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Fremdarbeiter im Krieg
(Quelle: Armin Ziegler: Crailsheim 1944 – eine Stadt im totalen Krieg )

Der offizielle Begriff für Fremdarbeiter war „fremdvölkische Arbeitskräfte' und umfasste alle Gruppen der ursprünglich befristet angeworbenen oder zwangsverpflichteten ausländischen Arbeitskräfte, die in der Praxis kurz Fremdarbeiter genannt wurden. Nicht unter den Begriff fielen die für Arbeiten eingesetzten Kriegsgefangenen und die zwangsarbeitenden KZ-Häftlinge. Für die einzelnen Ländergruppen der Arbeitskräfte galten sehr unterschiedliche arbeitsrechtliche und polizeiliche Bedingungen.
 

Aus einem hier vorliegenden Merkblatt der Gestapo gehen vor allem letztere hervor. Es unterscheidet zwischen Italienern, Angehörigen germanischer Völker (Dänen, Flamen, Holländer, Norweger), Slowenen (Aussiedler aus der Untersteiermark), Angehörigen nichtgermanischer Völker, mit denen Deutschland verbündet oder verbunden war (Slowaken, Rumänen, Bulgaren, Ungarn, Spanier, Belgier und Franzosen), Angehörigen slawischer oder verwandter Völker (Tschechen, Serben, Esten, Letten und Litauer), Polen und Ostarbeiter aus den sowjetischen Gebieten.

Ostarbeiter mussten zur Kenntlichmachung ein „Ost" auf der Kleidung tragen, die Polen ein „P". Alle anderen Gruppen trugen keine Erkennungszeichen und hatten größere Freizügigkeiten.

- Ende 1943 begann in den sogenannten „Führungsmitteln" vor allem der Presse eine positive Darstellung des „notwendigen" Einsatzes der Fremdar­beiter. Den Anfang machte das von Goebbels persönlich stark beeinflusste Blatt „Das Reich" mit einem bebilderten Artikel „Ostarbeiter - Im Lager und in der Fabrik". Der Artikel lobte, beschrieb ihr Leben, berichtete aber auch sehr offen über die gezogenen Grenzen. Der Hintergrund war, dass die Ab­hängigkeit von den Fremdarbeitern immer größer wurde und man ihre Ar­beitsleistung dringend brauchte und sie durch schlechte Behandlung und Er­nährung nicht bekam.


- Am 25. März 1944 wurde eine neue Verordnung über die Einsatzbedingungen der Ostarbeiter erlassen, die wesentliche Verbesserungen für sie brachte: die Gleichstellung im Lohn mit den anderen ausländischen Arbeitskräften, Rege­lung von Urlaub und Familienheimfahrten sowie Krankenversorgung. Fest­gelegt wurde auch, was die unterbringenden und Verpflegung leistenden Be­triebe dafür vom Lohn abziehen durften.

Intime Beziehungen zwischen Fremdarbeitern und deutschen Frauen waren  unter schar­fer Strafe für beide verboten, und zwar bezogen auf alle Gruppen der Fremdarbeiter. Die deutschen Soldaten sollten nicht beunruhigt werden, wenn über den gemeinsaen Einsatz vo Deutschen und Ausländern berichtet wurde.

- Im Laufe des Jahres 1944 begann mit den deutschen militärischen Rück­schlägen die Sorge im ganzen Reichsgebiet, dass die Fremdarbeiter nicht nur aufsässig werden, sondern auch zu Aufständen übergehen könnten. Das wäre vor allem später im Jahr nicht mehr unter Kontrolle zu bringen gewesen.

Im Reichsgebiet waren 1944 rund sieben Millionen Fremdarbeiter eingesetzt.
Es blieb deshalb bei der Politik, die Kommunikation unter den Fremdarbeitern über ihre Arbeitsstelle hinaus möglichst zu unterbinden. Viele der Strafmaß­nahmen der Gestapo gegen Ausländer beruhten auf solchen Versuchen. (Aus heutiger Sicht ist es kaum erklärlich, warum es nicht zu Aufständen gekom­men ist und die Arbeitswilligkeit bis Kriegsende unter den Umständen noch recht hoch war. Der Mythos der Gestapo und ihre Härte bei Maßnahmen mögen eine Erklärung sein, ganz ausreichend erscheint sie nicht.)

 


Einsatzorte der Fremdarbei­ter in Crailsheim 1944
Reichsbahn: Bahnmeistereien, Betriebswerk  Einsatz im Fahrbetrieb.
Schuh­
fabrik Möbus, Engel-Brauerei, Marmeladenfabrik Bourzutschky, Holzwerke Gehring & Zimmermann und Speer & Gscheidel, Baufirma Leonhard Weiss, vor allem aber in der Fa. Bosch, deren tschechische Arbeiterinnen haupt­sächlich in der Nähe des Werkes in Baracken in der Brunnenstraße, der damali­gen Richthofenstraße, der Zufahrt zum Fliegerhorst, untergebracht waren.

