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CRMark      Crailsheimer Notgeld
(Quelle:Werner Martin Dienel: Crailsheim- Band II, Kirchberg 2013

Mangel an Kleingeld
Bald nach Beginn des Ersten Weltkrieges, als »Ersatz« fast überall in der Wirtschaft notwendig wurde, setzte im Deutschen Reich ein Mangel an Kleingeld-Münzen ein, der schließlich zur Einführung von »Notgeld« führte. Zahlreiche deutsche Städte, Kommunal­behörden, Firmen und Banken gaben eigenes Kriegsnotgeld heraus. Auch in der Stadt Crailsheim fehlte es während der letzten Jahre des Ersten Weltkrieges an Kleingeld. Die Stadt mußte sich schließlich entschließen, eigenes Notgeld herstellen zu lassen und herauszubringen. Es waren achteckige Münzen aus Zink und Eisen im Einzelwert von 5, 10 und 50 Pfennig. Wegen ihrer auf der Rückseite angebrachten bildlichen Darstellung der berühmten Belagerungsszene von 1379/1380 fanden diese Münzen im Deutschen Reich vielseitige Beachtung. Bis 1920 waren über 62 000 solcher Notgeld-Münzen angefertigt und ausgegeben worden.

Die inflatorische Entwicklung des deutschen Finanzwesens 1923 führte schließlich noch einmal dazu, dass die Stadt Crailsheim sich gezwungen sah, beachtliche Mengen von Geld herstellen zu lassen - diesmal von Papiergeld.

Bürgermeister Fröhlich entwirft Geldscheine

Als das Reichsbankdirektorium in Berlin schon Reichsbanknoten im Werte von 50 und 500 Millionen Mark drucken ließ, im September 1923, traf bei der Stadtverwaltung in Crailsheim ein Schreiben des Württembergischen Ministeriums des Innern ein, in dem mitgeteilt wurde: die Reichsbankhauptstelle Stuttgart sei in der Lage, den Banknotenbedarf »voll zu befriedigen«. Wolle eine Stadt dennoch eigenes Notgeld herausgeben - was eigentlich gar nicht für erforderlich gehalten werde -, müsse für das Gesuch eine besondere Begründung vorliegen.

Die Crailsheimer Stadtverwaltung handelte. Genauso wie die Amtskörperschaften von Besigheim oder Öhringen, wie die Stadtgemeinden von Murrhardt, Gmünd, Heilbronn, Hall oder Ulm. Innerhalb weniger Tage fielen die notwendigen  Entscheidungen, wurden die Aufträge zum Druck des Papier-Notgeldes erteilt und die Scheine ausgegeben. Bürgermeister Fröhlich selbst entwarf die Motive, legte den Text fest und schrieb die Verse. Als Zeichnung für die Rückseite wählte er die 1917 von Professor Bofinger für das Münz-Notgeld geschaffene Belagerungsszene.

Für eine Billion Mark Notgeldscheine

Von Richters Buchdruckerei, wo auch der »Fränkische Grenzbote«, das Amtsblatt für den Oberamtsbezirk Crailsheim gedruckt wurde, forderte man ein Angebot an. Die Kosten für 25 000 Scheine wurden mit fünf Milliarden Mark veranschlagt. Die Firma Georg Schmohl, Crailsheim, berechnete für die Galvanos zwei Dollar beziehungsweise für einen Holzschnitt 1,5 Dollar.

Am 24. September 1923 fiel die Entscheidung in der Verwaltungsabteilung. Wenn eine geordnete Wirtschaftsführung beibehalten werden solle, so führte der Stadtvorstand aus, müsse die Stadtgemeinde spätestens am 28. September eigene Geldscheine ausgeben. Der Beschluss wurde gefasst und der Auftrag erteilt:
10 000 Scheine zu je fünf Millionen Mark,

10 000 Scheine zu je 20 Millionen Mark,
 3 000 Scheine zu je 50 Millionen Mark,
je 1000
Scheine zu je 100 und 500 Millionen Mark.
Gesamtsumme des gedruckten Betrages: eine
Billion Mark - 1.000 000 000 000 Mark. Gewählt wurden die Farben Hellgrün, Braun, Hellblau, Gelb und Rot.

In gleichlautenden Schreiben werden die Crailsheimer Geldinstitute und die benachbarten Stadtschultheißenämter und Kassen von der Ausgabe der städtischen Geldscheine (Gutscheine) unterrichtet. Sie werden gebeten, die Gutscheine als Zahlungsmittel anzunehmen und ihre Zusage mitzuteilen. Bürgermeister Fröhlich schlägt ferner vor, die Geldscheine auch in den benachbarten Bezirken - gleichsam gegenseitig - kostenlos einlösen zu lassen. Er sieht darin eine größere Verwendungsmöglichkeit und hofft damit, die eingetretene Unsicherheit in der Bevölkerung beseitigen zu können.

Die Crailsheimer Institute stimmen zu, so die Oberamtssparkasse, die Oberamtspflege, das Finanzamt, das Postamt, die Stationskasse, die Gewerbe- und Landwirtschaftsbank, die Gewerbe- und Handelsbank Heilbronn wie auch die Württembergische Vereinsbank. Von den Stadtschultheißenämtern Aalen, Mergentheim und dem Stadtrat Dinkelsbühl gehen keine Antworten ein. Die Oberamtssparkasse Hall kann sich mit der »kostenlosen Einlösung» nicht einverstanden erklären, »da durch die Einsendung an die Ausgabebezirke ziemlich hohe Portokosten entstehen und die fremden Notgeldscheine nicht mehr in Verkehr gegeben werden können.« Auch die Gewerbebank in Ellwangen lehnt es ab.

