am 1.6.45 grundsätzlich ausgesprochene Zuzugssperre wird auf Vorschlag des Wohnungsamtes präzisiert. Im Grunde bedeutete das, wer kein Crailsheimer ist und keine Arbeit nachweisen kann, darf nicht länger in Crailsheim bleiben.

Albert Brobeil wird als stellvertretender Standesbeamter und stellvertretender Leiter der Bürgermeisterkanzlei eingestellt. Die vier von der Stadt aus Dinkelsbühl beschafften Feldscheuern werden an drei Landwirte in Crailsheim und einen in Ingersheim verteilt.

Die Sitzung am 26. September 1945: Ab jetzt werden die Gemeinderäte als Beiräte bezeichnet. Die wichtigsten Punkte sind die Brennholzversorgung, der Vertrag mit der Ziegelei Reubach, die Straßenumbenennungen und die Schwerpunkte der Tätigkeiten des Stadtbauamts in den nächsten drei Monaten.

Stadtdirektor Lindenmeyer berichtet über die knappe Brennholzversorgung, die es nicht möglich machen wird, jedem Haushalt Holz zuzuweisen. Kohle steht für Haushalte ohnehin nicht zur Verfügung.

Diese Straßenumbenennungen werden beschlossen:

Adolf Hitler Allee                                                     Ostring
Boelckestraße                                                Albrecht-Dürer-Straße
Weverstraße                                                              Riemenschneider Straße

Ernst-Weinstein-Straße                                              Peter-Vischer-Straße

Helmuth-Hirth-Straße                                    Adam-Krafft-Straße
Immelmannstraße                                                       Florian-Geyer-Straße
Richthofenstraße                                                        Hardtstraße

Robert-Ley-Siedlung                                      Ölmühle-Siedlung
Wilhelm-Gustloff-Straße                                           Birkenweg
Walter-Flex-Straße                                                    Blumenstraße
Friedrich-Richter-Straße                                           Heidestraße
Ernst-von-Rath-Straße                                               Holderweg

In Altenmünster:
Adolf-Hitler-Straße                                                   Gaildorfer Straße
Dietrich-Eckart-Straße                                              Martin-Luther-Straße
Hermann-Göring-Straße                                            Gutenbergstraße

Horst-Wessel-Straße                                                    Zeppelinstraße

Die Schutzpolizei Crailsheim soll aus Kostengründen ab 1.12.45 in die Landespolizei übergehen. Auch werden „auf Anordnung der Militärregierung und des Landrats“ wegen Zugehörigkeit zu NS-Organisationen zwei Stadtinspektoren, ein Stadtobersekretär, ein Bauschreiber und ein Abrechnungskassierer entlassen.
Neueingestellt wird Heinz Barthel als Leiter der Kartenausgabestelle und des Einwohnermeldeamts. Die Stadtwerke stellen für die fünf beim Bombenangriff im Gaswerk gefallenen Mitarbeiter sechs neue Mitarbeiter ein. Ebenso werden die Stellen von 15 seit Mai 1945 eingestellten Polizisten bestätigt. Beirat Dexler, bisher Gaswerkheizer, wird städtischer Bauaufseher.

Am 28. September findet eine Sondersitzung statt. Auf ihr werden die Rücktritte von Karl Hebeiß und Franz Scheurer bekanntgegeben, da sie einer NS-Organisation angehört haben. Zugrunde liegt eine generelle Anordnung der noch von den Franzosen eingesetzten Landesverwaltung des Inneren in Stuttgart vom 22.8.1945 (6). Neu ernannt wird Josef Baamann. Der Beirat besteht jetzt nur noch aus 8 Mitgliedern, nachdem bereits vorher ein Gemeinderat wegen anderweitiger Arbeitsüberlastung zurückgetreten war. Von den vier Handwerkern, die anfänglich im Gemeinderat waren (Daurer, Hebeiß, Schaeffer, Scheurer) und auf sehr praktische Beschlüsse hinwirkten, ist nur noch einer dabei.

