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Luftschutz in Crailsheim 1944

Luftschutz war in der NS-Zeit gesetzliche Pflicht, d.h. dass jeder Bürger per­sönliche Dienst- und Sachleistungen erbringen musste. Das regelte ab 1935 ein Luftschutzgesetz, das in den folgenden Jahren durch Durchführungsverordnun­gen ergänzt wurde. Schon davor war im April 1933 der Reichsluftschutzbund gegründet worden, der dem Reichsluftfahrtministerium unterstand. Er hatte die Aufgabe, die Bevölkerung mit den Aufgaben des Luftschutzes vertraut zu machen und dafür auszubilden.

Die Organisation des Luftschutzes

Der Luftschutz hatte mehrere Teilbereiche: Selbstschutz, erweiterter Selbstschutz, behördlicher Sicherheits- und Hilfsdienst (SHD), Werkluftschutz, Bau und Unter­halt öffentlicher Sammelschutzräume, die Schadensvorsorge sowie den Warndienst.

Selbstschutz

Der Kerngedanke des Luftschutzes war der Selbstschutz.
Das hieß, dass jede Hausge­meinschaft alles zum Schutz des Wohnhauses tat. Der Verantwortliche vor Ort war der ehrenamtliche Luftschutzwart, der bei der Luftschutzgemeinschaft -meist die Bewohner eines Wohnhauses oder eines Wohnblocks - für die Einhal­tung der Luftschutzbestimmungen sorgen sollte. Dazu gehörte das Verdunkeln bei Fliegeralarm und das Aufsuchen der Schutzräume, die von außen erkennt­lich mit „LS" markiert sein mussten. Im Haus mussten diese Räume nach ge­nauen Vorschriften eingerichtet werden, die Dachböden hatten entrümpelt zu sein, es mussten Löschsand -Tüten, Löschwassereimer und Handpumpenspritzen bereit stehen, auch sogenannte „Fliegenpatschen" - an Besenstielen befestigte Wischtücher, die in Wasser getaucht werden sollten, um Funken zu löschen.

Eine Hausapotheke war ebenfalls vorgeschrieben und die Menschen sollten alle eine Volksgasmaske besitzen. Um das alles zu koordinieren, wurden schon vor und dann im Krieg laufend Luftschutzübungen durchgeführt.


Erweiterter Selbstschutz

Er galt für öffentliche Gebäude, so für Schulen, Krankenhäuser, Dienst­gebäude, Kirchen. Vom Grundsatz her galten die gleichen Vorschriften wie für den Selbstschutz, nur konnten hier neben den Anwohnern auch Mitarbeiter oder Mitglieder zum Schutz verpflichtet werden, die sich bei Luftwarnsituationen dort einfinden mussten. Es gab auch genaue Vorschriften für die Schutzräume.

Sicherheits- und Hilfsdienst (SHD)

Das waren die Luftschutzkräfte des öffentlichen Dienstes, die nach den An­weisungen der örtlichen Luftschutzleitung dort eingesetzt wurden, wo die Ge­fährdung der öffentlichen Sicherheit es erforderte und die Möglichkeiten des Selbstschutzes überfordert waren. Zu den SHD-Gruppen, die nach örtlichen Gegebenheiten stationiert waren, gehörten neben der Feuerwehr, Sanitätskräfte und Melder.
 Die Einsatzleitung lag meist bei dem örtlichen Kommandeur der Schutzpolizei, der dem Luftschutzleiter unterstellt war, was meist - wie in Crailsheim - der Bürgermeister war.

Ende 1938 wurden die Berufsfeuerwehren zur Feuerschutzpolizei umbenannt, die wiederum Teil der Ordnungspolizei wurde. Mitte 1942 wurde eine eigene Luftschutzpolizei gegründet. Luftschutzpolizei, Feuerschutzpolizei und Techni­sche Nothilfe wurden der SS- und Polizeigerichtsbarkeit unterstellt. Ende des Jahres galt das auch für die Freiwillige Feuerwehr. Die Freiwilligen Feuerweh­ren erhielten für ihre Einsätze den Status einer Hilfspolizei so auch in Crailsheim. Mitte 1944 wurde der Reichsluftschutzbund in die NSDAP überführt. Der NS-Blockleiter war nun gegenüber dem Luftschutz-Blockwart anweisungsberechtigt und trug Verantwortung für Verstöße gegen die Verdunklung.


