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Landrat Karl Daurer

Im Juni 1945 zeichnen verschiedene Offiziere ihre Berichte als Leiter der Militärregierung in Crailsheim ab. Anfang Juli 1945 übernimmt Oberstleutnant Rogers die Leitung. In seinem ersten Bericht vom 12. Juli 1945 führt er die Ernennung eines neuen Landrats an, Karl Daurer. Es heißt dazu knapp im Bericht: „Am 10. Juli wurde für den Kreis ein neuer Landrat ernannt. Er war nie Mitglied der NS-Partei. Er wird Maßnahmen ergreifen, den Nazismus in der öffentlichen Verwaltung auszurotten (eradicate).“

Erbprinz zu Hohenlohe-Langenburg wird abgesetzt, eine Begründung wird in den Berichten der Militärregierung nicht gegeben.

Landräte waren 1945 lange die oberste staatliche Instanz in Württemberg. Sie mußten selbstverständlich innerhalb der Anordnung der Militärregierung arbeiten und z.B. die Besetzung der Leitungspersonen im öffentlichen Dienst genehmigen lassen. Aber Karl Daurer nutzte den Spielraum. Wen der Crailsheimer Landrat z.B. für die 56 neu zu besetzenden Bürgermeisterposten im Kreis Crailsheim vorschlug, war ihm überlassen.

Landrat Daurer mußte zwar mindestens zweimal in der Woche zu Besprechungen zur Militärregierung kommen. Diese Besprechungen waren aber zu einem großen Teil auch der Genehmigung seiner Vorschläge vorbehalten. Die Berichte zeigen das deutlich.

Karl Daurer war ein politisch denkender und handelnder Landrat, und das im Sinne der politischen Anschauungen, die seinen Lebensweg geprägt hatten. Er war Kommunist und als solcher Antifaschist. Er handelte nicht so, wie man das vor der NS-Zeit von einem Landrat und Bürgermeister in Württemberg erwartete: daß bei Antritt eines öffentlichen Amtes „das Parteibuch an der Pforte zum Amtsgebäude abgegeben wird“.

Die ersten Maßnahmen von Karl Daurer dienten u.a. der Etablierung seiner Position. Das waren vor allem auch Aufhebungen von Anordnungen des ersten Nachkriegs-Landrats. So gab er im Amtsblatt vom 8. August 1945 bekannt:


Widerruf
Ich hebe die von meinem Vorgänger, Herrn Erbprinz Hohenlohe-Langenburg, ausgesprochene Ernennung von verschiedenen Bürgern des Kreises Crailsheim zu Vertrauens- und Verbindungsmännern mit sofortiger Wirkung auf. Das Vertrauen bzw. die Verbindung zu den einzelnen Gemeinden geben mir die Bürgermeister der Gemeinden, so daß eine weitere Aufstellung von Persönlichkeiten nicht notwendig ist. Der Landrat: Daurer


Dubios ist die vom Landrat angeordnete Überprüfung, für wen Passierscheine in der Zeit des ersten Landrats ausgestellt wurden. Dazu sollten die Bürgermeister diese Passierscheine einziehen und dem Landrat Daurer vorlegen (Amtsblatt vom 18.8.45).

Er hatte schon zu Beginn seiner Tätigkeit als Landrat nachdrücklich darauf aufmerksam gemacht, daß alle seine Handlungen solche der Militärregierung seien. Am 21.7.1945 – zehn Tage nach Einsetzung – hatte er eine Anweisung an alle Bürgermeister des Kreises geschickt (7):

 

Ich weise darauf hin, daß sämtliche von mir gegebenen Anordnungen, Hinweise und dergleichen mit der amerikanischen Militärregierung durchgesprochen wurden und als solche nicht nur eine Bekanntgabe des jeweils Unterzeichneten ist, sondern als Befehl der Militärregierung anzusehen ist. Bei Nichtbeachtung bzw. Übertretung hat deshalb der Betreffende Bestrafung durch das Gericht der Militärregierung zu erwarten. gez. Daurer


Auch die Veröffentlichung im Amtsblatt vom 29. August 1945 verdeutlicht, wie er vor der Militärregierung eingeschaltet sein will:

 

            Bekanntmachung

            Es kommt immer wieder vor, daß Zivilpersonen glauben, mit

Eingaben aller Art an die Militärregierung in Crailsheim die

Bürgermeisterämter und das Landratsamt übergehen zu können.

Im Auftrag der Militärregierung weise ich nochmals besonders

daraufhin, daß die Militärregierung nicht mit der früheren

Kreisleitung der NSDAP zu verwechseln ist. Die Militärregie-

rung ist bereit, jederzeit schriftliche Gesuche und Eingaben

zu bearbeiten, jedoch müssen dieselben über das Bürgermei-

steramt bzw. Landratsamt gehen.
Crailsheim, den 24. August 1945. Der Landrat

Der Hintergrund ist, daß sich Crailsheimer Bürger, die sich bei der Militärregierung über die vom Landrat angeordnete Beschlagnahme von Gütern und Vermögen beschwerten, auch Erfolg hatten. So wurde z.B. von der Militärregierung befohlen, die Beschlagnahme der Lagervorräte bei einem Lebensmittel-Großhändler und ihre Verteilung auf die beiden anderen Lebensmittel-Großhändler in Crailsheim wieder rückgängig zu machen.

