Crailsheim-Zeitgeschichte eine Internetseite von Dr.rer.pol.Armin Ziegler gewünschte Kapitel bitte anklicken
Crailsheim-Zeitgeschichteeine Internetseite von Dr.rer.pol.Armin Zieglergewünschte Kapitel bitte anklicken

Wer war Eugen Grimminger?

- Er war der Mann, der es der Widerstandsgruppe "Weiße Rose" um die Geschwister Scholl ermöglichte, dass sie die letzten beiden Flugblätter 1942/ 43 nicht mehr nur in den bisherigen Auflagen von um 100 Stück, sondern in mehreren 1.000 Exemplaren an deutschen Universitäten und in einigen Großstädten verteilen konnten. Dafür bekam er eine 10jährige Zuchthausstrafe  - knapp am beantragten Todesurteil vorbei.


- Während seiner Haft im Zuchthaus Ludwigsburg wurde seine jüdische Ehefrau, die er bis dahin schützen konnte, verhaftet, deportiert und in Auschwitz umgebracht.


- Unmittelbar nach Kriegsende plante er im Auftrag der Amerikaner den Wiederaufbau der württembergischen Landwirtschaft - und endete damit in einer politischen Sackgasse.

- Er war es, der dann das württembergische landwirtschaftliche Genossenschaftswesen wieder aufgebaut und zu bis dahin nicht gekannter Bedeutung geführt hat.

- Eugen Grimminger machte Genossenschaftsprodukte zu Markenartikeln, die heute jeder kennt.


- Für ihn war die genossenschaftliche Organisation der Landwirtschaft der Weg in die Rentabilität des Agrarsektors - und er mußte abtreten, als die politische Entscheidung fiel, die Einkommen der Landwirte über subventionierte Preise zu sichern.


- Der große Tierfreund gründete im Ruhestand die Grimminger-Stiftung für Zoonosen-Forschung. Deren Ziel ist es noch heute, Untersuchungen zu fördern, die Wege suchen, die Übertragung von Krankheiten von Tieren auf Menschen zu verhindern.

 

Lebensdaten Eugen Grimminger

29.7.1892 geb. in Crailsheim, Sohn des Lokomotivführers Franz Xaver Grimminger und Ehefrau Rosine Katharina geb. Salzmann, jüngstes von 7 Kindern.

1898 – 1901 verkürzt  nur 3 Jahre Besuch der Volksschule in Crailsheim.


1901 - 1907 Besuch der sechsklassigen Realschule in Crailsheim. Mittlere Reife mit Berechtigung zum Einjährigen (freiwilligen Militärdienst).


1907 - 1909 Verwaltungslehre auf dem Stadtschultheissenamt in Crailsheim

 

1909 – 1910 Verwaltungsgehilfe auf dem Stadtschultheissenamt in Freudenstadt

1910 – 1911. Verwaltungsgehilfe Oberamt Crailsheim.

 

1911 - 1913 Stadtschultheissenamt in Weikersheim.


1913 -1914 Kurs zur Ablegung der Mittleren Verwaltungsdienstprüfung, Unterbrechung durch Kriegsdienst. Prüfung während der Militärzeit 1917.
 

1914 - 1918 Kriegsfreiwilliger, Reserve Artillerie-Regiment 49 in Ulm eingerückt. Frühjahr 1915 Kanonier und Telefonist bei der Artillerie an der Westfront. Entlassen im November 1918 als Unteroffizier. Hatte die Württenbergische  Verdienstmedaille in Silber und das Eisernes Kreuz II. Kl.

Er wird auf Grund der schrecklichen Erlebnisse im Stellungskrieg in Frankreich nach dem Krieg Pazifist.

1918 - 1922 Leiter des Kommunalverband Crailsheim beim Oberamt Crailsheim.

1922 Heirat mit Jenny Stern aus Crailsheim, Tochter des jüdischen Kaufmanns Jakob Stern. Umzug nach Stuttgart, Anstellung beim Württ. Landesverband landw. Genossenschaften


1922 - 1935 Revisor beim Württ. Landesverband landwirtschaftlicher Genossenschaften. 1930 Leiter der Prüfungsabteilung für Produktivgenossenschaften, Oberrevisor.

30.4.1935 Entlassung wegen jüdischer Ehefrau.

Ab etwa dieser Zeit fühlt er sich auch für seine Schwägerin Senta Meyer geb. Stern mit verantwortlich, deren Ehemann schon 1934 verstorben war, die ab 1938 schnell ihr gesamtes Vermögen durch NS-Auflagen verlor.

1936 Gründung eines Beratungsbüros in Stuttgart.


Mai 1937 Prüfung als öffentlich vereidigter Buchprüfer und Umwandlung der Beratung in ein Wirtschaftsprüfer-Büro.

Bei den Vorbereitungen zur Prüfung traf er 1936 Robert Scholl wieder. Sie freunden sich an.

August 1939: Eugen Grimminger bringt die Schwestern seiner Frau Jenny – Mina und Julie Strern - nach Kehl an die französische Grenze. (Mit Hilfe einer französischen Bekannten von EG gelingt ihnen die Überfahrt nach England. Sie bleiben im Krieg in London und wandern 1947 in die USA aus. Dort lebt Bruder Nathan.)

Ab September 1941 müssen Senta Meyer und ihre vier Kinder den Judenstern tragen und meiden aus dem Haus zu gehen. Mehr Pflichten für Eugen Grimminger.

1. Dezember 1941: Deportation von Senta Meyer und ihrer Kinder. Eugen Grimminger bringt sie in der Straßenbahn am 27. November zum Killesberg. (Sie werden in Riga - wahrscheinlich  am 26. März 1942 -  erschossen.)