Werkluftschutz

Ähnlich dem erweiterten Selbstschutz waren Unternehmen zur Organisation eines auf den Betrieb bezogenen Selbstschutz nach ganz bestimmten Vorschrif­ten verpflichtet. Das richtete sich nach Betriebsgrößen, die festlegten, ab wann z.B. eine Werksfeuerwehr vorhanden sein musste. Reichsbahn und Reichspost hatten eigene Luftschutzorganisationen.


Die Luftschutz-Situation 1944 in Crailsheim

Führungsorganisation

Der Luftschutzleiter der Stadt Crailsheim war Bürgermeister Fröhlich, Ein­satzleiter Revier-Oberleutnant Hilscher. Sachbearbeiter für Luftschutz­baumaßnahmen beim Stadtbauamt war Kreisbauinspektor Walter, der auch Kreisbrandmeister und Leiter der Crailsheimer Feuerwehr war. Hauptluftschutz-wart war Albert Brüstle, auch zuständig für Schulung und Verdunklungskontrolle. Obwohl die Stadt Crailsheim voll für ihre Luftschutzmaßnahmen zuständig war, gab es Bereiche, die mit dem Landratsamt abgestimmt werden mussten. Dort

war Regierungsoberinspektor Baumann für Luftschutzangelegenheiten zustän­dig.

Seit der Einstufung der Stadt als besonders gefährdeter Luftschutzort im Sep­tember 1943 gab es eine erweiterte Luftschutzleitung, die - soweit das jetzt noch feststellbar war - aus Bürgermeister Fröhlich, seinem Amtsleiter Gebhards, dem Polizeichef Hilscher, dem Kreisbrandmeister und Feuerwehrchef Walter (gleichzeitig zuständig für Luftschutzbaumaßnahmen), dem Leiter des Stadt­bauamtes Kielerlen, dem Leiter der Stadtwerke Lindenmeyer, dem örtlichen Leiter des Reichsluftschutzbundes und einem Ortsgruppenleiter bestand.

In der Stadt Crailsheim war die Schutzpolizei gleichzeitig Luftschutzpolizei. Sie unterstand einerseits dem Bürgermeister und danach dem Innenministeri­um, war aber auch als Luftschutzpolizei dem Befehlshaber der Ordnungspolizei unterstellt.

Über allem gab es die Zuständigkeit in Luftschutzangelegenheiten des Luft­gaukommandos. Das war 1944 bis September für Crailsheim Luftgaukommando VII München, ab September 1944 das Luftgaukommando V in Stuttgart. Vor­geschaltet bei der Genehmigung von Luftschutzbaumaßnahmen, die nicht von der Stadt finanziert wurden, waren noch staatliche Stellen, so das Innenministe­rium.

Diese Mehrfachunterstellungen machten die Dinge recht schwierig. So ging z.B. bei Luftangriffen die Sofortmeldung der Schutzpolizei per Telefon an das dem Luftgaukommando unterstellte Luftschutzkommando Heilbronn, die schriftliche Meldung über einen Luftangriff ging von der Crailsheimer Polizei an das Landratsamt, gleichzeitig auch an das Innenministerium, den Befehlsha­ber der Ordnungspolizei und an das Luftgaukommando.

Sicherheits- und Hilfsdienst

Die personelle Organisation des Luftschutzes in Crailsheim wurde von Bür­germeister Fröhlich als Luftschutzwacht bezeichnet. Dazu gehörten Feuerwehr, Sanitätsdienst mit Laienhelferinnen, Technische Nothilfe, Fachtrupps, Bauhof­besatzung, Telefonisten und Listenführer in den Zentralen, Kraftfahrer, Turm­beobachter und Melder. Für alle gab es vorgeschriebene Dienstplätze, an denen sich die dazu verpflichteten oder freiwillig Dienst tuenden Personen bei Flieger­alarm einzufinden hatten.

Es gab in Crailsheim fünf SHD-Gruppen, davon drei im Stadtbezirk Crailsheim, je eine in Ingersheim und Altenmünster. Mitglieder der SHD-Grup­pen waren Feuerwehrleute, Sanitäterinnen, Melder und auch eine Listenführerin, die Anwesenheit und Einsätze festhielt.

Bau und Unterhalt öffentlicher Sammelschutzräume

Die Erstellung der öffentlichen Luftschutzräume (ÖLSR) und ihr Unterhalt waren die Aufgabe der Gemeinde- und Stadtverwaltungen. Wenn Städte wegen ihrer Gefährdung unter das „Führer-Sofortprogramm" fielen, übernahm das Reich die Kosten, sofern die vorher kritisch geprüft worden waren. Crailsheim fiel im Berichtszeitraum unter dieses Programm.