Zur Richtigstellung seiner Befugnisse mußte Landrat Daurer zu den von ihm verfügten Vermögensbeschlagnahmen, die zu großer Unruhe unter den Betroffenen geführt hatten, folgende Berichtigung unter der Überschrift „Vermögenssperre auf Grund des Gesetzes Nr. 52 der Militärregierung“ ins Amtsblatt vom 5.9.1945 einrücken:

Die in letzter Zeit von mir auf Anordnung der Militärregie-

rung ausgesprochenen Vermögenssperren stellen nur vorläufige

Sicherungsmaßnahmen dar und geben keinen Grund zur Beunruhi-
gung. Es ist auch in keinem Fall und an keiner Stelle der Erlasse die Rede von einer Vermögensbeschlagnahmung. Die Militärregierung wird jeden Einzelfall genau prüfen und danach endgültig entscheiden.
Crailsheim, den 31. August 1945


Zweifellos steht jedoch fest, daß Landrat Daurer seine Position sehr schnell gegenüber
der Bevölkerung und der Militärregierung festigte.


Aus den „Weekly Reports“ der Crailsheimer Militärregierung des Jahres 1945 geht hervor, mit was sich der neue Landrat zuerst vor allem beschäftigte bzw. beschäftigen mußte: Er stellte Listen der aus ihren Positionen zu entfernenden Personen auf, für die dann durch die Amerikaner die Amtsenthebung angeordnet wurde. Schon Ende Juli, so berichten die Amerikaner, hatte er 50 Personen benannt, für die er die Zustimmung erbat, sie schnellstens ihres Amtes zu entheben.

Die Amerikaner sind mit der Arbeit des Landrats 1945 sehr zufrieden. Das Verhältnis zu dem Reserve-Oberstleutnant und Chicagoer-Uni Geschichtsdozenten Robert L. Rogers ist gut.
Am 9. August 1945 heißt es z.B. im Wochenbericht der Militärregierung: „Das Funktionieren der öffentlichen Verwaltung auf Kreisebene ist weiterhin befriedigend, ebenso das Verhältnis zwischen unserer Abteilung und dem Landrat. Obwohl der Landrat erst relativ neu im Amt ist, erscheint die Effektivität nicht dadurch beeinträchtigt, daß von ihm so viele Veränderungen in allen Ämtern des Landkreises vorgenommen werden.“

Am 30. August: „Der von der Militärregierung eingesetzte Landrat arbeitet effektiv ...“

Das ist auch für die Crailsheimer sichtbar. Mit Datum vom 1. Oktober 1945 (im Amtsblatt vom 6.10.1945) kann Landrat Daurer bekanntgeben: „Nachdem der Aufbau des Landratsamts bis heute fast abgeschlossen ist, werden mit sofortiger Wirkung neue Verkehrszeiten eingeführt.“ Aus dieser Meldung geht die Unterbringung der inzwischen wieder arbeitsfähigen Dienststellen hervor: Landrat, Fahrbereitschaft, Ernährungsamt, Wirtschaftsamt, Kreisbauamt sind in der Gewerbeschule untergebracht und zu vorgegebenen Verkehrszeiten für die Bevölkerung erreichbar. Kreispflege, Kreiskrankenhausverwaltung, Kreisfürsorgeamt, Jugendamt und Kreisverbandskasse sind in der Wilhelmstraße 19 untergebracht.

Am 25. Oktober taucht erstmals eine gewisse Unstimmigkeit in der Beurteilung von Karl Daurer als Landrat in einem Bericht der Militärregierung auf: „Während zwei Offiziere dieser Abteilung Unzufriedenheit mit dem augenblicklichen Landrat geäußert haben, und zwar aufgrund von Unfähigkeit und politischer Vorurteile, ist es die gleich starke Meinung anderer, einschließlich des Leiters der Abteilung, daß er eine hohe Auffassungsgabe, Übersicht und Energie in der Durchführung besitzt. Es wird hier so gesehen, daß eine politische Ausrichtung (seiner Maßnahmen) kaum zu vermeiden ist.“

Im November 1945 erstellt die Crailsheimer Militärregierung noch unter Rogers einen rückblickenden Gesamtbericht. Hier heißt es: „Der Landrat ist sehr effektiv in seinem Amt. Er ist offensichtlich ein guter Manager und guter Organisator. Er hat ausgezeichnete Beziehungen zu seinen Bürgermeistern, die zwar unerfahren, doch bemüht sind. ... Unsere Dienststelle überwacht den Landrat nur durch gelegentliche Vor-Ort-Besuche in den Gemeinden.“

Am 19. November 1945 beantragt Landrat Daurer bei der Militärregierung die Genehmigung eines von ihm bestimmten Kreisbeirats, der genehmigt wird. Ihm gehören an:

3 Bürgermeister (Gebhardt, Crailsheim; Gronbach, Langenburg; Schubert, Rot am See)
1 Vertreter der Landwirtschaft (der Leiter des Landwirtschaftsamtes Koch)
1 Vertreter der Wirtschaft (Direktor Orphal von der Firma Schüle-Hohenlohe)

1 Vertreter der Arbeitnehmerschaft (Breitner, Telegrafenbauamtsarbeiter).

Hier liegt nur die Tagesordnung der ersten Sitzung am 14.12.1945 vor, bei der unter Anwesenheit von Oberstleutnant Rogers die Referatsleiter des Landratsamtes und Bürgermeister Gebhardt referieren.

Der Höhepunkt der Zustimmung der Militärregierung zur Arbeit von Karl Daurer lag in der Zeit unter Oberstleutnant Rogers, der am 21.12.1945 abgelöst wurde. Danach wird sie verhaltener, später kritisch. Das gilt besonders für die Zeit nach seinem Ausscheiden als Landrat im August 1946.



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