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Schulspeisung 1947

In Crailsheim begann die Schulspeisung – zuerst als Hoover-Speisung nach dem ehemaligen Präsidenten Herbert Clark Hoover benannt – am Montag, den 23. Juni 1947.

Zur Kreisbeauftragten war zehn Tage vorher – am 13.4.1947 – Frau Julia Pöhler benannt worden. Sie war damals nicht mehr im Gemeinderat, jedoch noch im Kreisrat.

Ihr Büro war ihre Wohnung in der Goldbacherstr. 50.

Sie war alle Jahre bis 1966 ehrenamtlich tätig.

Die Schulspeisung war anfangs eine eindeutig amerikanische – und so auch US-bürokratisch bestimmte  – Einrichtung. Die Lebensmittel kamen überwiegend aus amerikanischen Beständen, die personellen und organisatorischen Leistungen wurden von deutscher Seite von Gemeinden und Kreisen erbracht.

Die Richtlinien sahen vor, dass unterernährte Kinder an den Schultagen in der großen Pause eine Kost in der Höhe von 350 Kalorien erhalten sollten, und zwar auf folgender Grundlage:

Zweimal ein Gericht auf Nährmittel-Milch-Basis, zweimal auf Hülsenfrüchte-Basis, einmal auf Nährmittel-Obst-Basis und einmal auf Nährmittel-Gemüse-Basis. Jeweils jedoch nach Lebensmittel-Anfuhr.

Der Speiseplan wurde wöchentlich mit genauen Zutaten-Angaben im Crailsheimer Amtsblatt veröffentlicht. Er sah dann z.B. so aus (die Zutaten-Angaben sind hier weggelassen).

Montag: Haferflockenbrei mit Kakao
Dienstag: Erbsensuppe
Mittwoch: Kakao mit Dampfnudel
Donnerstag: Legierte Suppe
Freitag: Haferflockenbrei mit Sauerkirchen.

Teilnahmeberechtigt waren Kinder, die für ihre Körpergröße ein zu geringes Gewicht hatten. Beispiel: Ein Kind (Junge oder Mädchen, es wurde kein Unterschied gemacht), das 150 cm groß war, aber unter 42 kg wog oder 165 cm groß war, aber unter 54,6 kg wog, war teilnahmeberechtigt. Kinder von sogenannten Selbstversorgern waren ausgeschlossen.

Als Küche stand die nicht mehr genutzte der früheren Hauswirtschaftsschule im Keller der Leonhard-Sachs-Schule zur Verfügung. Sie wurde auf Kosten der Stadt innerhalb einer Woche hergerichtet. Anfangshilfen kamen auch vom Roten Kreuz und dem Crailsheimer Krankenhaus.

Es gibt einen eingehenden Bericht von Frau Pöhler über den Beginn der Schulspeisung in Crailsheim vom zweiten Tag, dem 24. Juni 1947.

Der Grund war eine Bericht eines „Investigator“ der Militärregierung, der die Unzulänglichkeiten des ersten Tages penibel herausgestellt hatte, u.a. Terminverzögerungen, unterschiedliche Größe der Gefäße der Kinder – und der Schöpfkellen der Ausgebenden.

Frau Pöhler schrieb diese erzürnte
Antwort auf den Investigator-Bericht am 24. Juni 1947an die Militärregierung.

Er zeigt aber auch die Arbeit von ihr und ihren Mitarbeitern umfassend.

Der Pöhler-Bericht zur Schulspeisung:

„Der Kreisrechner, Herr Sommer, teilt mir eben telefonisch mit, dass Herr Schneider von der Militärregierung eine Liste der in der Küche beschäftigten Personen, sowie um eine Liste der gespeisten Schüler ersucht habe. Eine ähnliche Bitte des Herrn Hertich ver­sprach ich zu erfüllen, so die dringendsten Anfangschwierigkeiten überwunden wären.

Da dem Ersuchen des Herrn Schneider die Begründung beigefügt war, dass schon jetzt, also sozusagen mit dem Beginn der Speisung, schon ernste Klagen darüber bei der Militärregierung eingelaufen seien, beeile ich mich, einen kurzen Bericht über die bisherige Arbeit dem Ausschuss und der MR vorzulegen.
       