Schadensvorsorge
Der örtliche Luftschutzleiter - in Crailsheim der Bürgermeister - war auch verantwortlich für die Vorsorge bei Eintritt von Schäden. Das war die Einrichtung von Rettungsstellen für Verwundete, die nicht mehr von den SHD-Gruppen betreut werden konnten. In Crailsheim war es das Krankenhaus. Die Einleitung von Sofortmaßnahmen zur Versorgung der Bevölkerung musste vorbereitet sein (hier gab es Überschneidungen mit bzw. Ergänzungen durch die Partei und vor allem der NSV).Die personelle Besetzung der betroffenen städtischen Ämter und die allgemeine

Information der Zivilbevölkerung über die Notfallmaßnahmen, so auch , welche Ämter für was zuständig waren, hatte vorbereitet zu sein.


Zuständig für die Einleitung baulicher Sofortmaßnahmen war ebenfalls die Stadtverwaltung, wobei hier die Mitsprache nach der Gemeindeordnung durch den Parteibeauftragten, in Crailsheim der Kreisleiter, vorgeschrieben war.
Generell sorgten die Gemeinden auch für eine Vorratshaltung an Grundnahrungsmitteln, wobei die eigentliche Lagerhaltung durch den Großhandel organisiert wurde.


Öffentlicher Warndienst

Zuständig für die den Warndienst war das Luftgaukommando. Für Crailsheim gab es Wechsel zwischen München und Stuttgart. Bis September 1944 war München zuständig, dann wieder Stuttgart. Stuttgart hatte Luftwarnzentralen eingerichtet. Für Crailsheim war das Luftschutzkommando in Heilbronn zu­ständig. Deren Luftlage-Informationen an die örtliche Luftwarnzentrale - in Crailsheim das Polizeirevier im Rathaus - führten örtlich dann zur Auslösung der verschiedenen Warn-Signale. Öffentliche Warnungen waren:

- Öffentliche Luftwarnung ÖLW (generell als Voralarm bezeichnet). Das war ein mehrmaliger, 12 Sekunden langer Sirenen-Dauerton, der jeweils von ei­ner 12 Sekunden langen Pause unterbrochen wurde. Das öffentliche Leben sollte weitergehen, jedoch war ÖLW ein Zeichen für die Ingangsetzung von Maßnahmen. So sollten ältere Menschen und Kleinkinder schon auf den Weg in die Schutzräume gebracht werden. Was getan werden musste, war örtlich festgelegt. Voralarm wurde je nach Einflugweg der feindlichen Flugzeuge gegeben, etwa 10 bis 12 Minuten vor einem möglichen Angriff.

  • Fliegeralarm (generell als Vollalarm bezeichnet). Das war ein jeweils an-und abschwellender Ton. Jetzt war das Aufsuchen von Schutzräumen Pflicht. Hier waren nur etwa sieben Minuten Zeit bis zu einem möglichen Angriff.
  • Entwarnung. Das war ein andauernder Sirenen-Dauerton.

Es gab noch interne Warnungen, die die Flugüberwachungszentralen an die Orte gaben, so z.B. „L 15" (Luftgefahr 15) oder „L 20" (Luftgefahr 20), die ausdrückten, dass es bis zu einem möglichen Angriff noch diese Zahl von Minu­ten dauern könne. Die örtliche Luftwarnzentrale gab diese Meldungen an Be­triebe, Krankenhäuser, Schulen und die öffentliche Verwaltung weiter und löste dort bestimmte Maßnahmen aus, so etwa die Entlassung der Melder aus dem Schulunterricht und die Alarmierung der SHD-Gruppen.

Örtlich wurden bei bestimmten Luftlagen auch Beobachtungsposten auf vor allem Türmen besetzt, die dann nähere Angaben über Zahl und Angriffsrichtung von Flugzeugen bzw. genaue Schadensmeldungen an die Einsatzleitungen ge­ben sollten. Das war fast überall der Fall, nicht nur in Crailsheim.
 

Die Bevölkerung hatte noch eine direktere Möglichkeit, sich über die Luft­gefahr zu informieren. Radiogeräte, die Drahtfunk empfangen konnten, erhiel­ten über ihren Einzugsbereich Meldungen. Das äußere Zeichen, dass man den einschalten sollte, war das Abschalten der normalen Rundfunksendungen. Auch wer keinen Drahtfunk empfangen konnte, bekam diese Luftlagemeldungen über eine bestimmte Wellenlänge. Für die Crailsheimer waren die Warn-Sendungen aus  Nürnberg und  Stuttgart zu empfangen. Radio Nürnberg hatte einen Spre­cher, der eine sehr beruhigende Stimme und Art hatte.-Er bekam bald den Spitznamen „Onkel Baldrian“

Stuttgarter Luftlage-Meldungen begannen mit einem Kuckucksruf. Im zweiten Halbjahr 1944  blieben in den Haushalten tagsüber das Radio eingeschaltet.