September/Oktober 1942: Eugen Grimminger betreut  das Wirtschaftstreuhandbüro von Robert Scholl in Ulm während dessen Haft. Er lernt Inge gut und wahrscheinlich auch Sophie Scholl kennen. Wohnung und Büro sind im gleichen Haus.

November 1942 und Januar 1943: Besuche von Hans Scholl (mindestens einmal mit Alexander Schmorell) bei Eugen Grimminger. Mehrmals Übergabe von Geld zur Finanzierung von Reisen und Flugblättern.

2. März 1943 Verhaftung wegen Beteiligung an Widerstandsgruppe "Weiße Rose".

 

 19. April 1943 Prozess und Verurteilung zu 10 Jahren Zuchthaus und 10 Jahre Ehrverlust:

Ab 20. Mai 1943 Verbüßung der Strafe im Zuchthaus Ludwigsburg

April 1943  Verhaftung von Jenny Grimminger, Transport nach Ravensbrück. Ermordung in Auschwitz am 2.12.1943

Juli 1943 Verkauf seines Büros an Tilly Hahn. rückwirkend zum 1.5.1943


13. April 1945 offizielle Entlassung aus dem Zuchthaus, blieb dort bis 23.4.1945

8.5.1945 von Oberbürgermeister Klett zur Erfassung von landwirtschaftlichen Erzeugnissen in Württemberg/Hohenzollern beauftragt.

Am 20. Mai 1945 von den Amerikanern zum Generalbevollmächtigten für die Ernährung und Landwirtschaft in Württemberg ernannt. Jedoch: Am 13. Juni 45 Ernennung einer Landesverwaltung für Württemberg durch die Franzosen - ohne Eugen Grimminger.


Ab Juli/August 1945 kommissarische Leitung des württembergischen Landesverband landwirtschaftlicher Genossenschaften.


4.10.1945 Ernennung zum Leiter des Württ. Landesverband landwirtschaftlicher Genossenschaften durch die US-Militärregierung in Stuttgart.


22.12.45 Dienstbezeichnung "Präsident".

12.10.1945 auf Vorschlag von Dr. Klett Ernennung zum Gemeinderat der Stadt Stuttgart mit Zustimmung der Militärregierung.

 

Frühjahr 1946: Mitbegründer der Freie Wählergemeinschaft in Stuttgart.

26.5.1946 in den Gemeinderat auf der Liste der Allgemeinen Wählervereinigung gewählt.

Nur kurzes Gastspiel als Kommunalpolitiker.

1946 zum Präsidenten des landwirtschaftlichen Genossenschaftsverbands (Raiffeisen) in Württemberg auf der Mitgliederversammlung gewählt. Verhinderte besatzungsbedingte Trennung in Nord- und Südwürttemberg.

1946 Gründung der Genossenschaftsschule in Schrozberg


1946 Gründung der Landeszentralgenossenschaft Württembergischer Weingärtnergenossenschaften. Mitbegründer weiterer Zentralgenossenschaften


1947 zweite Ehe. Heiratet Tilly Hahn geb. Wächter, seiner Retterin vor Todesstrafe im "Weiße-Rose-Prozess"


Bis 1954 alleiniger geschäftsführender Vorstand des Landesverband, jedoch Diskrepanzen mit Bauernverband und Landesregierung, Vorstand wird 1954 erweitert. Eugen Grimminger bleibt noch geschäftsführender Präsident des Genossenschaftsverbands.

1952 - 1958 Sprecher des Gemeinschaftsausschusses der deutschen Milchwirtschaft.

 1957 Ehrensenator der Universität Hohenheim.


1957 Gründung der Schurwaldbank, bis 1971 Vorsitzender des Vorstands.

1958 mit 66 Jahren in den Ruhestand. Weiterhin Ämter und Ehrenämter in beruflichen Institutionen.

1960 bis 1972 Vorsitzender des Vorstands des Tierschutzvereins Stuttgart.


1964 Gründung der Grimminger-Stiftung für Zoonosenforschung  (Übertragung von Krankheiten durch Tiere auf Menschen.)

10. April 1986 verstarb Eugen Grimminger 93jährig, (Ehefrau Tilla war bereits 1982 verstorben.)


In seinem Nachlass befinden sich zahlreiche Gedichte, die im Laufe seines Lebens entstanden sind.

Wohl sein letztes Gedicht 1961 (Er ist 81 Jahre alt)

Der Herren sind so wenig
!
Gekürt – gewählt, vom Volk empor getragen
beutehungrig buhlen sie um Deine Gunst
Sind sie gewählt – ersteigen sie das Postament
und lassen tanzen um  das goldene Kalb
Sie sind die Klügsten – sie wissen alles
und alles tun sie nur im Namen eines jeden Volks!
Voll Lüge ist ihr Maul
voll Stolz und Hochmut ist ihr Herz
Und Macht beherrschend fordern sie das Leben eines jeden Volks!

Der Mütter aber sind so viel!
So viel in jedem Volk
sie tragen Leben und gebären Völker!
Und ihre Söhne sind es ja – die sie getragen und geboren -
Nun auf dem Altar des Vaterlandes geopfert werden sollen!
Und Mütter weinen nur und klagen!

Und Eure Macht, Ihr Mütter!
Warum verzichtet Ihr darauf?

Der Mütter sind doch so viel mehr als Herren!
18. April 1974




 
Buch: Armin Ziegler: "Eugen Grimminger  Widerständler und Genossenschaftspionier", Crailsheim 2000

 


 

 

 

 
Druckversion Druckversion | Sitemap
© Armin Ziegler