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NSDAP in Crailsheim 1944/45

Die Organisation der NSDAP unterhalb der Reichsleitung war die Gauleitung, der wiederum die Kreisleitungen - deckungsgleich mit der staatlichen Organisation der Stadt- und Landkreise - und ihre Ortsgruppen unterstanden. Die Ortsgruppen selbst untergliederten sich in Zellen und Blocks, mit ihren Ortsgruppenleitern, Zellenleitern und Blockleitern.

 

 Die vor Ort in Erscheinung tretenden Gliederungen der Partei waren SA, SS, NSKK (NS-Kraftfahrkorps), NSFK (NS-Fliegerkorps), HJ und NS-Frauenschaft, die aber ihre eigene Hierarchie hatten und ihre Befehle nicht vom Kreis- oder Ortsgruppenleiter erhielten. Bei der Hitlerjugend war das der Reichsjugendführer, die Gebietsführer (Gau) und die Bannführer (Kreis).

Außerdem gab es sogenannte angeschlossene Verbände, die auch örtlich in Erscheinung traten und ebenfalls eigene Hierarchien hatten:

DAF (Deutsche Arbeitsfront), NSV (NS-Volkswohlfahrt), NSKOV (NS-Kriegsopferver-

sorgung). Darüber hinaus gehörten ständische Vertretungen hierzu, wie der NS-Beamtenbund und NS-Lehrerbund.

 

 Alle diese Gliederungen und angeschlossenen Verbände gab es 1944 auch in Crailsheim.

Nur spielten SA und SS keine herausragende Rolle mehr, da viele Mitglieder eingezogen waren. Es gab zwar zwei Rest-Stürme der SA, die aber selten Dienst taten. Das NS-Kraftfahrkorps hatte in Crailsheim einen gewissen Status, besonders da ihm eine ganze Reihe von Geschäftsleuten angehörten, aber aus Benzin- und Fahrzeugmangel war die Diensttätigkeit eingeschränkt.

Wesentlich war sicherlich jedoch gerade 1944 die Tätigkeit der NS-Frauenschaft, die in der Karlstraße 22 auch eine hauswirtschaftliche Beratungsstelle eingerichtet hatte.

Eine wichtige Funktion der NSDAP hatte der Kreisbauernführer inne, der aber in der praktischen Tätigkeit enger an den Reichsnährstand in Stuttgart als an die Kreisleitung angebunden war.

 

 Die zahlenmäßig stärkste NS-Gliederung in Crailsheim war 1944 eindeutig die Hitlerjugend, einfach deshalb, weil die Mitgliedschaft Zwang war. Bei Veranstaltungen prägte sie meist das äußere Erscheinungsbild.

 

Die Arbeit der NSDAP und ihre Rolle in Crailsheim wurden eindeutig durch die Parteiorganisation vom Kreisleiter über die Ortsgruppenleiter und die ihnen unterstellten Zellen- und Blockleiter bestimmt, unterstützt durch mehrere hundert Parteigenossen.

 

Die Funktionäre der NSDAP in Crailsheim 1944 

Kreisleiter der NSDAP für den Kreis Crailsheim war seit 1937 Otto Hänle. Der Sitz der Kreisleitung war Crailsheim mit der Geschäftsstelle in der Bahnhofstraße 22. Hänle, gebürtig in Gaildorf, Jahrgang 1902, war gelernter Bankkaufmann, hatte auch im Beruf gearbeitet, war nach Arbeitslosigkeit in der elterlichen Bäckerei und Konditorei tätig, trat 1929 in die NSDAP ein und brachte es in Gaildorf zum Ortsgruppen- und Kreisleiter. Als in Württemberg 1937/38 die Kreisreform durchgeführt wurde und die Oberämter Gerabronn und Crailsheim zum Kreis Crailsheim vereinigt wurden, besetzte die NSDAP den bisher ehrenamtlich geführten NS-Kreis mit Hänle hauptamtlich.

Hänle hatte 1937 geheiratet, zog mit seiner Frau nach Crailsheim und hatte eine Wohnung in der Spitalstraße gemietet. Seine drei Kinder wurden in Crailsheim geboren. Nach Kriegsbeginn meldete er sich freiwillig zur Wehrmacht und wurde im Oktober 1940 auch eingezogen. Er fuhr anfangs als einfacher Soldat Munitions-Lkws, war in Griechenland, auf dem Balkan und in Russland eingesetzt und wurde im Oktober 1943 als Feldwebel entlassen. Die Gauleitung hatte es erreicht, dass alle zur Wehrmacht eingezogenen Kreisleiter als unabkömmlich (uk) eingestuft wurden. Sein Stellvertreter war der ebenfalls hauptamtliche Kreisamtsleiter Paul Rüdinger.