Luftwarnung in Crailsheim

Die Luftlagemeldungen gingen bei der Polizeidienststelle im Rathaus ein. Hier bestand eine Telefon- und Drahtfunk-Verbindung mit der zuständigen Luft-Warnstelle in Heilbronn. Die Meldungen wurden ab einer bestimmten Luftlage an die Kanzlei des Bürgermeisters im Rathaus weiter gemeldet. Alle Meldungen wurden in einem Luftwarnbuch protokolliert, das weitgehend im Stadtarchiv erhalten ist. Die drei Sirenen in der Stadt Crailsheim wurden von der Polizei­dienststelle ausgelöst. Außerdem gab es für den Bereich des Fliegerhorst zwei weitere Sirenen und auch das Boschwerk hatte eine Sirene.

Während des Fliegeralarms war das Polizeirevier im Rathaus mit einem Poli­zisten, einem Telefonisten, zwei zusätzlichen Protokollführerinnen/Telefonistin­nen, Angestellte der Stadtverwaltung, besetzt. Der Leiter der Schutzpolizei Hilscher war 1944 bei Fliegeralarm mit zwei Meldern auf dem Rathausturm. Bei Fliegeralarm bestand telefonische Verbindung zur Luftschutz-Leitstelle im Falkenkeller und u.a. zur Turmbeobachtung auf dem Rathausturm.

Für die Crailsheimer gab es noch eine andere Gefahr-Warnung: Wenn sich feindliche Flugzeuge dem Luftraum näherten, wurde der Flugplatzdienst in Bereitschaft gesetzt. Dazu gab es den sogenannten Jägeralarm. Das war ein mehrmaliger Pfeifton.

Nichtöffentliche Vorwarnungen gab es für bestimmte Dienststellen, vor al­lem auch für die Schulen. Hier galt Luftgefahr 20, also eine Luftangriffsgefahr nach etwa 20 Minuten, zeitlich deutlich vor öffentlicher Luftwarnung und Flie­geralarm. Die Anweisung lautete, dass dann die Lehrkräfte mit ihren Schülern die Luftschutzräume aufzusuchen hatten. Wenn nicht genügend Plätze in den LS-Räumen vorhanden waren, sollten die Schüler nach Hause entlassen wer­den, sofern die Schulwege das zuließen.
 

"L 20" klingt sehr lang für die Vorwarnung der Schulen. Jedoch hatten in Crailsheim nicht alle für den Unterricht genutzten Gebäude Telefon. Deshalb waren Dienststellen und Einzelpersonen mit Telefonverbindung zwischen­geschaltet, so Wilhelm Bauer, Lebensmittelgroßhändler (und Blockleiter) in der Grabenstraße für die Hauptschule in der Grabenstraße, ebenso der HJ-Bann für die Schulgebäude in der Langestr. 59 und Spitalstraße 2 und August Blum für die Ludwigstraße 12. Wurde die Luftwarnung aufgehoben, konnte der Schul­unterricht wieder aufgenommen werden. Um diese Aufhebung durchzugeben, wurden Melder bei den Telefonen in der Schule bzw. den Vorwarnstellen platziert, die erst bei Fliegeralarm auch die LS-Räume.

Die Melder

Die Luftschutzleitung in Crailsheim unter Bürgermeister Fröhlich - sicher ab­gestimmt mit dem Kreisleiter - ging davon aus, dass es durch eine zentrale Befehls­stelle möglich sein würde, gegen Fliegerschäden gezielt vorzugehen. Dazu soll­ten zwei Voraussetzungen dienen: die getroffenen Ziele würden erkannt und die festgestellten Schäden - vor allem Brände - könnten von den dezentral an drei Stellen aufgeteilten Löschkräften zentral gelenkt je nach Bedarf erreicht und bekämpft werden. Dieser Planung lagen sicherlich noch nicht die im Laufe des Jahres 1944 andernorts gemachten Erfahrungen über die Flächenwirkung der Bombardierungen zugrunde.

