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Meine Erfahrungen mit der Zukunft

- Sichtbar geprägt wird die Zukunft vor allem durch Veränderungen und Innovationen. Aus ihnen entstehen Chancen und Risiken.

- Die stärkste auf zukünftige Entwicklungen wirkende Kraft ist das Beharrungsvermögen. Hier liegt auch die größte Fehlerquelle von Prognosen zeitlicher Abläufe.

Man kann davon ausgehen, dass gegenwärtiges Verhalten und gegenwärtige Trends weiterbestehen, wenn nicht Veränderungen bei den auf sie wirkenden Kräften eintreten.

Dem Beharrungsvermögen verwandt ist die Kontinuität, d.h. die Eigenkraft einmal eingeleiteter Entwicklungen.

- Die größten Unsicherheiten bei Aussagen über die Zukunft liegen in den
unvorhersehbaren Ereignissen, aber auch in menschlichem Handeln.

Hier beruhen Prognosen weitgehend auf Spekulationen und Meinungen, weitaus weniger auf Wissen oder Gesetzmäßigkeiten. Das Arbeiten mit den sogenannten "What-if"- Fragen und mit Szenarien ist angebracht.

- Je größer der Einfluss von Menschen auf Entwicklungen ist, desto schwieriger wird die Prognose. Die politische Prognose ist deshalb auch die schwierigste.

- Die Anpassung der Menschen und Institutionen an Veränderungen erfordert einen Anpassungsprozeß, der unterschiedlich verläuft. Zeitlich spricht man von einer Anpassungslücke.

Hemmfaktoren können Alter, Ausbildung, traditionelle Werte, Einkommen, vorhandene Kapitalinvestitionen und vor allem institutionalisierte Interessen sein.

- Langfristig wirkende Kräfte sind eher identifizierbar und leichter zu beobachten.

- Prognosen sind dort leichter, wo es um zyklische Entwicklungen bzw. um solche mit Lebenskurvencharakter geht. Vor allem dann, wenn sie natur-wissenschaftlichen und anderen Gesetzmäßigkeiten folgen.

Technologische, wirtschaftliche und demographische Entwicklungen fallen mit ihren Vorlaufzeiten fast immer in den Bereich der absehbaren Entwicklungen.

Einschätzbar ist auch - mit gewissen Einschränkungen - die Gesetzgebung und die Rohstoff-, Produkt- und Verfahrenssubstitution. Falsche Annahmen beruhen hier meist auf ungenügenden Informationen.

- Die Identifizierung von Barrieren für bestimmte Entwicklungen hat hohen Erkenntniswert. Vor allem bei der Prognose der Diffusion neuer Technologien.

- Das einfache Fortschreiben von Entwicklungen ist häufig trügerisch. Fast jeder Trend, jedes Ereignis, jede Maßnahme lösen gegenläufige Entwicklungen aus. Ein Pendel schwingt auch zurück, Wellenbewegungen erreichen einen Kamm, Entwicklungen haben Lebenskurven.

- Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Annahme richtig ist, steigt mit der Begrenzung des Beobachtungsbereichs und des Prognosezeitraums.

- Die Zukunft ist beeinflussbar durch menschliches Handeln und Unterlassen. Das gilt für das nähere Umfeld stärker als für das weitere. Ein Unternehmen kann deshalb seine Zukunft wesentlich beeinflussen.

- Es gibt wünschenswerte Zukunftsentwicklungen, die gefördert werden bzw. unerwünschte, die verhindert werden können. Interessen und Machtausübung spielen eine große Rolle bei dieser bewusst herbeigeführten Zukunftsentwicklung.

- Prognosen fordern häufig menschliches Handeln heraus und können dazu beitragen, dass die prognostizierten Entwicklungen nicht eintreten. Prognosen erhalten dadurch politischen Charakter.

- Es ist einfacher und mit größerer Wahrscheinlichkeit möglich, z.B. etwas über das Vertriebssystem oder die zukünftigen Produktionsverfahren eines Unternehmens auszusagen als über das ganze Unternehmen.

- Es ist leichter, die Zukunft eines Unternehmens zu prognostizieren als die der Branche. Und die Zukunft einer Branche ist eher absehbar als die einer ganzen Volkswirtschaft oder gar der Weltwirtschaft.

- Die Beschränkung auf Wesentliches macht jegliches  Früherkennungssystem effektiver und handhabbarer.

- Wer sich mit der Zukunft beschäftigen will, fängt am besten in der Vergangenheit an.
Die historische Entwicklungsbetrachtung lässt langfristige Trendlinien erkennen.

- Erkennbar werden auch Wendepunkte bzw. Weichenstellungen (Turning Points). In der Lebensmittelbranche war das z.B. die Verbreitung der Tiefkühltruhe. Neue Konservierungsverfahren können das wieder sein. Die Verbreitung des Mikrowellenherdes war eine andere Weichenstellung für die Zukunft der Lebensmittelbranche.

Wendepunkte werden leider oft erst von Historikern identifiziert. So etwa die Bedeutung der Einführung der Babypille für den Wandel in unserer Gesellschaft bzw. den Bruch in der Bevölkerungsentwicklung.

- Aus der Vergangenheit lassen sich auch Lebenskurven und Substitutions-Anfälligkeiten ableiten. Die Bedeutungszunahme von Problemen  wird im Wandel der öffentlichen Meinung erkennbar.

- Die Gegenwart gibt viele Hinweise auf allgemeine Trends, die in einer Branche beginnen und dann auf andere übergreifen. Fitness z.B. hat im Sportbereich begonnen, dann auf Pharmazeutika und Nahrungsmittel übergegriffen, ist in die Mode eingekehrt und wird sicherlich noch ganz unvermutete Branchen erreichen.