1. Die Auflage, innerhalb 10 Tagen die Vorbereitung zur Speisung von etwa 500 Kindern in der Stadt und über 2 000 im Kreis zu schaffen, war leichter gesagt als ausgeführt, da infolge der Kriegsverhältnisse so gut wie nichts vorhan­den war. Nur durch außerordentliche Bemühungen war es möglich, mit Hilfe von Leihgaben des Roten Kreuzes und des Kreiskrankenhau­ses, die völlig leere Schulküche hier in Crailsheim rechtzeitig auszustatten, wenigstens mit dem Allernötigsten. Das Stadtbauamt tat sein möglichstes, um die Instandsetzungsarbeiten durchzufüh­ren, die am Freitag, den 20.6. im großen Ganzen beendet waren, so dass wir am Samstag nachmittags die Kessel probeweise anfeuern konn­ten. Es bedurfte besonderen Zuspruches, um die Kochfrauen zu einen ersten Versuch für Montag, den 23.6. zu ermutigten.

2.Von der richtigen Auswahl des Küchenpersonals hing das Gelingen im hohem Maße ab, deshalb wurde darauf besondereSorgfalt verwandt. Viele persönliche Besuche ergaben, dass die meisten mir genannten Frauen oder Mädchen sich ungern ganz verpflichten wollten, da die Anforderungen nicht klein sind.

Zuletzt wurde probeweise folgende Auswahl getroffen:
Fräulein Lore Bay, Sandgrubenstr.
Fräulein Else Fegert, jetzt Frau Kreißel, Sandgrubenstr.
Fräulein Lotte Glasbrenner, Adelheidstr.2.
Frau Helene Haas, Hardstr. 1.

Für die Auswahl waren folgende Gesichtspunkte maßgebend:

Es sollten nur absolut zuverlässige und fähige Köchinnen in Fragekommen, damit die zur Verfügung gestellten Lebensmittel sachkundig und gewissenhaft für den vorgesehenen Zweck restlos verwendet würden.

Die Frauen sollten vormittags von 6-11 Uhr der Küche zur Verfügung stehen; daher konnten nur unabhängige Kräfte eingestellt werden. Die Küche soll grundsätzlich nicht von Unberufenen betreten werden. Es schien daher geraten, Mütter mit Kindern nicht zu wählen, da erfahrungsgemäß die Kinder nur sehr schwer von der Küche abzuhalten sind, wenn die Mutter dort kocht.

Fräulein Bay war Küchenleiterin im Seminar Heilbronn;
Frl.Fegert ist Hauswirtschaftslehrerin im Schuldienst noch nicht verwendet,  Frau Kreißel, frühere Schülerin von mit, ist außerordentlich willig, auch unter schwersten Bedingungen zu arbeiten; sie hat schon in größeren Lagerküchen den Betrieb durchgeführt. Frau Haas lebt allein, da ihr Mann wie der der Frau Kreißel noch in Kriegsgefan­genschaft ist. Für den Anfang haben wir das Glück, die frühere Lazarettköchin, die mit Herd und Dampfkesseln vertraut ist, Frau Birkert, zum Anlernen der übrigen zur Hand zu haben.

Frauen, die sich für die ersten Anfangsschwierigkeiten aus persönlicher Gefälligkeit zur Hilfe anboten, wie Frau Ott, Lindenweg, scheiden jetzt, wo der Betrieb läuft, von selber aus.

Auf die Fragebogen der Beschäftigten glaubte ich keine Rücksicht nehmen zu müssen, da sie ja alle für alle vorkommenden schweren Reini­gungsarbeiten gleichmäßig herangezogen werden, also im Sinne des Gesetzes Nr.104 in gewöhnlicher Stellung nach Stundentarif, der mit dem Arbeitsamt nach Ablauf der Probewoche ausgemacht wird, beschäf­tigt sind.

Für das Heben der schweren 40 Liter-Kannen, sowie für die notwendigen Botengänge, Besorgungen wurde der in unmittelbarer Nachbarschaft der Schule lebende Lehrer Messer eingestellt, der auch die schweren La­gerarbeiten, das Heben der Lebensmittelkisten und Packungen sowie die Regelung der Kannenverteilung besorgt. Er ist sehr fleißig und absolut zuverlässig und ebenfalls in untergeordneter Stellung nach Stundentarif beschäftigt.