Die zentrale Einsatzleitung war im sicheren Falkenkeller in der oberen Wilhelmstraße, der wichtigste Beobachtungspunkt war der Turm des Rathau­ses. Von dort aus würden die Schäden festgestellt und an die Einsatzleitung gemeldet. Außerdem gab es eine Einsatzleitung der städtischen Betriebe in der Kronprinzstraße (heute Worthingtonstraße). Die Feuerwehr hatte ebenfalls eine zentrale Stelle im „Wilden Mann Keller." Darüber hinaus waren Luftschutz-warte in Luftschutzbezirken vorhanden, die Schäden in ihren Bereichen an die Zentrale melden sollten. Diese Stellen waren alle telefonisch verbunden. Man war sich aber klar darüber, dass diese Verbindungen im Ernstfall nicht gewähr­leistet waren. Deshalb sollten Melder eingesetzt werden. Und zwar einmal zur Meldung der Schäden, zum anderen zur Weiterleitung von Befehlen an die Ein­satzkräfte.


Diese Melder fanden sich in Schülern bzw. Hitlerjungen, darunter aber auch Mädchen. Ihr Alter war 1944 um 14 Jahre. Und sie taten diesen Dienst recht einsatzfreudig. Verbunden war damit, dass sie bereits bei Luftgefahr 15 schnellstens zu den ihnen von der Luftschutzleitung zugewiesenen Standorten kom­men mussten. Das war ab Herbst 1944 in schnell ansteigender Häufigkeit der Fall. Die Belastungen waren für diese Jugendlichen körperlich und psychisch enorm, ihre Gefährdung war hoch.
 

Die Bezeichnung „Melder" hatte damals für die Jungen und Mädchen eine mythische Bedeutung. Das hing sehr eng mit dem propagierten Lebensweg von Adolf Hitler zusammen, den jeder Junge und jedes Mädchen kannte. Hitler war im ersten Weltkrieg als Soldat auch als Melder eingesetzt und wurde wegen Tapferkeit ausgezeichnet. Die psychologische Wirkung dieses Meldermythos war, dass Melder als tapfer galten und dass man als Melder aus der Anonymität der Gruppe herausragte. An Freiwilligen für die Aufgabe des Melders hat es in Crailsheim und andernorts nie gefehlt.

Schutz-Maßnahmen

In Crailsheim wurde auch Vorsorge für den Notfall getroffen. 1991 heißt es dazu in einer Broschüre der Stadtwerke Crailsheim GmbH: „Im Zuge der für die Stadt getroffenen Luftschutzmaßnahmen standen in der Stadt laut einem 1944 aufge­stellten Luftschutzplan acht laufende Brunnen, acht Pumpbrunnen, drei Schöpfbrun­nen und vier Ventilbrunnen mit durchweg ,einwandfreiem Trinkwasser' zur Verfügung.... außerdem galten jeweils eine Hälfte des Wassers der Hochbehälter Karlsberg (1560 Kubikmeter) und Onolzheim (1000 Kubikmeter) als ,Brandreserve' .... Insgesamt wa­ren 23 Löschwasserstellen (Wasserentnahmestellen aus der Jagst und Bächen und Löschwasserteichen), darunter 14 diesseits und neun jenseits der Jagst, und fünf weite­re in Ingersheim und Altenmünster vorgesehen." (Der Fliegerhorst hatte seine eigene Organisation.)

"Insgesamt 80 Mann waren als technische Nothilfe eingeplant. Davon hatten die Stadtwerke 27 Mann zu stellen (Betriebstrupp EW acht, Gas vier, Wasser drei Mann, Rohrtrupp Gas vier, Wasser acht Mann).
Der Direktor der Stadtwerke, Gotthilf Linden­
meyer, gehörte neben sieben anderen Mitgliedern zur örtlichen Luftschutzleitung."

Zu den nach dem September 1943 getroffenen Maßnahmen gehörte auch die Aufstellung eines Entgiftungstrupps. In der Chronik der katholischen Kir­che St.Bonifatius heißt es dazu: „Bei den Alarmen versammelte sich im Keller des Pfarrhauses jeweils der sog. Entgiftungstrupp, d.h. eine Gruppe von Männern, die im Falle eines Angriffes mit Giftgas Schutz und Hilfe übernehmen sollten. Der Keller war hierfür in besonderer Weise mit Doppeltüren und Doppelfenstern abgedichtet worden."


