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Der Bericht von Friedrich Blumenstock

Friedrich Blumenstock berichtet in „Der Einmarsch der Amerikaner und Franzosen im nördlichen Württemberg im April 1945“: (2)

„Schlimmer wurde dies alles noch durch die vielen Ausländer, die Polen, Russen u. a. Diese spielten sich jetzt als Herren gegen die Bevölkerung auf, suchten ihre Rachelust an ihren früheren Herren zu kühlen. Sie taten sich in regelrechten Banden zusammen und führten in manchen Orten, besonders in einsamen, abgelegenen Gehöften, ihre Diebstähle und Raubzüge aus. Eine Hilfspolizei, die in größeren Orten und Städten eingerichtet wurde zum Zwecke eines allgemeinen Wach-, Ordnungs- und Sicherheitsdienstes, war machtlos dagegen. Denn sie durfte nicht bewaffnet werden und als Kennzeichen nur eine Armbinde tragen.

Viele Monate lang nach der Besetzung kamen von der deutschen Polizei an die Militärregierung Meldungen über solche Plünderungen, Einbrüche und Diebstähle, auch über Vergehen von amerikanischen Soldaten. Die Militärregierung bestrafte wohl, wo sie den oder die Schuldigen fand, aber das entwendete Gut war doch in den seltensten Fällen wieder beizubringen. Es wurde erst allmählich besser, als die Amerikaner dem ärgsten Treiben Einhalt geboten. ...Aus den Städten Neckarsulm, Hall, Gaildorf und Crailsheim, kamen ausführliche Schilderungen über derartige Ausschreitungen.

In Crailsheim begann am Sonntag, 7. April, die Plünderung der Geschäfte und Privathäuser (nach dem ersten Einmarsch der Amerikaner). Alle Autos und Motorräder, die den amerikanischen Soldaten in die Hände fielen, wurden mitgenommen. Ein Optiker wurde gezwungen, seinen Kassenschrank zu öffnen, viele Goldringe, Armbanduhren und silberne Zigarettenetuis wurden ihm geraubt. Zu beklagen ist auch der Verlust der städtischen Münzsammlung, alle Gold- und Silbermünzen wurden gestohlen. Der Kassenschrank der evangelischen Kirchenpflege wurde auch erbrochen, während jedoch das Karfreitagsopfer (2800 RM) unberührt blieb, wurden die dort verwahrten Schmuckstücke der Prinzessin Anna Ursula, eine schwere goldene Kette und ein Rubinring, geraubt. Plündernden Polen wären beinahe die im Läuthaus verwahrten Kunstschätze der Johanniskirche zum Opfer gefallen. Das Postamt wurde von Polen ausgeplündert. Am Tag vor dem Einmarsch war noch ein Postzug angekommen und alle Pakete wurden in das Postgebäude gefahren, später war aber kein Paket mehr da.


Es ging auch an die Wein- und Mostfässer. Besonders die Ausländer liefen in diesen Tagen (nach der zweiten Besetzung) betrunken umher. Die Lager im Spital, in den Dienstwohnungen der Polizei, im Forst- und Finanzamt feierten ständig. Einer Frau wurde von einem Polen mit einer eisernen Stange der Arm abgeschlagen, weil sie ihn nicht in ihren Keller lassen wollte. Von den Plünderungen im Weinkeller des Sonnenwirts erzählte eine Frau: ‚Im ersten Gelaß lagen nur noch die Reifen der Fässer. Im großen Keller ging es zu! Lauter betrunkene Ausländer. Der Wein stand 20 cm hoch, Bretter, die reingelegt waren, schwammen, alle Hahnen standen offen, sie ließen den Wein einfach laufen.‘


Im ganzen wurden in der Sonne 45 000 Liter Wein, die für die Wehrmacht gelagert waren, gestohlen oder laufen gelassen. Die amerikanischen Soldaten waren sehr scharf auf Wein und Schnaps, den Most verschmähten sie. Betrunkene Soldaten verübten einzelne Vergewaltigungen. Auf die Vorstellungen des Bürgermeisters beim Ortskommandanten sagte ihm dieser auch Schutz gegen die Schwarzen zu. Sie durften abends nach 8 Uhr nicht mehr ausgehen.“ (Das geschah erst nach geraumer Zeit.)

Bürgermeister Fröhlich, der ab 24.4.45 nachmittags wieder amtierte, schildert die Aus-

uferung der Befreiungsfreude der damaligen Fremdarbeiter an einem selbst erlebten Beispiel so: „Die besoffene Gesellschaft (der Ausländer) hat dann im Spitalhof vor den Fenstern des (provisorischen) Rathauses Orgien gefeiert. Musikinstrumente wurden zusammengetragen, Tänze veranstaltet. In der Spitalstraße war ein gerettetes Klavier aufgestellt. Sie klimperten es zusammen. Ich habe einmal einen der amerikanischen Wachleute ... gebeten, dort für Ordnung zu sorgen. Er gab mir zur Antwort, was wollen sie denn, wer hat die Leute hergebracht, die Amerikaner oder die Deutschen?“

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