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Hitlerjugend im Jahr 1944
(Quelle: Crailsheim 1944 – eine Stadt im totalen Krieg,  Crailsheim 2004)

Der Bann 122 des HJ-Gebietes Württemberg umfasste den gesamten Kreis Crailsheim. Der Sitz der Bannführung war in Crailsheim im Spital, in dem sich heute das Stadtmuseum befindet. 1944 hatte der Bann fünf verschiedene Bannführer, was sicher recht ungewöhn­lich war – aber mit ihren anderweitigen Kriegseinsätzen zusammenhing.

Zu Beginn des Jahres 1944 war der HJ-Bannführer der Lehrer Hohl. Er vertrat den Ende 1939 eingezogenen hauptamtlichen Bannführer Ernst Gehrung. Bannführer Hohl wurde Ende Januar 1944 ebenfalls eingezogen. Eingesprungen ist, wie schon 1939/40 und 1942, Gärtnermeister Wilhelm Volz, den seine Natur- und Jugendverbundenheit 1937 in die Par­tei und Hitlerjugend geführt hatte. Seinen Dienstrang, Hauptgefolgschaftsführer, erhielt er wohl ehrenhalber auf Grund seiner heimatkundlichen Arbeit, seines Einsatzes für den Reichsberufswettkampf und der Organisation von Ernteeinsätzen.

Seine Tätigkeit 1944 als sogenannter k-Bannführer erstreckte sich auf die Monate Februar bis Mai 1944. In seine Zeit fallen eine Reihe von Sportwettkämpfen. Das schien sein Schwerpunkt gewesen zu sein. Ende Mai erhielt der Bann 122 Hohenlohe wieder einen hauptamtlichen Bannführer, den kriegsbeschädigten HJ-Führer Bechtold, dessen Schwerpunkt die vormilitärische Ausbildung war.

Bechtold war sicherlich der aktivste und härteste Bannführer, den Crailsheim gehabt hat. Er zögerte nicht, fast alle weiblichen Angestellten des Bannes im Rahmen des Kriegsein­satzes zur Fabrikarbeit in den Bosch-Betrieb zu schicken. Aus den Berichten der „Hohen­loher Zeitung" geht hervor, dass bei den Tagungen der Führerschaft des Bannes mehrfach Offiziere der Waffen-SS teilnahmen, die Geländedienste unter schärfsten Bedingungen durchführten. ...

Es ist wahrscheinlich, dass die weltanschauliche Engstirnigkeit für diesen Bannführer zur Abberufung geführt hat. In einer Führerbesprechung zog er über die Kirchen her und nannte die Pfarrer „Pfaffen". …Dekan Matthes beschwerte sich darüber beim Standortkommandanten, der sich über den Kreisleiter an die Gebietsführung wandte. Das geht aus dem Protokoll des Kirchengemeinderates vom September 1944 hervor. Daraufhin erschienen die Berichte über die Hitlerjugend in der „Hohenloher Zeitung" nicht mehr mit der Namensnennung von Bannführer Bechthold. Es wurden ab dann auch deutlich weniger Berichte über die HJ-Arbeit veröffentlicht.
 

Noch im September 1944 wurde wieder ein k-Bannführer eingesetzt, und zwar Oberschar­führer Finkbeiner, der ebenfalls ein kriegsbeschädigter ehemaliger Angehöriger der Waf­fen-SS gewesen sein soll, dem man Härte nachsagt. In seine Zeit fällt der Einsatz der Crailsheimer Hitlerjungen zum Schanzen am Westwall im September und Oktober 1944.

Der dann im Herbst/Winter 1944 eingesetzte neue hauptamtliche Bannführer hieß Büchsenstein. Er blieb es bis April 1945. Büchsenstein war ein mit dem Eisernen Kreuz I. Klasse ausgezeichneter, schwer kriegsbeschädigter Offizier der Wehrmacht, der als sehr ruhig geschildert wird.

Im Herbst 1944 und wahrscheinlich auch bis zum April 1945 war der ehemalige erste Crailsheimer HJ-Bannführer Otto Lauth - um 1933 im Amt und dann nach Heilbronn ver­setzt - als schwerbeschädigter Offizier der Wehrmacht mit einem durch Schussverletzung gelähmten rechten Arm dem Crailsheimer Reservelazarett zugewiesen. Ob er sich wäh­rend dieser Zeit auch um die Hitlerjugend seines alten Bannes gekümmert hat, ist unbe­kannt. Otto Lauth nahm sich kurz nach der Kapitulation im Mai 1945 in Isny im Allgäu das Leben.

In Crailsheim gab es im April 1945 keinen Einsatz von Hitlerjungen beim zur Verteidigung der Stadt aufgebotenen Volkssturm, es wurden auch keine Panzerbekämpfungsgruppen der Hitlerjugend gebildet und es sind auch keine sonstigen Kampfeinsätze von Hitlerjun­gen, wie sie aus anderen Orten bei Kriegsende berichtet wurden, erfolgt. Wem dies zuzu­schreiben ist, ist nicht bekannt. Nicht auszuschließen ist, dass das unter einem Bannführer Bechthold - mit seiner Nähe zur Waffen-SS - nicht so gewesen wäre.