Vorsorge wurde auch auf andere Art getroffen: Die Kirchen bemühten sich um Schutz ihrer Bauten und Kunstwerke. Die Johanneskirche brachte die Flügel des Altars und andere Kunstschätze im Erdgeschoss des Turmes erfolgreich in Sicherheit. Die wertvollen Epitaphien im Chor der Johanneskirche wurden ummauert. Die Glocken wurden abgenommen. Eine musste an ein Glocken­lager in Lünen/Westfalen abgegeben werden und kam nach dem Krieg unver­sehrt zurück. Die größere Glocke wurde im Löwen-Keller am Karlsplatz einge­lagert und musste wegen Brandbeschädigungen nach dem Krieg in zwei kleine­re Glocken umgegossen werden. Die Stadtverwaltung verlagerte Archivgut ins Schloss nach Rechenberg und auch in den Turm der Johanneskirche. Die städti­sche Fayancen-Sammlung wurde ausgelagert und Behörden, Betriebe und Pri­vatpersonen verlagerten Dokumente und Wertsachen an verschiedene Orte. Zu wenig, wie sich später herausstellen sollte.


Öffentliche Schutzräume

In Crailsheim gab es eine Reihe von öffentlichen Luftschutzkellern. Konrad Rahn beschreibt das in seiner Chronik auf S. 55:

„Als Schutz für die Menschen waren eine Anzahl größerer Keller vorgesehen, da viele Häuser der Altstadt keine oder nicht genügend sichere Keller hatten. Als größere und sichere Keller kamen in Betracht: Wirtschaft zum Falken, Wilhelmstraße 8; in diesem Keller fanden allein mehrere hundert Menschen Platz. Ferner der Keller beim Bauern Pröger, Ellwangerstraße; der Keller des Stationskommandos, Lange Straße 61; der Keller des Malermeister Horlacher, Spitalstraße; der Wilde-Mann-Keller, Schiller­straße. Außerdem war vor allem der große Crons-Keller gegenüber dem Schlachthaus, der tief in den Felsen gesprengt war; und der Stollen in der Bergwerkstraße, der für die Belegschaft der Firma Robert Bosch auf große Tiefe erweitert war und dem stärksten Beschuss stand hielt."

Das waren nicht alle öffentlichen Luftschutzkeller, so gab es noch den Keller der Gastwirtschaft Engel am Schlossplatz, den Löwen-Keller in der Hirschgasse, den Keller der „Rose" in der Langestraße, den Schwanen-Keller bei Küfer Welz, den "Bunker" - die Theatergaststätte unter dem Kino in der Wilhelmstraße -und den Keller des Konsums in der Grabenstraße.

In der Langestraße wurden die Keller der dicht aneinander gebauten Häuser durch Mauerdurchbrüche miteinander verbunden, so dass Rettungswege ent­standen.

In der Sitzung des Gemeinderats vom 23. September 1943 hatte Bürgermei­ster Fröhlich die Ratsherren über weitere notwendig gewordene Luftschutz­maßnahmen informiert. Im Protokoll heißt es:

„Das Luftgaukommando WI hat die Stadt Crailsheim als besonders gefährde­ten LS-Ort anerkannt und in das LS-Führerprogramm (Ausweitung) aufgenom­men. Daraus erwächst der Stadt die Pflicht, in größerem Ausmaß Luftschutz­baumaßnahmen durchzuführen. Das Stadtbauamt hat in erster Linie vorgese­hen, je einen Löschwasserteich von 500 cbm Fassungsvermögen auf dem Volksfest­platz, im Kreiskrankenhausgarten und im Vorort Altenmünster zu erstellen, außerdem die Eisbahnfläche im Spitalsee als Löschwasserteich auszunützen. Die Kosten für einen Löschwasserteich sind zu rund 9.000 RM berechnet. Ferner sind Deckungsgräben auf dem Volksfestplatz, beim Kreiskrankenhaus, im städtischen Park und bei der Grabenschule ins Auge gefasst, ob auch noch an weiteren Plätzen solche ausgeführt werden müssen, wird erst noch geprüft. Mit der Ausführung von Deckungsgräben soll auf dem Volksfestplatz begonnen werden mit einem Aufwand von rund 13.000 RM.