- In Zukunft werden viele Veränderungen aus anderen Wirtschaftssektoren, Branchen und Absatzwegen kommen, nicht aus den eigenen.

Das ist Teil eines ganz wesentlichen und grundsätzlichen Entwicklungstrends: der Abbau bzw. die Verwischung von Grenzen. Wobei sich aber meist auch wieder neue Grenzen formieren.

Das ist nicht nur geographisch gemeint (siehe EG), sondern auf Wissenschaftsgebiete bezogen (Biologie, Chemie, Physik) oder Technologien (Sensorik, Mikroelektronik, Biotechnologie). Es gilt auch für Funktionen im Unternehmen und die Beziehungen zwischen Lieferant und Hersteller oder für Branchen und Absatzwege bzw. die Politik (Freund- und Feindbilder).

- Sehr beachtenswerte Entwicklungen sind das Wandern von Technologien von der Ursprungsindustrie bzw. der -anwendung in andere industrielle Bereiche und Anwendungen. Sehr deutlich war und ist das bei der Mikroelektronik und der Lasertechnologie.

- Die Rüstungsindustrie ist eine erstrangige Ursprungsindustrie für zahlreiche Technologien.

- Ebenso wichtig ist das Erkennen, wann neue Entwicklungen der Informationstechnologien über ursprüngliche Anwendungen hinaus neue Lösungen andernorts ermöglichen. Das kann ganze Branchen sehr schnell verändern.

- Ein anderer Trend ist die Wanderung von industriellen Techniken in den Haushalt oder andere Wirtschaftssektoren (z.B. Landwirtschaft und Dienstleistungen). Das offensichtlichste Beispiel ist die Mikrowellentechnik, die aus der industriellen Anwendung in den Haushalt wanderte. Absehbar wird die weitere Nutzung der Lasertechnik im Haushalt.

- Trendcharakter hat z.B. auch das Einbringen von Sensoren und autonomer Intelligenz in Produkte, um ihnen Systemcharakter zu verleihen.

- Ein weiterer beachtenswerter Trend ist das Näherbringen von Gebrauchsgegenständen an den Körper. Der Walkman war hier der Anfang, der sich über das mobile Telefon und den Laptop-Computer fortsetzte und bald die Integration von weiteren Nutzungen in die Armbanduhr und Brille bringt. Irgendwann wird das zu dauerhaften oder zeitweiligen Implantationen von Mikrochips in den Körper führen. Der Herzschrittmacher hat gezeigt, dass dies möglich ist.

- Bei Prognosen anderer ist Skepsis angebracht, wenn deren Interessen im Spiel sind. Eine Firma, die eine neue Technologie entwickelt hat, wird deren Einsatz positiv beurteilen. Hier ist die Situation potentieller Nutzer zu analysieren. Technologie-Prognosen sind keine Markt-Prognosen!

- Bestehende Technologien "kämpfen" um ihre Existenz mit Verbesserungen. Diese können den Einsatz neuer Technologien zeitlich hinausschieben oder illusorisch machen.

- Neue Technologien, die neue Infrastrukturen benötigen, haben geringe Aussichten.

- Für viele zukünftige Entwicklungen gibt es Vorreiter:

"Leading Events". Es gibt Ereignisse - besonders wenn sie sich häufen -, die Veränderungen signalisieren.

"Leading Political Jurisdiction". In manchen Ländern kommt es - bei der Lösung anstehender Probleme - schneller als in anderen zu fortschrittlicher Gesetzgebung. Sie führt häufig zu einem Punkt, von dem ab neue Gesetzgebung unvermeidlich ist.

"Leading Authorities/Advocates". Rufer in der Wüste und Visionäre bzw. kritische Wissenschaftler und Intellektuelle verschaffen sich nach und nach Gehör für ihren Standpunkt zu neuen Problemen.

"Leading Literature". Es gibt Publikationen, die eher als andere neue Probleme aufgreifen.

- Die permanente Beobachtung von wesentlichen Wirkkräften und Entwicklungen ist der in Zeitabständen vorgenommenen deutlich überlegen. Sie ermöglicht rechtzeitige Anpassungen der Annahmen und steigert damit die Wahrscheinlichkeit, dass sie richtig sind.

Die meisten Fehlprognosen haben ihren Grund darin, dass sie einmalige Aussagen waren und nicht Ausgangspunkt der Beobachtung von Entwicklungen mit entsprechenden Anpassungen.

- Die Beschäftigung mit der Zukunft ist ein Lernprozess. Neben der Beurteilung des Beharrungsvermögens und des zeitlichen Verlaufs einer Entwicklung ist es vor allem schwierig, den "Cross Impact" mehrerer Entwicklungen richtig einzuschätzen.

Effektiv ist das Arbeiten in einem kleinen Team, das interfunktional zusammengesetzt sein sollte. Das Team ist dem einzelnen in der Beurteilung des "Cross Impact" überlegen.

- Annahmen, die "vor Ort" aufgestellt werden, haben den Vorteil der Sachkenntnis und den Nachteil der Sichtenge. Als Input für ein höher angesiedeltes Team haben sie hohen Wert.

- Die Sensibilisierung für das Erkennen von Veränderungen entsteht durch die Diskussion angenommener Entwicklungen.

Dadurch verlieren auch unvorhersehbare und überraschende Entwicklungen ihren Schrecken.

- Sensibilisierung für die Zukunft ist eine der wichtigsten Fortbildungsaufgaben für Führungskräfte. Die Amerikaner sprechen vom "Management of Change".

Sensibilisierung allein nützt aber nichts, wenn die Unternehmensorganisation nicht die notwendige Flexibilität hat, sich an Veränderungen anzupassen.

 

 

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© Armin Ziegler