Die Verrechnung für den Kreis besorgt der auf Widerruf angestellte Beamte des Bürgermeisteramtes, Herr Sommer.

3.    Zur Beihilfe und Unterstützung der Lehrer bei der Verteilung der Speisen wurde im Zeitecho um freiwillige Meldung gebeten. Die an bestimmter Zeit in der Leonhard-Sachsschule Erschienenen  nahm der mir nicht bekannte Berichterstatter der MR, Herr Haag, in eine Anwesenheitsliste auf. Diese Liste wurde mir erst heute, 24.6. zugestellt, so dass mir bis jetzt eine Auswahl oder Benachrichti­gung der betreffenden, die mir persönlich fast alle unbekannt wa­ren, gar nicht möglich gewesen ist. Einen Übersichtsplan für diese Helferinnere kann also erst jetzt aufgestellt werden. Ich würde raten, dabei nur die in der Nähe Wohnenden für die kurze Zeit von etwa einer halben Stunde freiwilliger Beihilfe in Anspruch zu nehmen. Wenn die MR auch für diese Frauen listenmäßige Erfassung vorschreibt, soll die durchgeführt werden, obwohl manche nur für einen Tag in der Woche aushelfen. wollen.

Irgendwelche geheimen Machenschaften sind natürlich nicht in Aussicht genommen bei der ganzen Angelegenheit; doch möchte ich gerne die Hilfsarbeit in die erste, und die Berichterstattung und Listenerstellung womöglich in die zweite Linie rücken.

Für den Landesausschuss in Stuttgart sind sowieso wöchentliche Berichte über alle Gebiete bis in jede Einzelheit aufzustellen. Von dort wird für jeden Freitag der Landesmilitärregierung eingebend Bericht erstattet. Wenn gewünscht geht der örtlichen Militärregierung ein Durchschlag zu.

4. Die Auswahl der zu speisenden Kinder ist für diese erste Periode nicht ganz unproblematisch, weil zunächst die Zahlen des Vormonats zugrunde gelegt werden, wo nach Anweisung des Gesundheitsam­tes alle Kinder mit mehr als 10Prozent Untergewicht (nach dem von der MR vorgeschriebenen Standardgewicht von den Lehrern durch Messen und Wiegen errechnet)wurden. Für Ende der laufenden Woche müssen nach Stuttgart die Zahlen der neuen Periode geliefert werden, bei denen Selbstversorger im allgemeinen ausgeschlossen sind. Diese Zahlen konnten wegen der auf dem Lande laufenden Heuferien bis jetzt nicht berücksichtigt werden, sind aber für Wochenschluss vom Gesundheitsamt erhältlich und werden sofort wei­tergegeben und so schnell wie möglich verwertet.

Bei der bisherigen Ausgabe mussten anden zwei Tagen erst Erfahrungen sammelt werden.
Für Crailsheim mit Altenmünster und Ingersheim wurden 500 Kinder zur Speisung vorgesehen.

Nach Anweisung des Landesausschusses in Anlehnung an die Richtli­nien der Militärregierung dürfen von den 600 000 Schülern der amerikanischen Zone 300 000, also 50 Prozent gespeist werden. Als ländli­cher Kreis, der ernährungsmäßig den Großstädten immer noch überlegen ist, haben wir uns absichtlich mit einem Drittel der Gesamtschülerzahl begnügt.

Die Gesamtschülerzahl für Crailsheimmit Vororten beträgt für Volksschulen und und Oberschulen 1500; für den Kreis 8 686 nach Angabe des Bezirks­schulamtes. Wieweit dabei die Oberschulen von Gerabronn, Blaufelden, Kirchberg mitgerechnet sind, kann ich augenblicklich nicht feststellen, da alle Ämter schon geschlossen haben.

Wenn sie, wie ich vermute, noch dazukommen, erreichen wir eine Gesamtzahl von etwa 8 850 bis 8 900 für den Kreis, der bis jetzt für die Speisung 2 064 Kinder angemeldet, also nur ein Viertel der Gesamtzahl, erfasst hat, statt der von der Militärregierung  erlaubten 50 Prozent.