Reichsfinanzminister droht mit Strafantragen

Die Ereignisse überstürzen sich. Ende September geht vom Reichsministerium ein Fernschreiben an die Landesregierungen heraus. Der Reichsfinanzminister fordert darin, gegen das »allerorts umlaufende ungenehmigte Notgeld vorzugehen und baldigste Einziehung zu veranlassen und notfalls durch Strafanträge nach Reichsgesetz vom 17. Juli 1922 zu erzwingen«.
Das Württembergische Ministerium des Innern teilt aber zugleich den Kreisregierungen und Oberämtern mit, welche Gemeinden bereits Notgeld genehmigt erhalten haben. Mit 20 Milliarden Mark ist die Stadtgemeinde Murrhardt erwähnt, mit 67 Milliarden die Stadtgemeinde Hall, mit 5 Milliarden die Amtskörperschaft Öhringen und die Stadtgemeinde Stuttgart gar mit 1 600 Milliarden Mark. Zu den Gemeinden, die dem Ministerium einen Bericht über die Überweisung des Gegenwertes noch nicht vorgelegt haben, gehören auch Murrhardt und Hall.

In Crailsheim jedoch erweist sich erneut die Notwendigkeit, noch weitere städtische Gutscheine drucken zu lassen. Der Gemeinderat stimmt zu und so werden 2 000 Scheine zu je 500 Millionen Mark und 2 000 Scheine zu je 100 Millionen Mark in Auftrag gegeben. Die neue Gesamtsumme: 1,2 Billionen Mark.

Das Württembergische Ministerium des Innern freut
das gar nicht. Da das von der Stadtgemeinde Crailsheim ausgegebene Notgeld nicht genehmigt sei, verlangt es eine vollständige Einziehung des Geldes bis zum 15. November. Das Oberamt wird beauftragt, die Einziehung zu überwachen. Wie sich bald herausstellte, lohnte sich die Ausgabe der Scheine mit kleinem Nennwert wie fünf und 20 Millionen Mark gar nicht, da die Geldentwertung viel zu rasch voranschritt. Dagegen zeigte sich das »dringende Bedürfnis«, Gutscheine in größerem Nennwert auszugeben. In der Sitzung der Verwaltungsabteilung am 1. November 1923 wurde sogar festgestellt, daß die »hiesigen Geldinstitute förmlich auf die Herausgabe gedrängt« hätten, um den Geldverkehr wenigstens halbwegs regeln zu können.

Die Fraktionsvorstände des Gemeinderates stimmen dem Stadtschultheißenamt zu und es werden erneut Scheine gedruckt: für einen Nennwert von 552 Billionen Mark. Nunmehr sind es 4 000 Scheine zu je 500 Millionen und je 10 000 Scheine zu je fünf Milliarden und zu 50 Milliarden Mark.

Gegenwert durch Devisen und Mehl sichergestellt

Die Ministerien mußten sich geschlagen geben. Hatte es anfangs geheißen, dass die Ausgabe sogenannter »Gutscheine« zur behelfsmäßigen Zahlungserleichterung von den Behörden -ohne Genehmigung - geduldet werde, dann aber nach weiteren Erlassen aus dem Verkehr gezogen werden sollten, so hieß es in einer Sitzung des Vorstandes des Württembergischen Städtetages am 26. Oktober, dass die Ausgabe von Notgeld durch die Städte nicht mehr beanstandet werde. Doch müssten die entsprechenden Gegenwerte sichergestellt sein. In Crailsheim war der Gegenwert der ausgegebenen Gutscheine durch die Beschaffung von Devisen und Mehl gewährleistet.

Daher wurde auch durch den Gemeinderat die Herstellung weiterer 24 000 Gutscheine ohne weiteres genehmigt, zumal an eine sofortige Zurückziehung der ausgegebenen Gutscheine bei der täglich steigenden Zahlungsmittelnot nicht zu denken war. Außerdem sah man auch die Beschaffung genügender Zahlungsmittel durch die Reichsbank in nächster Zeit nicht für gegeben an.

Endsumme der Gutscheine: 17 063 Billionen Mark

Das Protokoll der Verwaltungsabteilung war kaum ausgefertigt, da beschloss der Gemeinderat erneut eine Zahlungsmittelbeschaffung. Am 2. November durfte die Stadtpflege 10 000 Scheine zu je 100 Milliarden Mark, gleich 1 000 Billionen Mark, herstellen lassen.
Doch Mitte Dezember endlich konnte zur Einlösung der städtischen Gutscheine (Notgeld) aufgerufen werden. Als Termin war der 15. Januar 1924 angesetzt. Als dann Ende des Jahres 1924 die Übersicht über die Ausgabe und Einlösung erstellt wurde, stellte sich heraus, dass von den Gutscheinen in den Werten von 5 Millionen bis 500 Millionen Mark nur noch die wenigsten wieder eingelöst worden waren. Immerhin aber betrug der Nennwert der eingelösten Gutscheine 16 660 Billionen Mark.

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