(Die Verabschiedung wird vom Bürgermeister durchgeführt, der selbst Parteigenosse und SA-Mann war, aber von Landrat Daurer den Amerikanern gegenüber als unentbehrlich bezeichnet wird.)

Beiratssitzung vom 2. November 1945: Einer der wichtigen Punkte war die Frage des Wiederaufbaus des Gaswerks. Eine Entscheidung darüber wird verschoben. Erörtert wird der Kauf von angebotenen Grundstücken (u.a. des Geländes der Firma Robert Bosch). Die Grundsteuer für land- und forstwirtschaftliche Betriebe wird festgesetzt.

Der ernannte Gemeinderat tritt dann im neuen Jahr am 9.1.1946 nochmals zu einer Sitzung zusammen. Er nimmt eine schriftliche Anordnung von Landrat Daurer vom 22.12.45 zur Kenntnis, die er aufgrund einer mündlichen Anordnung der Militärregierung erlassen hat: Stadtdirektor Lindenmeyer (Parteigenosse seit 1943 – mit Rückdatierung auf 1941, genau wie Bürgermeister Gebhardt) und zwei weitere städtische Beamte werden mit sofortiger Wirkung als Beamte der Stadt Crailsheim entlassen. Ihre Vermögen werden gesperrt. Die Betroffenen erklärten sich jedoch bereit, ihre Arbeit als „Angestellte ohne Anweisungsbefugnis“ weiter zu leisten.

Über die Arbeit des Gemeinderats wird 1945 im Amtsblatt nur einmal berichtet. Am 21.7.1945 wird der Beschluß des Gemeinderats vom 17.7. erwähnt, Lebensmittelkarten nur an männliche Personen vom 16. bis 50. Lebensjahr auszugeben, wenn sie – sofern sie nicht kriegsbeschädigt sind – eine Bestätigung vorlegen, daß sie voll in Arbeit stehen. Über den Beirat wird ebenfalls nur einmal berichtet: Am 6.10.1945 wird die Mitwirkung bei der Umbenennung von Straßen mit NS-Namen erwähnt. Die Aufhebung des Beschlußrechts und die personellen Veränderungen erfahren die Crailsheimer nicht.


Dieser Gemeinderat tagte 1945 nur viermal etwa im Abstand von sechs Wochen. Die erste Sitzung fand am 1. Juni statt, die letzte am 2. November 1945.

Aus den Protokollen der ersten beiden Sitzungen, am 1.6. und 17.7. geht noch eindeutig das Beschlußrecht der Gemeinderäte hervor, in der Sitzung vom 26. September werden die Gemeinderäte nur noch Beiräte genannt.

In der Sitzung vom 2. November war ihnen das Beschlußrecht durch ein Schreiben des Landrats entzogen worden. Sein Argument: Man müsse erst die neue Gemeindeordnung abwarten.

In der Praxis bedeutete es, dass der Handlungsspielraum durch den Landrat vorgegeben wurde, der vorher von ihm mit der Militärregierung abgesprochen war.

Wichtige Punkte der ersten Gemeinderatssitzung am 1. Juni 1945 waren der Vorrang des Aufbaus der zerstörten Handwerksbetriebe und die Notwendigkeit einer grundsätzlichen Neuplanung der Innenstadt. Außerdem wurde ein Bauausschuß mit den Herren Daurer, Schaeffer und Scheurer bestellt. Der Zuzug von Wohnungssuchenden und Gewerbetreibenden wird gesperrt.

 


Zum Punkt 7 heißt es: „Im Zuge der politischen Umwälzung wurden aus dem städtischen Dienst entlassen ...“ Aufgelistet werden der städtische Elektromeister, der Hausverwalter, der städtische Bauaufseher und der Rev. Oberleutnant der Schutzpolizei Hielscher. Sie werden durch Personen der Wahl von Bürgermeister Gebhardt ersetzt.
Auf Vorschlag des Bürgermeisters erhält der Gemeinderat Haußmann, bisher Versteigerer, eine Anstellung im Wohnungsamt.

In der zweiten Gemeinderatssitzung am 17. Juli 1945 wird Karl Haußmann für den inzwischen zum Landrat ernannten Karl Daurer zum 1. Beigeordneten berufen.