Interessant ist, dass heute in Gesprächen mit damaligen Jungvolkjungen, Hitlerjungen und JM- und BdM-Mädeln die Bannführer kaum eine Rolle spielen. Mit ihnen gab es wenig di­rekte Kontakte. Sie sah man vorwiegend bei größeren Veranstaltungen. Erwähnt werden dagegen häufig die Fähnleinführer des Jungvolks, die Gefolgschaftsführer der Hitlerjugend und die Gruppenführerinnen der Jungmädels und des BdM. Das gilt besonders für die Zeit vor 1943/44 als diese Führer und Führerinnen noch längere Zeit ihre Einheiten führten und nicht bald schon zur Wehrmacht oder zu Kriegsdiensten eingezogen wurden. Diese Führer hatten zwei- bis dreimal pro Woche Kontakt mit ihren Jungen und Mädel und von ihren Leistungen und ihrem Tun hing es ab, ob sie als Vorbilder anerkannt wurden. Noch heute spürt man in Gesprächen bei einigen Namen Hochachtung.

In Crailsheim gab es 1944 für das Jungvolk (10- bis 14jährige Jungen) drei Fähnlein, das Fähnlein 1, 2 und 3. Sie gliederten sich in vier Jahrgangs-Jungzüge mit jeweils drei oder vier Jungenschaften, die etwa jeweils zehn Pimpfe hatten. Ein Fähnlein hatte rund 120 Jungvolkjungen. Das Jungvolk-Fähnlein 1 in Crailsheim erstreckte sich auf den Kern der Stadt und hatte als den sogenannten Stellplatz den Volksfestplatz. Der Stellplatz des Fähnlein 2 war der Platz vor der Jahnhalle. Fanfarenzug und Modellbau-Jungzug waren jeweils einem Fähnlein zugeordnet, taten aber auch selbständig Dienst. Fähnlein 3 um­fasste den westlichen Teil mit Altenmünster und Onolzheim. Und hier lag auch ihr Dienstgebiet.

Die eigentliche Hitlerjugend (14- bis 18jährige Jungen) hatte eine auf Spezialgebiete ab­gestellte Gliederung. In Crailsheim gab es eine Flieger-, eine Motor- sowie eine Nachrich­tengefolgschaft. Die Untergliederungen der HJ waren Schar und Kameradschaft. Es gab auch einen Streifendienst, eine Art Jugendpolizei, die die Einhaltung der Jugendgesetze kontrollierte, und so auch aufpasste, dass niemand unter 18 Jahren die für sie nicht zuge­lassenen Filme besuchte. (Was vor allem die in Crailsheim eingesetzten Stuttgarter Luftwaffenhelfer ärgerte)

Aus- und Weiterbildung der HJ-Führer erfolgte auf Kursen der NS-Kreisschule in Rechenberg und später auf einer 1944 neu gegründeten Gebietsführerschule in Schwäbisch Gmünd.

Die Jungmädels (10- bis 14jährige Mädel) hatten drei Jungmädelgruppen, hier hießen die Jahrgangsgruppen Scharen und die kleinsten Gruppen Schaft. Es gab zwei BDM-Gruppen
(14- bis17jährige Mädchen) und eine Gruppe des BdM-Werk „Glaube und Schönheit”
(18-
bis 21jährige Mädchen). 1944 waren das die Jahrgänge 1923 bis 1926.
Für die Mädchen gab es in Crailsheim eine recht aktive Spielschar und Musikgruppe.

Bannmädelführerin war Ende 1944 Elisabeth Paschke. Für Anfang 1944 wird der Name Müller in Berichten der Hohenloher Zeitung genannt.

Die Stadt hatte der Hitlerjugend neben der Banndienststelle die Gebäude Nr. 7 und 8 am Schlossplatz zur Verfügung gestellt. Dort war auch ein Büro des Crailsheimer HJ-Standortführers. Im Haus Nr. 7 waren Heime der Mädchen, Nr. 8 die der Jungen. Der Mo­dellbau-Jungzug hatte seine Werkstatt im I. Stock der Reitscheuer am Schlossplatz, dar­unter war das Heim der Flieger-HJ.

Die Flieger-HJ hatte ihre theoretische Segelflug-Ausbildung in Crailsheim. Hier wurden auch die Werkstattstunden geleistet. Praktischen Flugunterricht - und vor allem die Möglichkeit zum Segelflug - gab es sonntags auf dem Segelflugplatz Enkorn bei Hessental. Der Flugbetrieb wurde im August 1944 wegen Tief­fliegergefahr eingestellt. Die Nachrichten-HJ hatte ihr Heim in der Xilla

Der Normaldienst der Hitlerjugend fand am Mittwoch und Sonnabend nachmittags statt. Oft kamen besondere Veranstaltungen am Sonntag und an den nationalen Feiertagen hinzu, so am 30. Januar (Tag der Machtergreifung), 20. April (Führergeburtstag) und 9. November (Marsch zur Feldherrnhalle 1923).

1944 wurden noch alle jährlichen Sport­wettkämpfe ausgetragen und der Reichsberufswettkampf durchgeführt.

Im Laufe des Jahres 1944 steigerten sich die Kriegseinsätze der Hitlerjugend. Bei Luft­warnung und Fliegeralarm mussten sich Freiwillige als Melder an Einsatzorten einfinden. Für Luftangriffe gab es Notfall-Einsatzbefehle.

Wo überall Engpässe zu überwinden wa­ren, wurde an die Freiwilligkeit der Jugendlichen appelliert. Sie gab es in großem Maße.


 

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