 

 Der Kreisleiter war innerhalb seines Kreisgebietes der ranghöchste Hoheitsträger der Partei, dessen vage definierte Aufgabe die politische und weltanschauliche Führung der Bevölkerung war. Das beinhaltete aber auch, alle Handlungen zu unterbinden, die sich gegen die Interessen der NSDAP richteten. Das war durch eigene Maßnahmen zu gewährleisten oder durch Einschaltung der Gestapo.

In der Praxis spielte vor allem auch die Stellung als "Beauftragter der Partei" im Rahmen der Deutschen Gemeindeordnung und dem darin festgelegten Recht auf Mitwirkung und Stellungnahme zu bestimmten Handlungen von Landrat und Bürgermeister eine Rolle. Die ungenau definierte, aber von der Bevölkerung als dominierend angesehene Aufgabenstellung des Kreisleiters brachte es mit sich, dass an ihn vieles herangetragen wurde, was dann auf dem Wege einer "Anfrage" und "Empfehlung" an Dienststellen erledigt wurde. Wesentlich waren auch Anfragen nach politischen Beurteilungen von Personen, die von staatlichen und anderen Dienststellen kamen. Sie waren im Grunde ein wichtiger Pfeiler der Machtstellung eines Kreisleiters.

Wie diese Macht ausgeübt wurde, hing von den einzelnen Persönlichkeiten ab. Für seine Zeit in Crailsheim ist keine Einschaltung der Gestapo durch Kreisleiter Hänle bekannt, die zu einer Verhaftung oder einer Einweisung in ein Gefängnis oder KZ geführt hätte.

 

Der Kreisstab aus vor allem ehrenamtlichen Mitarbeitern unterstand in der Tagesarbeit dem hauptamtlichen Kreisamtsleiter und Kreisorganisationsleiter Paul Rüdinger, den

Hänle aus Gaildorf mitgebracht hatte. Rüdinger, Jahrgang 1885, NSDAP-Mitglied seit 1931, war Berufssoldat in der Kolonialarmee der Niederlande gewesen, von der er auch ab 1928 - dann deutscher Staatsbürger - eine Pension als Offizier bezog. In Crailsheim war Rüdinger, der als ein fleißiger Schreibtischarbeiter galt und bei Veranstaltungen nicht hervorgetreten ist, weitgehend unbekannt. Sein Tätigkeitsfeld war die Kreisleitung in der Bahnhofstraße.

 

In einer Aufstellung in der Entnazifizierungsakte von Hänle sind folgende Positionen des Stabes der Kreisleitung Crailsheim genannt: Propagandaleiter, Parteirichter, Schulungsleiter, Ausbildungsleiter, Presseamtsleiter (und Kulturhauptstellenleiter), Wirtschaftsberater, Amtsleiter für Technik, Amtsleiter für Kommunalpolitik, Personalamtsleiter, Schrifttumsbeauftragter, Filmstellenleiter, Hauptstellenleiter für Rundfunk, Kassenleiter, Parteirevisor. 

Mit diesen Titeln waren 1944 die Namen angesehener Bürger verbunden: Lehrer, Beamte, Geschäftsleute, die diese Funktionen ehrenamtlich ausübten.

 

Jedoch: Hinter den anspruchsvollen Titeln verbirgt sich schwer einschätzbare und wahrscheinlich recht unterschiedliche Aktivität. Jedenfalls geht aus den Berichten der "Hohenloher Zeitung" für das Jahr 1944 kaum etwas über ihr Tun hervor. Es gibt keinen Bericht, der eine der genannten Positionen und deren Aktivitäten erwähnt. Eine Ausnahme war der Kreispropagandaleiter Sill, der mehrfach erwähnt wurde. Erwähnt wurde auch die Arbeit des Presseamtsleiters, der gleichzeitig Schriftleiter der "Hohenloher Zeitung" war und auch 1944 noch die monatlichen "Heimatbriefe" für die Crailsheimer Soldaten schrieb, in denen "mutmachend" über die Geschehnisse in Stadt und Kreis Crailsheim berichtet wurde.

 

Zum Kreisstab gehörten auch die Leiter der angeschlossenen Verbände: Obmann Deutsche Arbeitsfront (DAF), Amtsleiter NS-Volkswohlfahrt (NSV), Amtsleiter NS-Kriegsopferversorgung (NSKOV). Über ihre Tätigkeit finden sich einzelne Erwähnungen in der "Hohenloher Zeitung".

Keine NS-Organisation war das "Rote Kreuz", in dem viele Crailsheimer Frauen und Mädchen freiwillig Dienst taten. Sie arbeiteten vor allem im Reservelazarett aber auch z.B. bei der Betreuungs- und Verpflegungsstelle auf dem Crailsheimer Bahnhof, die gemeinsam von Wehrmacht und Rotem Kreuz unterhalten wurde.