In dieser Sitzung fallen vor allem drei wichtige Beschlüsse: Die vorläufigen Richtlinien für den Wiederaufbau werden festgelegt, die Unterbringung und Neueröffnung von Gewerbebetrieben wird geregelt und die Wohnraumlenkung beschlossen. Diese Probleme werden sehr pragmatisch angegangen.

Die vorläufigen Richtlinien für den Wiederaufbau besagen:

„Ohne Genehmigung können vorläufig alle Arbeiten des Dachdecker-, Gipser-, Schlosser-, Glaser-, Maler- und Tapezierhandwerks durchgeführt werden. Ebenso können geringe Maurerarbeiten zur Instandsetzung von Außen- und Innenmauern ausgeführt werden.

Wenn etwas mehr beschädigte Häuser instandgesetzt oder fehlende Dächer aufgebaut werden, ist eine einfache schriftliche Meldung an das Stadtbauamt zu richten.

Wo Änderungen gegenüber dem bisherigen Zustand gemacht werden sollen, ist dem Stadtbauamt eine Skizze oder ein Plan vorzulegen. Für die vorgenannten Arbeiten ist das Material selbst zu beschaffen. Der Aufbau stark oder total zerstörter Gebäude kommt vorläufig nicht in Frage.

Sämtliche Bauvorhaben werden provisorisch durchgeführt und müssen, wenn sie der späteren Neugestaltung der Stadt im Wege stehen, wieder abgeändert werden.“

In dieser Sitzung wird die Zulassung von Gewerbebetrieben auch noch recht einfach geregelt. Wer bereits einen Betrieb geführt hatte, durfte weitermachen. Neue brauchten die Zustimmung des Gemeinderates. Vom Stadtbaumeister Kiderlen wird eine Vorrangliste notwendiger Arbeiten vorgelegt. Außerdem wird festgelegt, daß Männer, die keine Arbeit nachweisen können, auch keine Lebensmittelkarten erhalten. Die schon am 1.6.45 grundsätzlich ausgesprochene Zuzugssperre wird auf Vorschlag des Wohnungsamtes präzisiert. Im Grunde bedeutete das, wer kein Crailsheimer ist und keine Arbeit nachweisen kann, darf nicht länger in Crailsheim bleiben.

Albert Brobeil wird als stellvertretender Standesbeamter und stellvertretender Leiter der Bürgermeisterkanzlei eingestellt. Die vier von der Stadt aus Dinkelsbühl beschafften Feldscheuern werden an drei Landwirte in Crailsheim und einen in Ingersheim verteilt.

Die Sitzung am 26. September 1945: Ab jetzt werden die Gemeinderäte als Beiräte bezeichnet. Die wichtigsten Punkte sind die Brennholzversorgung, der Vertrag mit der Ziegelei Reubach, die Straßenumbenennungen und die Schwerpunkte der Tätigkeiten des Stadtbauamts in den nächsten drei Monaten.

Stadtdirektor Lindenmeyer berichtet über die knappe Brennholzversorgung, die es nicht möglich machen wird, jedem Haushalt Holz zuzuweisen. Kohle steht für Haushalte ohnehin nicht zur Verfügung.

Diese Straßenumbenennungen werden beschlossen:

Adolf Hitler Allee                                                     Ostring
Boelckestraße                                                Albrecht-Dürer-Straße
Weverstraße                                                              Riemenschneider Straße

 

Ernst-Weinstein-Straße                                              Peter-Vischer-Straße

 

Helmuth-Hirth-Straße                                    Adam-Krafft-Straße
Immelmannstraße                                                       Florian-Geyer-Straße
Richthofenstraße                                                        Hardtstraße

Robert-Ley-Siedlung                                      Ölmühle-Siedlung
Wilhelm-Gustloff-Straße                                           Birkenweg
Walter-Flex-Straße                                                    Blumenstraße
Friedrich-Richter-Straße                                           Heidestraße
Ernst-von-Rath-Straße                                               Holderweg