Nach den bestehenden Vorschriften hat das Luftgaukommando zu bestimmen, wo und wann und in welcher Reihenfolge die Luftschutzbaumaßnahmen auf Kosten des Reichs durchgeführt werden. Bei der steigenden Luftgefahr sollten die dringendsten Baumaßnahmen so rasch als möglich ausgeführt werden Der Bürgermeister gibt der Meinung Ausdruck, dass dies auf Kosten der Stadt geschehen müsste, wenn das Reich eine baldige Durchführung auf seine
Rech
nung ablehnen sollte. Bei jeder Art der Durchführung muss eine starke Heranziehung der Einwohnerschaft zur Gemeinschaftsarbeit ins Auge gefasst werden.“

 

Die Mittel des Reiches flossen zäh. Die Protokolle von Gemeinderatssitzungen im Jahr 1944 zeigen das sehr deutlich. Obwohl im September verkündet, kam die offizielle Anerkennung als besonders gefährdeter Luftschutzort erst am 15. November 1943, womit nun auch die staatlichen Mittel gewährleistet waren.  Daraufhin wurde im Dezember eine Liste von Vorhaben eingereicht, die am 17 Februar 1944 genehmigt wurde. Die wurden dann am 16. Mai 1944 von der Rüstungsinspektion V des Reichsministeriums Speer zum Bau freigegeben. Nur der erforderliche Zement für Abdichtung der inzwischen ausgeführten Grabarbeiten war noch nicht zugewiesen. Die übrigen staatlich zur Verfügung gestellten Mittel waren für LS-Deckungsgräben - z.B. im Krankenhaus - und für den Ausbau von öffentlichen und privaten Luftschutzräumen vorgesehen. Diese Projekte führte die Stadt durch, vieles wurde in freiwilliger Gemeinschaftsarbeit geleistet.

Das größte ins Auge gefasste Projekt Mitte 1944 waren Stollenbauten für sichere öffentliche Luftschutzräume. Im Juni kamen zur Inspektion ein Professor vom Reichsamt für Bodenforschung und ein Oberingenieur von Landesplanungsgemeinschaft aus Stuttgart nach Crailsheim. In Erwägung gezogen wurden Stollen in der Bahnhofsinsel, im Bergwerk, im Fronberg und Kreuzberg, außerdem ein Stollen im Steinbruch auf der anderen Jagstseite bei der Kalkmühle. Diese Prüfung überstand nur das Bergwerk. Inzwischen hatte aber das Innenministerium einen Erlass herausgegeben, dass solche Stollen, die noch als Pionierprojekt galten, von einem Sonderberichterstatter Reichsstatthalters, einem Regierungsbaudirektor, vor Planungsbeginn zu prüfen wären, der dazu nochmals geologische Gutachten einholen musste. Erst  dann konnte die Genehmigung zur Planung erteilt und die eigentliche Planung durchgeführt werden. Dann musste der Bau der Stollen bei der Baugenehmigungsbehörde beantragt werden, die auch die Genehmigung des Rüstungsministeriums und des Luftgaukommandos einzuholen hatte. Erst jetzt hätte auch die Baustoffzuteilungen erfolgen können. So konnte in Crailsheim  keines der Stollenbauprojekte mehr realisiert werden.

Hinzugekommen war dann noch ein Stollenbauprojekt in den Kreckelbierg hinter dem oberen Sportplatz. Die Stadt wollte im Januar 1945 ohne Rücksicht auf die Behörden-Bürokratie wegen der zunehmenden Luftgefahr auf eigene  Verantwortung die Projekte Bergwerk und Kreckelberg in Angriff nehmen. So das Gemeinderatsprotokoll vom 18. Januar 1945. Das war unter den gegebenen Umständen dann aber nicht mehr durchführbar.


Die Crailsheimer Feuerwehr 1944

Die Freiwillige Feuerwehr in Crailsheim war Feuerschutzpolizei. Ihre Mit­glieder hatten Polizeiränge - so z.B. Hauptwachtmeister der Feuerwehr - und waren durch eine Verfügung des Landratsamtes zu Hilfspolizeibeamten für den Bereich Feuerwehrdienst ernannt und unterstanden der Polizeidienstordnung.
Der Wehrführer der Crailsheimer Feuerwehr war der Kreisbauinspektor Walter.
Der Fliegerhorst und die Firma Bosch hatten eigene Feuerwehren.

Das Problem der Crailsheimer Feuerwehr im Krieg war, dass ihre jungen Mitglieder eingezogen waren. Das heißt, dass die eingespielte Weckerlinie nicht mehr funktionsfähig war bzw. nur noch bei den vier verbliebenen Feuerwehr­leuten klingelte. Es mussten nun ältere Männer den Dienst der Feuerwehr lei­sten, von denen ein Teil kriegsdienstverpflichtet wurde. Hinzu kamen Jungen von der Feuerwehr-HJ. Diese Feuerwehr-Mannschaft wurde in drei Züge ein­geteilt, die bei Fliegeralarm unterschiedliche Sammelstellen für die SHD-Grup­pen hatten. 1944 waren das:

1.Zug: Luftschutzkeller der Firma Herzog in der Schillerstraße. Das war auch der Standplatz für das Feuerlöschfahrzeug LF 16.