 

 

 

Die Crailsheimer Ortsgruppenleiter 1944

 

Der Ortsgruppenleiter war für die Organisation der NSDAP ein sehr wichtiger Führungsfunktionär. Er betreute in seiner Ortsgruppe mit Hilfe der Zellen- und Blockleiter etwa zwischen 800 und 1200 Haushalte. Den Dienststellen waren meist auch die ebenfalls auf Ortsgruppenbasis organisierten Leiter der NSV und der Frauenschaft zugeordnet, so dass hier eine enge Koordinierung möglich war.


In der Praxis stieg die Machtposition des Ortsgruppenleiters mit der Entfernung von der Kreisleitung, d.h. sie war in Großstädten und in den Orten mit nur einer Ortsgruppe am größten. In Crailsheim war die Nähe des Kreisleiters durch seinen Dienstsitz und seinen Stab den äußerlich sichtbaren Aktivitäten der Ortsgruppenleiter eher abträglich. Die großen Veranstaltungen zu den Feiertagen der NSDAP - "Tag der Machtergreifung" (30.Januar), "Heldengedenktag" (März), "Führers Geburtstag" (20. April) und "Marsch zur Feldherrnhalle" (9. November) - waren Sache der Kreisleitung.

 

 

 

In Crailsheim gab es bis 1938 nur eine Ortsgruppe unter Leitung des Volksschullehrers Kübler. Bis dahin bestimmte sich die Zahl der Ortsgruppen nach der Zahl der zu betreuenden Parteigenossen, dann erfolgte die Umstellung auf die Zahl der Haushalte. Erst dann - unter Kreisleiter Hänle - wurde der NSDAP-Standort Crailsheim in drei Ortsgruppen organisiert.  Es gab die Ortsgruppen Süd, Nord und West, wobei es auffällt, dass die Ortsgruppen nur geographische Richtungsbezeichnungen hatten. Üblich war, sie nach "Helden der Bewegung" oder historischen Persönlichkeiten zu benennen. Das geschah in Crailsheim nicht.

 

 

 

Ortsgruppenleiter Süd war 1944 Eugen Kübler, Jahrgang 1898, der durch schwere Verwundungen im I. Weltkrieg 80 Prozent kriegsbeschädigt war (Amputation des linken Unterschenkels und des rechten Fußes). Von Beruf war er Lehrer und wurde nach 1933

Rektor der Volksschule in Crailsheim. Offizielles Parteimitglied war er seit 1931, obwohl er 1924 und 1925 schon einmal NSDAP-Mitglied war. Er war verheiratet und hatte zwei Kinder. Seit 1931 gehörte er als einer von drei Nationalsozialisten dem damals gewählten Gemeinderat an und blieb das auch nach 1933. Er galt in Crailsheim als überzeugter Nationalsozialist, zu dem man aber - so Entlastungszeugen bei der Entnazifizierung - kommen konnte, wenn man Probleme hatte.

 

 

 

Ortsgruppenleiter Nord war Friedrich Pratz, Jahrgang 1895, gelernter Zimmermann mit Meisterprüfung und eigenem Geschäft in Honhardt, 1933 wurde er Parteigenosse. Ab 1937 war er technischer Angestellter der Flugplatz-Bauleitung in Crailsheim, von 1943 an Bauleiter. Er wohnte mit seiner Familie - drei Jungen, davon zwei engagierte Jungvolkführer - in der Wilhelmstraße im Hinterhaus des damaligen Sehnert-Gebäudes. Im Rahmen der Umorganisation übernahm er 1938 die Leitung der neuen Ortsgruppe Süd. Dem Crailsheimer Gemeinderat gehörte er ab 1940 an. Pratz war sicherlich überzeugter Nationalsozialist, auch wenn seine berufliche Beanspruchung ihn nicht zu einem sehr aktiven Ortsgruppenleiter werden ließ.

 

 

 

Ortsgruppenleiter West war Anfang 1944 Hermann Stegmaier, Jahrgang 1894, gelernter Maschinenschlosser, später Kraftfahrzeugmeister, Inhaber einer Autoreparaturwerkstatt, Parteigenosse seit 1932, kommissarischer Ortsgruppenleiter seit 1938, aktives Mitglied der Feuerwehr. Er ist nach seinen Angaben bei der Entnazifizierung Ende 1943/Anfang 1944, ohne dass das öffentlich bekannt wurde, als Ortsgruppenleiter abgesetzt worden. Ein Nachfolger ist aber nicht bekannt.
 

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© Armin Ziegler