In Altenmünster:
Adolf-Hitler-Straße                                                   Gaildorfer Straße
Dietrich-Eckart-Straße                                              Martin-Luther-Straße
Hermann-Göring-Straße                                            Gutenbergstraße

Horst-Wessel-Straße                                                    Zeppelinstraße

Die Schutzpolizei Crailsheim soll aus Kostengründen ab 1.12.45 in die Landespolizei übergehen. Auch werden „auf Anordnung der Militärregierung und des Landrats“ wegen Zugehörigkeit zu NS-Organisationen zwei Stadtinspektoren, ein Stadtobersekretär, ein Bauschreiber und ein Abrechnungskassierer entlassen.
Neueingestellt wird Heinz Barthel als Leiter der Kartenausgabestelle und des Einwohnermeldeamts. Die Stadtwerke stellen für die fünf beim Bombenangriff im Gaswerk gefallenen Mitarbeiter sechs neue Mitarbeiter ein. Ebenso werden die Stellen von 15 seit Mai 1945 eingestellten Polizisten bestätigt. Beirat Dexler, bisher Gaswerkheizer, wird städtischer Bauaufseher.

Am 28. September findet eine Sondersitzung statt. Auf ihr werden die Rücktritte von Karl Hebeiß und Franz Scheurer bekanntgegeben, da sie einer NS-Organisation angehört haben. Zugrunde liegt eine generelle Anordnung der noch von den Franzosen eingesetzten Landesverwaltung des Inneren in Stuttgart vom 22.8.1945 (6). Neu ernannt wird Josef Baamann. Der Beirat besteht jetzt nur noch aus 8 Mitgliedern, nachdem bereits vorher ein Gemeinderat wegen anderweitiger Arbeitsüberlastung zurückgetreten war. Von den vier Handwerkern, die anfänglich im Gemeinderat waren (Daurer, Hebeiß, Schaeffer, Scheurer) und auf sehr praktische Beschlüsse hinwirkten, ist nur noch einer dabei.

(Die Verabschiedung wird vom Bürgermeister durchgeführt, der selbst Parteigenosse und SA-Mann war, aber von Landrat Daurer den Amerikanern gegenüber als unentbehrlich bezeichnet wird.)

Beiratssitzung vom 2. November 1945: Einer der wichtigen Punkte war die Frage des Wiederaufbaus des Gaswerks. Eine Entscheidung darüber wird verschoben. Erörtert wird der Kauf von angebotenen Grundstücken (u.a. des Geländes der Firma Robert Bosch). Die Grundsteuer für land- und forstwirtschaftliche Betriebe wird festgesetzt.

Der ernannte Gemeinderat tritt dann im neuen Jahr am 9.1.1946 nochmals zu einer Sitzung zusammen. Er nimmt eine schriftliche Anordnung von Landrat Daurer vom 22.12.45 zur Kenntnis, die er aufgrund einer mündlichen Anordnung der Militärregierung erlassen hat: Stadtdirektor Lindenmeyer (Parteigenosse seit 1943 – mit Rückdatierung auf 1941, genau wie Bürgermeister Gebhardt) und zwei weitere städtische Beamte werden mit sofortiger Wirkung als Beamte der Stadt Crailsheim entlassen. Ihre Vermögen werden gesperrt. Die Betroffenen erklärten sich jedoch bereit, ihre Arbeit als „Angestellte ohne Anweisungsbefugnis“ weiter zu leisten.

Über die Arbeit des Gemeinderats wird 1945 im Amtsblatt nur einmal berichtet. Am 21.7.1945 wird der Beschluß des Gemeinderats vom 17.7. erwähnt, Lebensmittelkarten nur an männliche Personen vom 16. bis 50. Lebensjahr auszugeben, wenn sie – sofern sie nicht kriegsbeschädigt sind – eine Bestätigung vorlegen, daß sie voll in Arbeit stehen. Über den Beirat wird ebenfalls nur einmal berichtet: Am 6.10.1945 wird die Mitwirkung bei der Umbenennung von Straßen mit NS-Namen erwähnt. Die Aufhebung des Beschlußrechts und die personellen Veränderungen erfahren die Crailsheimer nicht.



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