Es gab auch Zuweisungen von einzelnen Arbeitskräften an kleinere Firmen und an Haushalte, Z.T. war hier auch die Unterbringung privat geregelt. Auf dem Fliegerhorst waren russische Kriegsgefangene eingesetzt, die in einem La­ger in Onolzheim untergebracht waren. In den Flakstellungen des Fliegerhorsts waren 1944 Hilfswillige aus der Ukraine und Georgien direkt in den Stellungen.

Besonders die Arbeiter aus der Ukraine galten als vertrauenswürdig. Das galt für die in den Flakstellungen eingesetzten wie für die, die z.B. als Heizer den Zügen der Reichsbahn eingesetzt waren.

Über die Behandlung der Fremdarbeiter in Crailsheim gibt es wenige Infor­mationen.
Generell wird auch hier gelten: Je kleiner die beschäftigenden Fir­
men oder Organisationen und je geringer die Anzahl der jeweils eingesetzten Fremdarbeiter.
Je mehr sie aus der Anonymität heraus kamen - desto besser
ihre Behandlung und Ernährung.

Im Stadtbild von Crailsheim waren vor allem die tschechischen Arbeiterin­nen zu sehen.

Sie genossen größere Freizügigkeiten und nutzten sie auch mit großer Selbstsicherheit etwa bei den Einkäufen. Sie waren nicht gekennzeichnet und durften - wenn sie das wollten - auch ins Kino gehen und Cafes besuchen.
Sie waren adrett  angezogen – und wer  Kontakt mit ihnen hatte - berichtete  über ihre nette Art.
 
Was sie nicht durften: einen deutschen Freund haben und Crailsheim ohne spe­zielle Erlaubnis verlassen.


 

Die größte Bedeutung hatten Fremdarbeiter für die Landwirtschaft im gan­zen Kreis Crailsheim. 1944 waren über 60 Prozent aller Arbeitsstellen in der Landwirtschaft im Kreis durch Fremdarbeiter besetzt.

Hier bestimmte die Ge­meinsamkeit bei der Arbeitsleistung die Behandlung. Fast immer wurden die Mahlzeiten gemeinsam eingenommen und der Fremdarbeiter - Franzosen und Polen waren stark vertreten - übernahm oft die Rolle des eingezogenen Knech­tes. Und auch im Hohenlohischen galt die Regel, dass man „dem Ochsen, der da drischt, nicht das Maul verbinden darf".

Arbeitsverweigerungen, Bummelantentum, Aufsässigkeiten, Aufwiegelei, Sa­botage begangen von Polen und Ostarbeitern mussten der Gestapo gemeldet werden. Die wies generell in gefürchtete Arbeitserziehungslager ein, die gege­benenfalls eine Vorstufe für die Konzentrationslager waren.

In Crailsheim lief das über die Ortspolizei. Die Meldungen kamen fast ausschließlich von Bosch und der Reichsbahn. In den meisten Fällen genügte es, wenn der Schutzpolizei-Oberleutnant Hilscher sie übers Wochenende in das Gefängnis sperrte und mit „nützlicher" Arbeit beschäftigte. Aus dem Protokollbuch der Crailsheimer Poli­zei gehen aber auch eine Anzahl Überstellungen an die Gestapo in Stuttgart hervor.

 

Willi Glasbrenner beschreibt in seiner 1994 erschienenen Arbeit „Die Eisen­bahn in Crailsheim", wie das Verhältnis zwischen Fremdarbeitern und Crailsheimern war:

"
Auch in der Betriebswerkstätte wurden Fremdarbeiter für alle möglichen Ar‑

beiten verwendet. (1943 waren 15 Fremdarbeiter im Einsatz). Neben dem Was­serturm stand eine Baracke für die im BW eingesetzten Franzosen, Russen, Belgi­er, Polen und Arbeiter anderer Nationalitäten. Wie aus überlieferten Erzählun­gen zuverlässig berichtet wurde, gab es unter ihnen viele willige und sachkundige Arbeiter.
Dass manche von ihnen nach ihrer Befreiung sich für teils schlechte Behandlung durch die Nazis rächten, ist nur allzu verständlich.

Aber auch das Gegenteil war der Fall.
Mutige Crailsheimer Lokschlosser nahmen zu Heilig­
abend solche Leute mit nach Hause. Daraus bis heute bestehende Kontakte sind nachweislich noch vorhanden. Selbst aus Frankreich reiste noch in diesen Jahren zum wiederholten Male ein ehemaliger Kriegsgefangener an und besuchte die Familie seines ehemaligen und längst verstorbenen deutschen Freundes aus der Crailsheimer Reparaturwerkstatt."

 

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