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Die erste amerikanische Militärregierung in Crailsheim

Crailsheim hatte für die Zeit vom 21.4. bis 23.4.45 eine Militärregierung, die noch mit der Truppe vorrückte. Captain Pasley (oder Peasly) war ihr Repräsentant für Crailsheim, der aber schon am 24. April von Captain Lewis abgelöst wurde. Der Landkreis Crailsheim hatte zu diesem Zeitpunkt – und auch noch einige Wochen – keine eigene Kreis-Militärregierung, sie wurde von Schwäbisch Hall aus für beide Kreise ausgeübt.

Das erste Büro der Militärregierung befand sich im Spital, in dem bis zur Besetzung der HJ-Bann und nach der Zerstörung des Rathauses das provisorische Bürgermeisteramt untergebracht waren. Im Mai 1945 zog die Militärregierung in die Wilhelmstraße 25, das frühere Elektrohaus Canz. Der weitere Umzug auf den Flugplatz erfolgte Anfang 1946, nachdem die Auflösung des DP-Camps im November 1945 erfolgt war.

Der erste hier vorliegende Bericht der Militärregierung stammt vom 23.4.45 und ist von Capt. Philip C. Lewis vom MG Detachment I4 C3 Schwäbisch Hall unterzeichnet. In ihm wird die G-5 Section der 7. Armee – die bei der Truppe höchste Zuständigkeit für Fragen der Besatzung – unterrichtet, daß man Kontakt mit Capt. Pasley aufgenommen und sich darauf vorbereitet habe, die Verantwortung in Crailsheim zu übernehmen.

Von Capt. Lewis, der wenige Tage nach seiner Amtsübernahme zum Major befördert wurde, gibt es nur einen Bericht für das Kriegstagebuch. Im Kriegstagebuch-Beitrag vom 29. April 1945 heißt es u.a. recht kurz:

„Die Woche war dadurch bestimmt, daß wir den zweiten Landkreis übernommen haben, Crailsheim. Die Stadt hat schwere Verluste erlitten und man kann sie als praktisch 90prozentig kriegszerstört betrachten. Das bedeutet natürlich, daß die normalen Funktionen einer Stadt weitgehend zum Stillstand gekommen sind. Von den geschätzten 14.000 Einwohnern sind schätzungsweise rund 2.500 in der Stadt. Alle Versorgungseinrichtungen sind ausgefallen, aber die Reparaturarbeiten werden vorangetrieben. Der Gesundheitszustand ist gut und glücklicherweise gibt es zwei kleine Krankenhäuser, die intakt und arbeitsfähig sind. Im Augenblick setzt der Bürgermeister, der seit 1911 im Amt ist, seine Arbeit fort. Der Landrat Dr. Schäfer wurde arretiert, sein Stellvertreter ist nicht anwesend, im Augenblick nehmen deshalb zwei alte Mitarbeiter die Stelle des Landrats ein.“

Am 11. Juni 1945 übernimmt eine andere Einheit der Militärregierung den Landkreis Crailsheim. Die Bezeichnung ist I9 G3, den ersten Bericht vom 13.6.45 (1) unterschreibt 1st Lt. Jacob Diem. Zusammen mit dem Bericht vom 28.6.45, der wieder von einem anderen „Commanding Officer“, nämlich Capt. Maurice Lubore, unterschrieben ist, geben sie eine umfassende Bestandsaufnahme aus Sicht der Amerikaner. Hieraus die wichtigsten Feststellungen in einer Zusammenfassung des Autors:

Bericht vom 13.6.1945:

Verwaltung: Es werden tägliche Besprechungen mit dem auf Zeit eingesetzten Landrat (Erbprinz zu Hohenlohe-Langenburg) durchgeführt. Die Verwaltung wird als den Umständen entsprechend dargestellt. Die Ablösung einer Reihe der auf Zeit von den Vorgängern eingesetzten Behördenleitern wird als notwendig bezeichnet.
Displaced Persons: Die Anzahl der in dem Lager (auf dem Flugplatz) vorgefundenen Zwangsarbeiter wird auf 1.500 geschätzt - meist Russen und Polen -, ihre Verpflegung als gut angegeben. Plünderungen und Störungen, die von den Polen und Russen in der Stadt durchgeführt werden, sind erwähnt. Am 7. Juni hatte das UNRRA-Team 187 das Lager auf dem Flugplatz übernommen.

Flüchtlinge: Die Zahl wird als groß angegeben – gemeint sind Evakuierte aus anderen Teilen Deutschlands. Dies und die Zerstörungen würden ein großes Unterbringungsproblem darstellen und eine Gefahr für die öffentliche Gesundheit bedeuten.

Ernährung: Es fehlt noch die Übersicht, wie lange die im Augenblick vorhandenen Vorräte ausreichen.

Versorgung mit Wasser, Strom und Gas: Nur wenige Teile der Stadt haben Strom, die Wasserleitungen sind weitgehend unterbrochen, das Gaswerk ist absehbar nicht reparierbar.