2.Zug: Luftschutzkeller Gasthaus "Rose- (Langestraße 20), Feuer­löschfahrzeug TS 8.

3. Zug: Luftschutzkeller der Kreisleitung (Bahnhofstr. 22), Feuerlöschfahrzeug TS 8.

Als die Fliegeralarme zunahmen, wurde nachts durchgehend eine Einsatzbe­reitschaft für die Feuerwehr eingerichtet. Jeweils einer der drei Züge hatte von 18:00 bis 6:00 morgens Dienst, und zwar in der damals geschlossenen Gast­wirtschaft Rose in der Langestraße 20. Das Nebenzimmer wurde Aufenthalts­raum und als Schlafraum mit Pritschen ausgestattet.

Im August und September 1944 fuhren je ein Zug nach Stuttgart zu Einsät­zen nach Bombenangriffen.

Im Dezember 1944 wurde die Crailsheimer Feuer­wehr in den Dienst des Volkssturms integriert. Der Bürgermeister ordnete am 8. Dezember an:

„Die gesamte Feuerwehr ist regelmäßig in jedem Monat am 1. und 3. Mitt­woch 20-22 Uhr und am 2. und 4. Sonntag 8-12 Uhr beim Unterweisungs- und Übungsdienst des Deutschen Volkssturms ... Zur Sicherstellung des Feuer­löschdienstes während dieser Inanspruchnahme treffe ich diese Anordnung: Der Wehrführer hat über die jeweilige Dauer des Volkssturmdienstes der Freiw. Feuerwehr  eine Feuerwehrgruppe mit Löschfahrzeug in Bereitschaft zu halten.
 

Luftwarnhäufigkeit 1944

Im Stadtarchiv Crailsheim liegen die Warnmeldebücher, aus denen die Luft­warnungen und Fliegeralarme für die Stadt Crailsheim hervorgehen. Eine Aus­wertung für die Monate Mai, Juli und Oktober 1944 nur bezogen auf öffentli­che Luftwarnungen und Fliegeralarme zeigt die zunehmende Bedrohung durch den Luftkrieg. (Wie stark das Leben und die Arbeit in der Stadt immer mehr von den Luftkriegsaktivitäten beeinflusst wurden, geht aber erst aus den tägli­chen Eintragungen aller Luftlage-Meldungen - das waren häufig mehrere Dut­zend pro Tag - hervor, die in den Monatskapiteln Juli und Oktober an den Beispielen einzelner Tage aufgeführt werden.
 

Im Mai 1944 gab es in Crailsheim 12 öffentliche Luftwarnungen (davon 4 nachts) und 8 Fliegeralarme (davon 3 nachts).

Im Juli waren es 9 öffentliche Luftwarnungen (davon 5 nachts) und 13 Flie­geralarme (davon 5 nachts).

Im Oktober wurde 44mal öffentliche Luftwarnung gegeben (davon 5 nachts) und 14 Fliegeralarme (davon einer nachts).

Im Oktober 1944 gab es in Crailsheim nur 7 Tage, an denen es weder Luft­warnung oder Fliegeralarm gab.

In einem nach dem Krieg erstellten Bericht schrieb der im Krieg im Amt befindliche Bürgermeister Fröhlich:

 

„Insgesamt hatte Crailsheim bis zur gänzlichen Zerstörung der städtischen Großalarmanlage (23.2.1945) 256 Fliegeralarme (Vollalarme) und außerdem 247 - erst ab Februar 1943 eingeführte - „öffentliche Luftwarnungen". Ihre Häu­figkeit war bis zum Sommer 1943 recht verschieden, um dann steigend zuzuneh­men, so dass beispielsweise am 28.9.1944 viermal öffentliche Luftwarnung und zweimal Fliegeralarm, am 8.10.1944 fünfmal öffentliche Luftwarnung und zweimal Fliegeralarm, am 14.2. 1945 einmal öffentliche Luftwarnung und fünf­mal Fliegeralarm gegeben werden musste.
Bei jedem Angriff auf Nürnberg, teil­weise auch Augsburg und München nahmen bis zu vielen Hunderten von feind­lichen Flugzeugen ihren Weg über Crailsheim."


Quelle: Armin Ziegler: "Crailsheim 1944 – eine Stadt im totalen Krieg, Crailsheim 2004

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