Der Amtsarzt hat aus Gewissenhaftigkeit den Beginn der Speisung bis zum Vorliegen ganz genauer Richtlinien und einwandfreier Zahlen hin­auszuschieben vorgeschlagen. Diesem Vorschlug konnte ich als Geschäftsführer des Ausschusses nicht zustimmen, da ich die Weisung hatte, mit Beginn der 103. Versorgungsperiode mit der Speisung zu beginnen, was ich umso lieber tat, als ein Blick auf unsere Kinder die Notwendig­keit der Maßnahme in jeder Hinsicht rechtfertigt. Wenn eine Hilfsmaß­nahme von der Besatzungsmacht angeregt wird, sollte sie so schnell wie möglich durchgefühlt werden im Interesse unserer Kinder.

Unsere Ansätze, 33 % für die Stadt, 25 %für den Kreis zeigen, dass wir nicht zu hoch gegriffen haben, wenn die Militärregierung die Speisung für 50 Prozent aller Schüler vorsieht. Die Bitte, mit der Ablieferung der Namenslisten bis zum Vorliegen genauer Zahlen für die neue Periode zu warten, kann ich wohl verantworten, da diese Zahlen schon zu Ende der laufenden Woche gesammelt werden. Eine  Kontrolle hat ja erst dann einen Sinn, wenn überhaupt schon etwas vorliegt, was kontrolliert werden kann. Sie kann sinngemäß der Einrichtung der Schulspeisung, die gestern begonnen hat, nicht vorausgehen, sondern sollte die ersten Erfahrungen abwarten.

5. Gerne gebe ich zu, dass die Abwicklung am gestrigen ersten Tag noch zu wünschen übrig ließ. Die Erfahrungen des heutigen zweiten Tages zeigen, dass aus den Fehlern des Vortages gelernt worden ist. Durch Einsetzen eines andern Fahrzeuges wurde die Molke von der Molkerei pünktlich um 6 Uhr in der Frühe abgeholt und 6 Uhr 20 in der der Küche abgeliefert, wo der  Dampfkessel um 6 Uhr geheizt wird, so dass die Speisen nach 2 Std. am Kochen sind und um 9 Uhr schon in die Versandkannen eingefüllt werden körnen.

Pünktlich  um 9 Uhr 30 konnte die Verteilung beginnen; um 10 Uhr muss sie auch in Altenmünster, dem letzten Verteilungsort, durchge­führt sein; dies war heute schon um 9 Uhr 45 der Fall.

Wenn über die Größe und  Wiederholung der Ausgabe bei der MR schon Klagen eingelaufen sind, dann ist das aus der Verschiedenheit der von den Kindern mitgebrachten Essgeschirre zu erklären. Auch  gleich große Schöpfkellen werden uns erst am Donnerstag von einer Haller Firma geliefert.

Ein winzig kleines Schüsselchen kann gerne noch einmal nachgefüllt werden, wenn die Kannen noch nicht leer sind. Dass am ersten Tag auch die Lehrer und die Helferinnen noch nicht allen Möglichkeiten gewachsen waren, ist verständlich; alle werden sich Mühe geben, aus den Fehlern zu lernen. Dass auch die Küche erst lernen muss, mit den pein­lich ausgewogenen und berechneten Portionen das richtige Flüssigkeitsmass in Einklang zu bringen, ist erklärlich wie der Umstand, dass  bei Beginn einer solchen Unternehmung viel und mancherlei  kritisiert wird, mit und ohne Grund.

Ich wäre dankbar,  wenn Gerüchte solcher Art nicht allzu schwer genommen würden, so dass den an der großen Arbeit Beteiligten die Freudigkeit nicht von vorneherein genommen wird. Selbstverständ­lich wird berechtigte Kritik gewissenhaft auf ihre Brauchbarkeit geprüft und verwertet.

Persönliche Empfindlichkeit spielt natürlich bei der Verbreitung von Verdächtigungen eine große Rolle. So hat mir am Sonntag  eine Frau erregte Vorwürfe gemacht, weil sie nicht in der Küche verwendet werde, so sie doch den Verdienst so gut hätte brauchen können neben dem Einkommen aus Putzarbeiten auf der Militärregierung. Es gelang mir nicht, sie von der Berechtigung der von mir getroffenen Auswahl zu überzeugen, was uns an der gewissenhaften Durchführung der Aufgabe nicht hindern soll.

Frau Julia Pöhler

 

 

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