Bahnverbindungen: Sie sind komplett unterbrochen, der Bahnhof mit allen Anlagen zerstört. Die Bahnbrücken gesprengt.

Öffentliche Gesundheit: Es gibt 20 Diphtherie-Fälle im Kreis, 5 Fälle von Scharlach und ein Typhus-Fall. Die Gefahr einer Epidemie wird als gering eingeschätzt.

Öffentliche Sicherheit: Die öffentliche Ordnung ist angemessen. Die Gendarmerie besteht aus 16 Leuten unter einem Oberleutnant. Das ist nicht genug. Die städtische Polizei ist 18 Mann stark, trägt Zivilkleidung und eine Armbinde. Sie sind unbewaffnet. Das Gefängnis hat 20 Plätze, acht sind mit Personen belegt, die vorwiegend aus politischen Gründen auf die Vernehmung durch die CIC warten. Die Ausrüstung zur Feuerbekämpfung ist gänzlich zerstört worden.

Aus dem Bericht vom 28.6.1945:

Verwaltung:
Die Fehler der vorherigen Militärregierungsabteilung bei der Besetzung öffentlicher Posten sollen so schnell wie möglich korrigiert werden. Namen werden nicht genannt. Die Überprüfung der Bürgermeister macht Fortschritte.

Öffentliche Sicherheit: Die Situation wird für Crailsheim und Umgebung als unerträglich bezeichnet. Grund ist das DP-Lager auf dem Flugplatz, das sich jeglicher Kontrolle entzieht. Es wird von mehreren Morden berichtet.

Die zerstörte Ausrüstung der Crailsheimer Feuerwehr wird der flüchtenden SS angelastet (obwohl jeder in Crailsheim wußte, daß es die Amerikaner waren).

Eine CIC-Einheit hat in Crailsheim die Arbeit zur Überprüfung der öffentlichen Mandatsträger aufgenommen.

Haltung der Bevölkerung: Es wird berichtet, daß die Crailsheimer der Besatzung gegenüber nicht feindlich eingestellt sind und die Anordnungen sehr genau befolgen.

Ernährung: Die Ernährungsmöglichkeiten des Kreises gelten als gut. Jedoch werden rund 1.000 Arbeitskräfte für die Landwirtschaft benötigt. Dünger und Schädlingsbekämpfungsmittel fehlen.

Baustoffe: Es wird ersichtlich, daß das Material für die notwendigen baulichen Reparaturen und den Wiederaufbau nicht im notwendigen Umfang im Kreis verfügbar ist.

Transportmittel: Die vorhandenen Fahrzeuge liegen überwiegend still, da kein Treibstoff für sie da ist.

Fernsprechverbindungen: Wenn das notwendige Material – z.B. Telefondraht – beschafft werden könnte, wäre es möglich, die Verbindungen zu den Gemeinden und die wichtigsten für die Stadtverwaltung und Militärregierung innerhalb von fünf Wochen wieder einzurichten.

Wirtschaft: Die Marmeladenfabrik Bourzutschky erhält die Erlaubnis, vorhandene Fruchtmasse zu verarbeiten. Es fehlt aber brauner Zucker. Der soll aus Heilbronn beschafft werden. Zwei Steinbrüche und ein Gipswerk bekommen die Arbeitserlaubnis. Allen Sägewerken im Kreis wurde befohlen, die Arbeit sofort wieder aufzunehmen.

Finanzinstitute: Die Banken und Sparkassen sind geöffnet. Sie erhielten zusätzliche Liquidität. Drei leitende Angestellte wurden entlassen, ebenso zwei des Finanzamtes.

Kindergarten: Die Kirchen bekommen die Erlaubnis, einen Kindergarten für 3- bis 6jährige einzurichten.

Am 6. Juli 1945 erhielt Crailsheim nochmals eine neue Mannschaft der Militärregierung. Sie hatte noch immer die Bezeichnung I9 G3, ergänzt durch Co G, 3d ECA Regiment, was darauf hindeutet, daß weiterhin die US-Army direkt für die Besatzung zuständig war. Erst ab 16. August 1945 wurde die Crailsheimer Militärregierung von Schwäbisch Hall unabhängig und erhielt die Bezeichnung G-22, Co A, 2nd Military Government Regiment.

Ab 6. Juli 1945 war Lt. Col. (Oberstleutnant) Robert L. Rogers der kommandierende Offizier der Militärregierung in Crailsheim, ein Geschichtslehrer. Er wurde am 21.12.1945 von seinem Stellvertreter Major Tazewell Taylor, Jr. abgelöst, der im Privatleben Rechtsanwalt war. Ihm folgte schon im Februar 1946 Captain Fahy und Mitte des Jahres 1946 Captain Ronald E. Alley.

Ansprechpartner für die Militärregierung in dem Zeitraum, über den dieses Kapitel berichtet, war Landrat Karl Daurer, den Oberstleutnant Rogers am 10. Juli 1945 eingesetzt hatte.

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