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Erste Besetzung von Crailsheim  im April 1945 – eine Erinnerung

Mein Vater, der die Nacht vom 6. auf den 7.April 1945 im Keller des Postamtes Crailsheim verbrachte  (siehe den Bericht von Leonhard Ziegler) , holte meine Mutter und mich am 7. April früh morgens von unserer Wohnung in der Hallerstraße (sie lag in unmittelbarer Nähe  einer  Flakstellung) in die innere Stadt, um bei Verwandten  sicherer  unterzukommen. Er vermutete, dass es bald vom Flugplatz her oder aus Richtung Hall Gegenangriffe  geben könnte.
Ich, damals 16 Jahre alt, sah auf dem Weg in die Stadt meinen ersten US Panzer. Er stand vor dem Engelkeller. Auf der Straße lagen Tretminen. Wir konnten aber  nur bis zur Jagstbrücke ungehindert durch die menschenleere Bahnhofstraße gehen – die US-Soldaten dort ließen uns nicht über die Brücke.

Wir sind  dann im Keller des letzten Hauses auf der linken Seite der Bahnhofstraße  untergekommen, gegenüber vom Fotogeschäft Kessel.

Ein älterer Mann versuchte später trotzdem über die Brücke zu gelangen. Er sprach den Posten deutsch an. Als er auf die englischsprachigen Befehle  nicht reagierte und weiterging wurde er erschossen. Seine Leiche wurde auf die Seite gezerrt. Die lag dort zumindest für die Zeit unseres Aufenthaltes in diesem Keller.  Es hat dann auch erst einmal  niemand mehr versucht über die Brücke zu gehen.

Hier konnte man zwar das schrille Heulen der Werfer hören – aber ihre Einschläge nicht orten. Es gab diesen Beschuss nach meiner Erinnerung nur an diesem Tag.

Am 8. April konnte mein Vater mit dem Posten sprechen, der ließ uns dann über die Brücke und wir konnten zu dem ausgebauten  öffentlichen Luftschutzkeller gegenüber dem Schlachthaus  gelangen (das war der sogen. Crons-Keller, später für Ertlers Obst und Gemüsehandel genutzt und so bekannt.) Der war voll besetzt –  uns wurde aber auf der  langen Bank vorn am Eingang noch etwas  Platz gemacht. Meine Mutter kam später weiter innen unter.)

 Erstaunlich war u.a., wie das Toilettegehen funktionierte. (In einer der beiden Schlachthof-Hallen war eine Toilette – und es gab Eimer. )

Man entdeckt, dass man im Sitzen und Stehen  schlafen kann. Ich stand immer vorn am Eingang und beobachtete die Lage. Die Brücke war voll im Blick, die Wilhelmstraße rechts  bis fast zur Drehscheibe.  Kurz davor  war in einer Gastwirtschaft eine Befehlsstelle.

 Der Verkehr über die Brücke war tagsüber gar nicht so rege. Die Luftherrschaft gehörte nämlich weitgehend den (ersten) deutschen Messerschmidt Strahljägern vom Feldflugplatz Hessental,  die man später Düsenjäger nannte. Auch wenn es nur wenige Einsätze gab. Aber  sie scheuchten die Amerikaner in Deckung. Ihre hochtönigen Geräusche waren fast so eindringlich wie die der Werfer.
 In einem US-Bericht las  ich später, dass die Amerikaner  im April 1945  diese Jäger, das MG 42, die Panzerfaust und die SS – und sonst nichts fürchteten.

Die meiste Zeit war Sperrzeit. Es gab aber auch kurze Aufhebungen. Nur weiß ich nicht mehr, wie die bekanntgegeben wurden. Es gab auch Brot. Wer sich bis zur Bäckerei Baier in der Lange Straße wagte, bekam welches.  Familienmitglieder verteidigten die Plätze im öffentlichen  Luftschutzkeller.

In der Nacht vom 9. Auf den 10. April ließ der Verkehr über die Brücke nach und stoppte dann ganz. Mit mir hatte Gisela Benz – sie war Lehramtskandidatin  - am Eingang gestanden – und wir gingen dann vor zur Brücke – und als nichts geschah – einfach weiter bis hoch zur Drehscheibe. Auch da blieb alles ruhig. Wir sahen uns erstaunt an: „Die Ami sind weg“ – und rannten zurück zu Luftschutzkeller.
Ich weiß nicht, was sich dann dort  abspielte, denn mein Vater ergriff sofort die Initiative – und wir liefen in Richtung Schönebürgstraße aus der Stadt. Und hier gab es für mich etwas nie bildhaft Vergessbares:

Ich sah einen Soldaten an einen Baum gelehnt sitzen. Als ich ihn fragte, ob ich ihm helfen kann – keine Antwort. Da sah ich erst den Kopfschuss.  Und dann – auf der anderen Seite der Straße weitere tote deutsche Soldaten.

Ich weiß heute, dass es sich um Soldaten des 2. Gebirgsjägerregimentes handelte, die auf dem Rückmarsch von der Westfront in Crailsheim  erwischt  – hier eingesetzt   - und ohne Deckung von Goldbach her zum Angriff befohlen wurden.

Wir gingen dann weiter und erreichten  Wüstenau über den Wald bei Goldbach, wo wir in der Scheune eines Gasthauses bleiben konnten. Bis eine Rückkehr nach Crailsheim in Tagen nach dem 20. April in die unzerstörte Wohnung in der Hallerstraße möglich wurde. 


 

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© Armin Ziegler